Krefeld: die berührende Geschichte der Ilsebill Hauschild

Krefelderin wird 95 Jahre: Die beeindruckende Geschichte der Ilsebill Hauschild

Ilsebill Hauschild wird 95 Jahre alt. Ihre Geschichte hat uns so beeindruckt, dass wir sie hier erzählen. So hat die Hülserin erlebt, wie ihr 17-jähriger Schulkamerad im Krieg fiel. "Die Männer verschwanden einfach", sagt sie.

Diese Frau überblickt ein langes Leben, und mitten in ihrer Lebenserzählung legt sie eine erstaunliche Liebeserklärung an den Niederrhein ab. Gefragt, was das Schönste war, sagt sie, ohne zu zögern: "Das Schönste war, am Niederrhein zu sein, erst in Rheydt, dann in Hüls, und dass die Leute sehr angenehm sind. Hüls ist ein Beispiel. Die Menschen kümmern sich umeinander, sie helfen gern, hier ist es gut zu leben." Und was war das Schlimmste? "Das Ganze, was Krieg ist. Es gab eine Zeit, da hatten wir Angst, in die Zeitung zu gucken, weil auf der letzten Seite die Namen der Gefallenen standen." Manchmal ist es eine Gnade und eine Erlösung, einfach von netten Leuten umgeben zu sein, die das auch sein dürfen: nett. Weil die Raserei der Zeitläufte endlich, endlich zur Ruhe kommt.

Ilsebill Hauschild wird am 2. März 95 Jahre alt; den Hülsern ist sie als Umweltschützerin und bürgerliche Aktivistin vieler Initiativen in Erinnerung. Ihr Leben aber umfasst Weltgeschichte. Manches Gute. Viel Schreckliches. Ihre Lebenserzählung ist darin typisch für ihre Generation. Was mussten Menschen wie sie nicht alles durchstehen. Eigentlich zu viel für ein Menschenleben.

Geboren wurde Ilsebill Hauschild am 2. März 1923 in Neumark am Rande des Erzgebirges. Ihre Familie besaß dort einen Textilbetrieb mit Spinnerei, Weberei, Ausrüstung und Färberei; "so um die 180 Mitarbeiter", sagt sie. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war das Ende ihrer Jugend. Als später die Nachricht vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion kam, "saßen wir zu Hause am Tisch und weinten". Der Familie war klar: Diesen Krieg konnte man nicht gewinnen. Immer mehr und immer jüngere Männer mussten an die Front. "Hitler hat Männer vor dem Abitur ohne große Ausbildung nach Russland geschickt." Es gab Abschiedsbälle, berichtet sie, "wir haben gelacht, getanzt, gesungen und geweint".

Tränen bei Erinnerungen an zweiten Weltkrieg

Ein Mitschüler, 17 Jahre alt, habe ihr gesagt: Ich kann doch jetzt nicht nach Russland gehen. Er musste. Und fiel. "Die Männer verschwanden einfach. Wir kannten die ja alle. So viele Söhne waren einfach weg." Eine Tante, sagt sie, habe drei Söhne verloren. Dann versagt ihr die Stimme und sie kämpft mit den Tränen.

Nach dem Krieg fiel ihr Heimatort nach kurzem Intermezzo amerikanischer Besatzung an die Russen. 1952 wurden die Fabrik und das Wohnhaus der Familie enteignet, die Besitzer flohen in den Westen. Ihr Mann, berichtet Ilsebill Hauschild, habe sich zuvor mit den neuen Machthabern und dem Kommunismus auseinandergesetzt, Schriften von Lenin, Stalin und Marx gelesen. Ihm war danach klar, wo die Reise hinging. Der Sprung an den Niederrhein kam nicht unvorbereitet. Mönchengladbach und Krefeld - das waren Hochburgen der Textilindustrie, die die Hauschilds schon von der Ausbildung zum Textilingenieur kannten. Ilse Hauschilds Ehemann hatte in Mönchengladbach ein Praktikum absolviert. Nun, nach dem Krieg, suchte man dort dringend Fachkräfte für den Wiederaufbau. Die Familie zog erst nach Rheydt, später nach Hüls.

1952 ging es in den Westen - da war Ilse Hauschild 29 Jahre alt. Ihr Leben beruhigte sich; Nazis, Krieg, sowjetische Diktatur, Flucht aus der Heimat - alles überstanden.

Unruhe war jetzt anderer Natur. Bürgerliche Unruhe in einer gefestigten Demokratie eben. In Hüls gehörte Hauschild Ende der 70er Jahre zu den Gründungsmitgliedern der Grünen - da war sie 56 Jahre alt. Initialzündung für diese Politisierung war die Lektüre des Buches "Ein Planet wird geplündert" von Herbert Gruhl. Das Buch erschien 1975, Gruhl war damals CDU-Mitglied, trat 1978 aus der CDU aus, gründete die "Grüne Aktion Zukunft", stand den 1980 gegründeten Grünen kurz nahe und entwickelte sich wieder von der nach links driftenden Partei weg. Sein Buch aber blieb eine Art Bibel, ein Fanal für die junge Umweltschutzbewegung, der sich auch Ilsebill Hauschild anschloss. "Die grüne Zeit war schön", sagt sie lächelnd.

Es war ein bunter Haufen, der sich in Hüls unter dem neuen grünen Dach zusammenfand: vom Ex-Häftling, der um grüne Wahlplakate als Bildschmuck für seine ansonsten karge, leere, öde Wohnung nachsuchte, über Homosexuellen-Gruppen bis zur "Stadtindianer"-Bewegung. "Vieles war zum Lachen, aber auch anstrengend, bis sich die herauskristallisierten, die ernsthaft dabeibleiben und arbeiten wollten", erinnert sich Hauschild. Auch sie blieb dabei.

Gründungsmitglied von "Aktion saubere Stadt"

Was sich fortsetzte, war bürgerliches Engagement. Hauschild war Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft "Aktion Saubere Stadt" der Hülser KAB. 1976 zogen erstmals 200 Freiwillige los und sammelten 170 Kubikmeter Müll im Hülser Bruch. Aus dem Arbeitskreis hat sich die Umwelt-AG der KAB entwickelt. Ab 1976 schrieb Hauschild in den Hülser Mitteilungen den Tipp der Woche mit dem Umweltzeichen. Auch den "Hölsche Blümkesmaat" hat sie mit auf den Weg gebracht. 1997 erhielt sie für ihr Engagement den Rheinlandtaler des Landschaftsverbandes.

Das letzte Kapitel Weltgeschichte erlebte sie wie alle Deutschen 1989: mit der Wende. Nach der Wiedervereinigung hat die Familie Hauschild die Rückgabe ihres Besitzes in Neumark beantragt. Das alte Fabrikgebäude stand noch, war aber völlig heruntergekommen. Zusammen mit dem Hülser Unternehmer Hubert Gossens haben die Hauschilds aus der Ruine ein modernes Wohnzentrum mit alten- und behindertengerechten Wohnungen und aus dem ehemaligen Wohnhaus der Familie ein kleines Hotel gemacht. Manchmal ist Weltgeschichte doch gerecht, im Großen wie im Kleinen. Hitler weg. Stalin weg. Diktaturen weg. Was blieb, waren Wille und Tatkraft freier Menschen, etwas zu unternehmen.

Trotz der Wiedervereinigung, diesem Sonnenaufgang des deutschen Volkes: Ilsebill Hauschild ist nicht erfüllt von Altersmilde. "Ich sehe schwarz, weil die Leute einfach so weitermachen", sagt sie und meint die Plünderung des Planeten. In der Nachbarschaft, sagt Hauschild, wohnen wieder vermehrt Familien mit Kindern. "Und man fragt sich schon: In was für einer Welt werden sie aufwachsen?" Sie habe als Kind stundenlang fasziniert eine Spinne beobachtet - "heute haben wir kaum noch welche", sagt sie.

Sie wird nun 95 Jahre alt; kämpfen kann sie nicht mehr. Das müssen andere übernehmen. Darin ist ihr Geburtstag ein Tag für alle: als Gedenk- und Denk-Tag. Denn Ilsebill Hauschilds Geschichte ist auch dies: Das erste Kapitel der kommenden Zeit.

(RP)