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Krefeld: Das Phänomen "The Kelly Familiy" in der Yayla-Arena

In der Yayla-Arena in Krefeld : Das Phänomen „The Kelly Family“

In der Yayla-Arena sorgten die Vollblutmusiker am Samstag für einen interessanten Abend mit Gänsehaut-Momenten.

Das war ganz schön knapp! Fast hätte der Familienvater sein Bier und die Softdrinks für die Kinder fallen lassen. Aber zum Glück nur fast. Er atmet tief ein und wieder aus, ein und aus. Und schon ist der Puls wieder im Normalbereich. Nochmal erschreckt er sich heute nicht – zumindest schwört er sich das. Zumindest nicht, wenn zwei Frauen urplötzlich neben ihm loskreischen. Auf einem Konzert der Kelly Family sollte man ja schließlich damit rechnen. Oder?

Vor 25 Jahren, als das Erfolgsalbum „Over The Hump“ aktuell war, fielen die Mädchen in den Konzertsälen reihenweise in Ohnmacht und kreischten sich die Lungen aus dem Hals, wenn einer ihrer Idole die Bühne betrat. Heute ist die Kelly Family erfolgreicher denn je, aber Band und Fans aus den 90er Jahren haben sich verändert. Sie sind erwachsen geworden, reifer – und das Hippie-Image der ehemaligen Straßenmusiker ist (fast) komplett verschwunden. Die Fans, Kinder, Eltern und Großeltern, jubeln, pfeifen, tanzen und klatschen beim Konzert in der Krefelder Yayla-Arena  – aber niemand kreischt mehr.

Okay, fast niemand. Aber warum die Frauen urplötzlich losgeschrien haben, ist für die Beobachter auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Ist ein Mitglied der Kelly Family urplötzlich in der Warteschlange aufgetaucht? Nein, kein Promi in Sicht. Aber was war dann die Ursache des lautstarken Gefühlsausbruchs?  Ganz einfach: Wiedersehensfreude. Inga und Susanne haben sich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Und treffen sich nun dort wieder, wo ihre damalige Freundschaft vor vielen, vielen Jahren entstanden ist. Auf einem Konzert der Kelly Family. Die beiden Frauen können ihr Glück kaum fassen. Beide wohnen nämlich nicht in Krefeld und haben sich bewusst für das Konzert in der etwas kleineren Arena entschieden.

Es stellt sich heraus, dass das eine gute Entscheidung war – nicht nur wegen des unerwarteten Wiedersehens. „Wow, Krefeld! Die Atmosphäre hier ist einfach was ganz Besonderes“, sagt Kathy Kelly. Und auch die anderen Geschwister werden nicht müde zu betonen, wie gut die Stimmung ist und wie innig sie mit der Seidenstadt verbunden sind. „Das sagen sie bestimmt in jeder anderen Stadt auch“, mag man sich als Erstbesucher denken. Und erfährt dann von mitreisenden Fans, dass dem nicht so ist. Das Konzert in Krefeld war also wirklich etwas ganz Besonderes – nicht nur für die Fans, sondern auch für die Musiker. Die verraten dann auch gleich, dass zwei Kinder von Patricia und drei Kinder von Angelo in Krefeld geboren wurden. „Meine sind nicht in Krefeld geboren“, nimmt Jimmy Kelly den roten Faden auf und scherzt: „Aber wer weiß, vielleicht das Nächste.“

Die lockere, familiäre Atmosphäre auf den Konzerten ist es, die Inga und Susanne auch schon früher so gut gefallen hat. Der Zusammenhalt unter den Fans. Und natürlich die gute Musik. Die ist in Krefeld erstaunlich vielseitig und viel weniger kitschig, als Erstbesucher das vielleicht vermuten würden. Natürlich gibt es klebrig-süße Momente, wenn zum Beispiel Rosenblätter von der Decke regnen oder wenn John Kelly mit richtig übertriebenen Gesten zu „El Camino“ über die Bühne rennt, als habe er von Dieter Bohlen den Rüffel bekommen, dass er zu wenige Emotionen zeige. Aber das sind nur winzige Momente eines wirklich guten Konzertabends, der traditionelle irische und spanische Folklore, grandiose Popmelodien und Rocksongs miteinander verbindet. So scheint jeder der Kellys eine andere musikalische Leidenschaft mit auf die Bühne zu bringen, die jedoch durch dieselben Familienwurzeln verbunden sind.

Liebling der Krefelder ist jedoch ganz eindeutig Angelo, der sich damals mit „An Angel“ in die Herzen der Fans sang. Er spielt noch immer Schlagzeug, lässt die Haare dabei fliegen wie das Tier aus der Muppet-Show und begeistert mit seinem dynamischen Solo junge und alte Zuschauer. Aber auch Paul Kelly, der für traditionelle Instrumente, wie Flöte und Drehleier zuständig ist und sogar einen irischen Jig tanzt, bekommt immer wieder extra lauten Jubel.

Die erste Hälfte des Konzertes ist dem Album „Over The Hump“ gewidmet. Die Kellys spielen es einmal komplett durch. Und schaffen es, die 25 Jahre alten Songs, in ein modernes Gewand zu kleiden, ohne ihre ursprüngliche Kraft zu schmälern. Auch müssen Parts, die ursprünglich von anderen Familienmitgliedern gesungen wurden, die nicht mehr auf der Bühne dabei sind, neu arrangiert und verteilt werden. Auch dies gelingt den multitalentierten Musikern ohne Mühe.

Richtig emotional wird es dann bei „Cover the Road“. Vorab hatte die Kelly Family darum gebeten, Fotos von Verstorbenen einzuschicken. Tausende Fans waren dieser Bitte nachgekommen, jedoch können nur 40 stellvertretend für alle auf der großen Leinwand gezeigt werden. Schon als Jimmy Kelly die ersten Zeilen des Songs anstimmt, rücken Pärchen näher zusammen, Mütter schmiegen sich an die Töchter. Familien liegen sich in den Armen. Schöne, emotionale Bilder, die später nur noch davon übertroffen werden, als sich die gesamte Halle zu „Good Neighbour“ unterhakt und miteinander schunkelt – und so die Botschaft, dass die Welt schöner ist, wenn die Nachbarn zusammenhalten, gleich in die Tat umsetzt.

Alte Fans, die an den original T-Shirts aus den 90er Jahren zu erkennen sind, und Kelly-Family-Konzertneulinge, die damals noch zu jung für die Konzerte waren, sind sich nach zweieinhalb Stunden einig: das war ein unterhaltsamer, kurzweiliger und musikalisch interessanter Abend. Da verzeiht man sogar die Verwirrung um die Halle – denn dass die Kellys zum letzten Mal vor 25 Jahren in der Yayla-Arena gespielt haben, wie Kathy Kelly am Anfang des Konzerts behauptet, ist ja gar nicht möglich.