„Schönheit braucht Platz“ Chris Tall kommen in Krefeld die Tränen

Krefeld · Der Comedian präsentiert vor ausverkauftem Haus sein neues Bühnenprogramm „Schönheit braucht Platz“. Die Stimmung ist ausgelassen, bis Chris Tall plötzlich in Tränen ausbricht.

„Schönheit braucht Platz“ ist das dritte Bühnenprogramm des Comedians. (Archivfoto)

„Schönheit braucht Platz“ ist das dritte Bühnenprogramm des Comedians. (Archivfoto)

Foto: Hertgen, Nico (hn-)

Freitagabend, strömender Regen, Verkehrschaos rund um die Krefelder Yayla-Arena. Der Grund: Comedian Chris Tall ist mit seinem dritten Bühnenprogramm „Schönheit braucht Platz“ auf Stippvisite in der Stadt.

Doch bevor der Comedian überhaupt die Bühne betreten hat, ist das Publikum in der ausverkauften Arena schon in bester Stimmung. „Jetzt kommt der Mann, der so unglaublich erfolgreich ist, dass er sich noch selbst ansagen muss“, ruft der 32-Jährige selbstironisch ins Mikro, als er unter Jubelschreien, tosendem Applaus und lauter Musik die Bühne betritt.

„Krefeld ist eine geile Stadt“, sagt Chris, ergänzt nach einer kurzen Pause, „hat man mir gesagt“. Lautes Gelächter. „Es war aber glaube ich kein Krefelder, der mir das gesagt hat“. Wieder Gelächter.

Von Minute eins an hat Chris Tall das Publikum in seinen Bann gezogen. Nach und nach traut sich der ein oder andere Richtung Bühne. Angelika aus Duisburg geht vor dem Comedian sogar auf die Knie, überreicht ihm Rosen. Es folgt ein kurzes Liebesgedicht, vorgetragen vom Comedian selbst: „Chris, ich lieb dich, du liebst mich, nur leider kennen wir uns nicht“. Wieder lautes Gelächter. Der Comedian schaut durch die Menge, erblickt ein Plakat mit dem Titel „Ich hab Kuchen für dich“. „Das ist mein Lieblingsplakat“, sagt er – wieder Gelächter – bittet die Verfasserin nach vorne: Julia.

Mit im Gepäck hat sie einen ganz besonderen Leckerbissen, einen Kuchen in Burgeroptik, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Burger hat, der als Bühnendekoration dient. Chris Tall begrüßt den zehnjährigen Marc „mit C“, der „wegen seiner Patentante“ da ist, und die elfjährige Julia noch vor der Bühne, bis er das Treiben mit den Worten, „einfach ne Viertelstunde weg, das zieh ich euch vom Programm ab“, beendet. Das Publikum jubelt.

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Es folgen Gags über seine Mutter, seinen „Veganer-Freund“ und natürlich auch Gags über ihn selbst, seine Gedanken, Ängste und Unzulänglichkeiten. Das Publikum hängt ihm an den Lippen. Er erzählt von seinem Malle-Urlaub im Hotel „La Patata“, das kein Dach hatte, von seinen Erfahrungen im „viel zu engen“ MRT und von baumelnden Geschlechtsteilen braun gebrannter Grillhähnchen höheren Alters, die im Urlaub all seine Aufmerksamkeit erhielten. Gag folgt auf Gag in hoher Taktung, so schnell, dass das Publikum teils gar nicht mehr mit seinen Reaktionen hinterherkommt. Er beatboxt, das Publikum grölt, er singt Malle-Hits wie „Layla“ oder „Bumsbar“, das Publikum steigt in den Gesang ein. Die Stimmung ist ausgelassen, das Publikum feiert ihn. Gute zwei Stunden, vielleicht sogar etwas länger.

Die Gäste, größtenteils nicht aus Krefeld kommend und zumeist unter dreißig, wie Chris Tall nach einer kurzen Publikumsbefragung herausgefunden hat, sind mit ihrer Aufmerksamkeit bei ihm, nehmen es ihm auch nicht übel, als er den ein oder anderen Spruch auf ihre Kosten macht. „Jeder Mensch ist, wie er ist und das ist perfekt“, fasst Chris Tall zusammen – Beifall – „es sei denn, er ist ein Arschloch.“

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Und mit einer Anekdote über „Arschlöcher“ endet der Abend in der Krefelder Arena. Nach einer Zugabe bittet der Comedian um ungeteilte Aufmerksamkeit. Er habe eine wichtige Message zu verkünden, insbesondere an die Teenies im Publikum. Diese sollten nun ganz genau zuhören. Es wird ruhig in der Halle. Der Comedian setzt sich auf die Stufen vor der Bühne und wird ernst. Er beginnt zu erzählen. „Es geht um Social Media und Mobbing.“

Er erzählt, wie dankbar er sei, vor Publikum auftreten zu dürfen und von seinen Fans so viel Rückhalt und Support erfahren zu dürfen. Zu Zeiten der Corona-Pandemie habe er stark gelitten. Das Live Publikum als eine „Säule“ zum Haltgeben sei weggebrochen, der Hate im Netz aber geblieben. Er habe Nachrichten wie „du bist unlustig“, „du bist fett“ oder auch „man hätte dich abtreiben sollen“ erhalten. Vor der Pandemie, als er noch Shows habe geben dürfen, hätte er damit umgehen können, habe sich gedacht, „bor, sind die dumm“, sagt er platt. Doch schnell habe er den Hate nicht mehr verdrängen können. „Ich habe gemerkt, dass Social Media mich kaputtmacht“, resümiert der Comedian weiter.

Das Publikum hört im andächtig zu, kein Pfeifen – einfach nur Stille. Als dann durch die Medien das Gerücht verbreitet worden sei, dass er möglicherweise die Moderation des Dschungelcamps übernehmen würde, sei eine riesige Hasswelle auf ihn zugekommen. Er erinnert sich an eine Hassnachricht. „Die werde ich nie vergessen. Sie lautete: Ich wünsche mir sehr, dass ich deine Mutter mal auf der Straße treffe, damit ich ihr mal zeigen kann, wie man einen richtigen Mann zeugt.“ Chris Tall ringt um Fassung, versucht, die Tränen zu stoppen, die ihm übers Gesicht laufen. Mehrmals versucht er, neu anzusetzen, weiterzuerzählen, doch muss abbrechen.

„Lies es doch nicht“, sei nicht der richtige Ansatz, „der richtige Ansatz ist, schreib es doch nicht“, sagt er weiter. Er wünsche sich sehnlichst einen „verantwortungsbewussten Umgang mit Social Media“. Er merke immer wieder, dass „Deutschland“ sich zu sehr auf das Negative fokussiere, anstatt Saarbrücken gefeiert werde, dass sie Bayern München im DFB-Pokal geschlagen hätten, werde nur auf Bayern rumgehackt.

„Ich habe echt Angst gehabt vor Leuten. Teils hatte ich durchgehend Panik“, erzählt er über die Auswirkungen der Hate-Nachrichten. Daher könne er aktuell auch nach den Shows keine Fotos mehr mit Fans machen. „Leute, bitte nehmt es mir nicht übel, aber ich schaffe es einfach nicht, in einem engen Raum mit euch allen Fotos zu machen. Ich hoffe, ich schaffe es bald wieder, aber aktuell kann ich es noch nicht.“ Das Publikum applaudiert. „Genieß das echte Leben wieder, geh raus, triff deine Freunde“, appelliert er, bevor er den Abend mit Tränen in den Augen beendet mit: „Ich war heute die ganze Show angstfrei. Danke euch dafür.“