Krefeld Chris Kraus macht Liebeserklärung an Rosa von Praunheim

Krefeld : Chris Kraus’ Liebeserklärung an Rosa von Praunheim

Der Regisseur und Autor stellte im Theaterfoyer seinen jüngsten Roman „Sommerfrauen Winterfrauen“ vor und sprach über wichtige Einflüsse.

Regisseur und Schriftsteller Chris Kraus, geb. 1963 in Göttingen, las im Glasfoyer des Theaters aus seinem neuem Buch „Sommerfrauen, Winterfrauen“. Die Lesung fand in Zusammenarbeit mit dem Anderen Buchladen statt. Wolfgang Behl hatte den Autoren schon im Vorjahr (mit „Das kalte Blut“) zu Gast gehabt: „Er ist einer meiner Lieblingsautoren und -regisseure“, sagte er und stellte die Filme vor: „Scherbentanz von 2002, „Vier Minuten“ (2006), „Poll“ (2010), „Rosakinder“ (2012) und „Die Blumen von gestern“ (2016). Aus dem Stoff von Scherbentanz hat Kraus auch ein Buch gemacht. Für ihn sind die Übergänge zwischen den Genres durchaus möglich und erwünscht.

„Der Roman hat sehr viel mit Film zu tun“, sagte Kraus über „Sommerfrauen, Winterfrauen“. Er hat dem Roman mit biografischen Teilen die Form eines Tagebuchs gegeben: Filmregisseur Jonas Rosen bekommt ein Stipendium für New York und berichtet tageweise über die Zeit vom 17. bis 23. September 1996.

Rosens Aufzeichnungen beschreiben eine Reisebekanntschaft wie den schönen blonden Robert Polanski, den der Erzähler fortan Redford nennt. Das Gespräch mit dem Mann im Flugzeug wird um Erinnerungen ergänzt: Der Zuhörer erfährt von Rosens Freundschaft mit Ma. Beiläufig wird erwähnt: Sie ist Vietnamesin. Doch daran blättert sich gleich ein Assoziationsfeld auf: geflüchtete Boatpeople, die eine andere Kultur nach Europa mitgebracht haben.

Tagebuchschreiber Rosen soll einen Film drehen und nimmt sich fest vor, die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Familie nicht zu thematisieren. Der Holocaust und die Vergangenheit seiner Familie werden jedoch auch hier Thema: „Ich schreibe immer dasselbe Buch“, sagte Kraus. Seine Sprache ist voller Bilder, witzig, pointiert und schafft Gedankenverbindungen. „Jeder hat einen anderen emotionalen Bezug zu einem Wort“, sagte Kraus, „ich erschaffe Bilder, die bei jedem etwas anderes auslösen.“ Das wurde deutlich daran, dass das Publikum sich je unterschiedlich über Szenen, Ausdrücke, Bilder amüsierte. Man bedankte sich mit großem Applaus.

In der Mitte des Abends zeigte Kraus einen Film: Eine Liebeserklärung an seinen Lehrer und Freund Rosa von Praunheim. „Verwandtschaft ist eine Frage der Wahl“, sagte Kraus. Praunheim hatte den jungen Filmstudenten damals nach New York geschickt.

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