Krefeld: Bewegende Feier zum Gedenken an Reichspogromnacht

Krefeld: „Blumen verwelken, Steine nicht“

In einer bewegenden Feier gedachte Krefeld der Reichspogromnacht vor 80 Jahren. Am Schluss wurden nach einem Lichtermarsch Steine der Erinnerung am Mahnmal für die zerstörte Synagoge an der Petersstraße niedergelegt.

In einer bewegenden, von persönlichen Erinnerungen geprägten, dabei bewusst ökumenisch und interkulturell gestalteten Feierstunde zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren hat Michael Gilad, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Krefelds, bekannt, dass Juden in Deutschland wieder Angst haben vor Antisemitismus: „Heutzutage meint ein Herr Gauland von der AfD, dass es sich dabei (Anm.d.Red.: beim Holocaust) nur um Vogelschiss gehandelt haben soll. Oder ein Herr Höcke bezeichnet das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin als Denkmal der Schande. Ja, es ist eine Schande, dass deutsche Bürger diese Personen und diese Partei wählen. Und das, liebe Schüler, meine Damen und Herren, macht uns Angst.“ Bei der Feier im Jüdischen Gemeindezentrum mit mehr als 200 Gästen wurde am Donnerstag Abend an die Nacht  des 9. November vor 80 Jahren erinnert, in der in ganz Deutschland und auch in Krefeld 1500 Synagogen niedergebrannt, jüdische Wohnungen verwüstet und Juden misshandelt und ermordet wurden.

Mädchen aus Syrien, dem Libanon und Rumänien trugen Zeitzeugenberichte vor; betreut von Sandra Zillinger (2.v.r.).⇥RP-Fotos (3): Thomas Lammertz Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Gilad eröffnete sein Grußwort mit einer szenischen Beschreibung der Ereignisse in jener Nacht des Schreckens. Ihm versagte kurz die Stimme, als er an seine damals 82-jährige Urgroßmutter erinnerte, die von einem Nazi aus dem Bett gezerrt und misshandelt wurde. „Er hieß Reichert“, sagte Gilad, „später sahen wir ihn in Hannover vor Gericht wieder, als ihm der Prozess gemacht wurde.“

Vertreter der Stadt und der jüdischen Gemeinde, darunter Michael Gilad (5.v.r.);  neben ihm Oberbürgermeister Frank Meyer. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Nach Gilad sprach der katholische Regionalvikar Heiner Schmitz; er trug ein Gedicht des früheren Bischofs von Aachen, Klaus Hemmerle (1929-1994), vor, das Trauer und Schuld zum Ausdruck brachte. Es beginnt mit den Worten: „Man hat meinem Gott das Haus angezündet/ und die Meinen haben es getan./ Man hat es denen weggenommen,/ die mir den Namen meines Gottes schenkten/ und die Meinen haben es getan.“

Aufs Schönste musikalisch begleitet, wurde die zweistündige Feier von der  Sinfonietta  sowie dem Cello-Orchester der Krefelder Musikschule. Die Leitung lag bei Julia Polziehn. Sie  rezitierte auch, musikalisch begleitet, jüdische Gedichte vor. Den Auftakt bildete ein Text des litauischen Dichters Hirsch Glik (1922 - 1944).  Seine Gedichte wurden zu  Partisanenhymnen.

  • Der 9. November 1938 in Krefeld : Stadt gedenkt der Reichspogromnacht

Poliziehn trug etwa eines seiner bekanntesten Stücke vor: „Sage niemals, dass du den letzten Weg gehst“, entstanden 1942 bei dem Aufstand im Ghetto von Vilnius. Glik fiel 1944 mit 22 Jahren im Kampf gegen deutsche Truppen.

Die Krefelder Historikerin Claudia Flümann referierte über die gut belegten Ereignisse in der Pogromnacht; Flümann ist in Krefeld bekannt geworden mit dem Buch ­„... doch nicht bei uns in Krefeld!“, in dem sie die Geschichte der Enteignung von Juden in Krefeld beschreibt. Obwohl die Vorgänge in der Nacht des 9. November  bekannt sind, sorgen  Details immer wieder für Fassungslosigkeit: Es war mucksmäuschenstill, als sie berichtete, wie der IHK-Präsident in jener Nacht seinen Fahrer anwies, einen Kanister Benzin zum Anzünden der Synagoge zu holen. Bedrückend auch dies: Die Martinszüge in Krefeld liefen am 10. November 1938, als wäre nichts gewesen, über die Scherben auf den Straßen hinweg. In Krefeld, resümierte Flümann, seien in jener Nacht neben vielen Scheiben auch das Selbstbild der toleranten Stadt Krefeld in Scherben zerfallen.

Fünf  Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren aus Syrien, dem Libanon und Rumänien, die im Publikum verteilt saßen, trugen Zeitzeugenberichte vor. Sie werden am Ricarda-Huch-Gymnasium unterrichtet. Die Schülerinnen haben verschiedene religiöse Hintergründe. Dass sie an der Feier teilnahmen, war Tagrid Yousef, Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums (KI), wichtig. Die Feier wurde von KI, Stadt, VHS, vom NS-Dokumentationszentrum Villa Merländer und der jüdischen Gemeinde ausgerichtet. Einen weiteren ökumenischen Akzent setzte Oberbürgermeister Frank Meyer. Er trug die „Krefelder Erklärung“ vor, in der sich Vertreter der hier lebenden Religionsgemeinschaften zu Toleranz und Respekt verpflichten.

Im Anschluss an die Feierstunde startete um 20 Uhr ein Lichtermarsch zum Mahnmal für die zerstörte Synagoge an der Petersstraße. Dort wurden Steine zum Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Holocaust niedergelegt. Diese Geste geht auf die jüdische Sitte zurück, beim Besuch eines Grabes einen kleinen Stein zu hinterlassen – als Zeichen, dass man des Toten gedacht hat. „Blumen verwelken“, sagt Gilad, „Steine nicht.“

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