Krefeld: Ausstellung über Auschwitz in der Mediothek

Ausstellung in der Mediothek : Was Schüler über Auschwitz denken

Fischelner Gymnasiasten haben das Konzentrationslager besucht. Eine Ausstellung zeigt ihre Arbeiten zu dem Thema.

Sie möchten „Zweitzeugen“ sein, damit die Schrecken von Auschwitz niemals vergessen werden. Und ihre Erfahrungen nutzen, um die Gegenwart und Zukunft besser zu gestalten. 69 Schüler der Jahrgangsstufe Q1 des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums (MSM) haben das ehemalige Konzentrationslager im Februar besucht - und das Erlebte in Texten und Kunstwerken festgehalten. Ihre Arbeiten sind ab sofort bis Samstag, 6. April, unter dem Titel „Nie wieder!“ im Foyer der Mediothek am Theaterplatz ausgestellt.

Das Wort „Zweitzeugen“ geht auf ein Gespräch zurück, das die Schüler in der Vorbereitung auf die Fahrt mit Eva Weyl, einer niederländischen KZ-Überlebenden des Durchgangslagers Westerbork, geführt haben. „Frau Weyl hat für uns den Begriff geprägt. Irgendwann wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Doch indem sie junge Menschen in Schulen besucht, um ihr Schicksal zu erzählen, möchte sie Schüler zu Zweitzeugen machen, die die Erinnerungen weitertragen“, berichtet Simon Derrix, der am Fischelner Gymnasium Mathe und Religion unterrichtet. Er ist einer von sechs Lehrern, die die 16- bis 17-jährigen Schüler nach Auschwitz begleiteten. Mit dabei war auch Schulpfarrerin Annette Vetter, die mit der Evangelischen Kirchengemeinde Krefeld-Süd bereits viele Fahrten zum KZ organisiert hat.

Seit Oktober hatten sich Lehrer und Schüler auf die Exkursion vorbereitet. Gemeinsam besuchten sie die NS-Gedenkstätte in der Villa Merländer, die Jüdische Gemeinde sowie eine Podiumsdiskussion zum Thema Antisemitismus und nahmen an Gedenkveranstaltungen zum Novemberpogrom und zur Befreiung des KZ Auschwitz teil. Anfang Februar ging es nach Polen. Zunächst für vier Tage nach Auschwitz, im Anschluss für eineinhalb Tage nach Krakau. In Krakau besichtigten die Jugendlichen das Jüdische Museum und die Fabrik von Oskar Schindler, auch führten sie ein weiteres Gespräch mit einer KZ-Überlebenden: Im Alter von zwei bis vier Jahren war Lydia Maksyowicz in Auschwitz interniert und musste dort unsägliches Leid ertragen. „Als Versuchskaninchen von Josef Mengele“, wie Schülerin Lale berichtet.

Lale ist eine von drei Schülern, die einen Textbeitrag bei der Vernissage vortragen. Sie erzählt von dem Grauen, das ihr das KZ vor Augen geführt hat - und äußert einen Appell: „Lebe dein Leben, andere hatten nicht die Chance.“ Berührt ist sie auch von der Stadt außerhalb der KZ-Mauern: „Auschwitz wirkt zunächst wie eine Kleinstadt. Doch überall an den Häusern gibt es Gedenktafeln, die an früheres jüdisches Leben erinnern.“ Einst waren 60 Prozent der Einwohner jüdisch; heute ist es niemand mehr. Doch die Balance, die die Bürger des Ortes zwischen Bewahrung der Vergangenheit und Leben in der Gegenwart finden, hat die Krefelder nachhaltig beeindruckt.

Auch Jari setzt sich in seinem Text mit dieser Balance auseinander. Franziska hingegen kritisiert in ihrem Slam-Beitrag den wachsenden Fremdenhass: „Ein Problem. Ein Feindbild. Ein Krieg. Geschichte wiederholt sich.“ Sie fordert dazu auf, aufzustehen und sich gegen Rechtspopulismus und Antisemitismus zu wehren. „Nie wieder!“ ist eine Ausstellung mit politischer Aussage. Dies betont auch Katrin Hufschmidt, die zuständige Koordinatorin der Mediothek.

Jährlich organisiert das Team um Annette Vetter für MSM-Schüler eine solche Reise. Anschließend arbeiten die Jugendlichen das Erlebte mit Hilfe von Kunstwerken oder Texten auf. Ein Novum in diesem Jahr ist die Ausstellung im Foyer der Mediothek: „Dass die Werke nur in der Schule gezeigt werden, ist eigentlich zu schade. Schon im letzten Jahr hatten wir den Wunsch, die Arbeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren. Daher freuen wir uns sehr, dass es dieses Mal funktioniert hat“, merkt Simon Derrix an.

Alle Arbeiten haben die Schüler in ihrer Freizeit realisiert. Nach der Rückkehr hatten sie zwei Wochen Zeit, ihre Erfahrungen unter der Vorgabe „Kunst in der Kiste“ zu formen. Die eckige Form der meisten Objekte, die in der Mediothek zu sehen sind, ist daher einheitlich – die Ausgestaltung aber individuell. So gibt es einen braunen Lederkoffer, der mit Habseligkeiten eines Reisenden gefüllt ist: einem Zylinder, Feuerzeug und Zigaretten, einem Buch, einer Kaffeemühle, Schuhputzmittel oder Schlittschuhen. Das Reiseziel ist jedoch kein Schönes, auf der Koffervorderseite klebt ein weißer Zettel mit der roten Aufschrift „Fahrschein zur Hölle“.

Zwischen vielen schwarz bemalten Schuhkartons steht ein weißer Karton mit der Aufschrift „Der Schein trügt!“. Ein Foto von Eisenbahnschienen führt das Auge des Betrachters in Richtung KZ-Tor, über dem die Lettern „Arbeit macht frei“ prangen. Und in einer Vitrine liegen 50 Streichholzschachteln, auf denen Gesichter von Opfern in schwarz und weiß gemalt sind. „Die Zahl 50 haben wir bewusst gewählt“, sagt Rebecca, die das Werk gemeinsam mit Michelle und Thea geschaffen hat. „Hiermit möchten wir den Millionen NS-Opfern ein Gesicht geben.“

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