Krefeld: Armes Tempelchen der Erhabenheit

Kolumne : Armes Tempelchen der Erhabenheit

Das Deuß-Tempelchen im Stadtwald ist wieder in beklagenswertem Zustand: Besprüht, vermüllt und mit Düften umgeben, die zu beschreiben uns unsere Nase verbietet. Ein Versuch, seine Seelenruhe wiederzugewinnen.

Wir stellen uns vor: Das Deuß-Tempelchen im Stadtwald lebt und denkt und fühlt. Dem Charakter nach wäre es ein gebildeter Goethe-Kenner, leicht weltfremd, ans Erhabene glaubend, ein Menschenfreund, Aufklärung und Vernunft verpflichtet, nie um ein Faust-Zitat verlegen und jemand, der, wenn sich nachts der Mond im Stadtwaldweiher spiegelt, Liebesverse an ein Tempelinchen schmiedet: Oh Liebste, nie sah ich grazilere Säulen als bei dir unterm Dach!

Das stellen wir uns dann doch lieber nicht vor. Denn ein Deuß-Tempel, der denkt und fühlt, dürfte eine Phase der Ernüchterung durchlaufen, bei der möglicherweise seine Menschenfreundlichkeit auf der Strecke bleibt.

Wir stellen uns dazu vor: Unser Deuß-Tempelchen berichtet einem Kumpel von seinem Leben in Krefeld.   „Teurer Freund, alter Götterkasten“, würde unser Deuß-Tempel jovial beginnen, „nachdem ich 2009 auf das Sorgfältigste wieder hergestellt worden war, stehe ich nun wieder besudelt, besprüht und in einer Weise für die Notdurft dunkler Gestalten missbraucht, dass es das härteste Marmorherz erweicht. Nix Goethe, nix  Erhabenheit, nix Feuer der Vernunft, nix schöne Seele:  Hier wird ohne Rücksicht auf  den locus amoenus gehaust und gepieselt wie bei den Vandalen; die Walpurgisnacht ist ein Kindergeburtstag dagegen. Ich fühl mich wie das Einmachglas Mephistos!“

Ach, auch das stellen wir uns lieber nicht vor. Zu hässlich. Stellen wir uns stattdessen vor, der Deuß-Tempel würde als Krefelder Schätzchen gesehen, in dem man  mindestens einmal in seinem Krefelder-Leben eine Liebeserklärung geben und dem Mond mit Champagner zuprosten sollte.  Grafiti-Sprayer achten ihn, Wildpinkler schonen ihn, Coffee-to-go-Kaffeetrinker benutzen ihn nicht als Mülleimer und Raucher sehen von der Meinung ab, die Welt sei ohnehin vor allem eins: ihr Aschenbecher.

So gestärkt mit Seelenruhe, wünschen wir einen schönen Tag.