Krefeld: Apothekerin erklärt, warum Medikamente knapp werden

Gesundheit in Krefeld : Warum Medikamente knapp werden

Apotheken, Ärzte und Patienten kämpfen mit Versorgungsengpässen von Medikamenten. Warum?

Eine Gruppe von Apothekern aus Westfalen-Lippe, hat das Wort „Lieferengpässe“ als Vorschlag zum Unwort des Jahres angemeldet. Die „Basis-Apotheker“ sind der Auffassung, der Begriff „Lieferengpässe“ sei eine „verharmlosende und die Ursachen nicht hinterfragende Beschreibung der Nichtlieferbarkeit von Produkten“. In Fachkreisen von Ärzten und Apothekern wird schon seit längerem über das Thema Verfügbarkeit diskutiert. Anette Frieling sprach mit der Apothekerin Birgit Goerres, Inhaberin der Schiller Apotheke, darüber.

Was ist dran am Medikamenten-Engpass? Gibt es ihn — und wenn ja — was sind die Gründe? Gibt es Ersatzprodukte und wie steht es um die adäquate Versorgung?

Goerres Hamsterkäufe sind sicher nicht nötig, aber Lieferengpässe bei versorgungsrelevanten Arzneimitteln sind in der Tat ein großes Problem. Das betrifft nicht nur uns Apotheken vor Ort und auch nicht allein den Standort Deutschland, sondern gilt weltweit.

Wann spricht man von einem Engpass?

Goerres Wenn die normale Nachfrage nicht beliefert werden kann.

Welche Medikamente fehlen?

Goerres Das wechselt. Bei den zeitweise fehlenden Medikamenten handelt es sich nicht unbedingt um Spezialarzneien; auch bei gängigen Schmerzmitteln, Blutdrucksenkern oder Antibiotika kommt es zu Ausfällen. Man kann aber auch sagen, dass nicht jede Lieferschwierigkeit automatisch zu einem Versorgungsproblem für die Bevölkerung führt. Manchmal handelt es sich auch nur um einzelne Packungsgrößen, oder ein Medikament ist zeitweise nicht in allen Stärken lieferbar. Betroffen von dieser eingeschränkten Verfügbarkeit war, und ist aktuell noch immer, zum Beispiel Ibuprofen; ein sehr gängiger Wirkstoff in der Schmerztherapie.

Was hat die eingeschränkte Verfügbarkeit für Konsequenzen für die Patienten?

Goerres Zum Teil stehen Ersatzprodukte zur Verfügung. Gerade im Bereich der Schmerzmittel bekommt man den Patienten versorgt. Auf Seiten des Apothekers ist manchmal ein bisschen Kreativität gefragt und auf Seiten des Patienten etwas Flexibilität. Wenn der Wirkstoff in der 800 Milligramm Stärke nicht da ist, bauen wir ihn halt mit Hilfe der 200er und 600er. Das ist nicht unbedingt so schön, weil der Patient zwei Tabletten schlucken muss und eventuell auch die Zuzahlung zu seinem Medikament zweimal fällig wird, aber so kann man sich helfen. Beliebt ist das Ausweichen auf ein Ersatzprodukt bei den Kunden aber nicht, und der Beratungsbedarf durch die Apotheken wird um ein Vielfaches höher. Schwierig wird die Situation, wenn ein Spezial-Antibiotikum ausfällt, das nur in Krankenhäusern bei der Bekämpfung gegen besondere Keime eingesetzt wird. Dann kann die Sicherheit der Versorgung grenzwertig werden.

Was sind die Gründe für Lieferengpässe?

Goerres Die Ursachen sind sehr vielschichtig. Im Falle des eben erwähnten Spezialantibiotikums war die Produktionsstätte des chinesischen Herstellers explodiert, der für fünfzig Prozent des Welthandels zuständig ist. Bei Ibuprofen liegt der Grund für den anhaltenden Engpass bereits zwei Jahre zurück. Da hat Hurrikan Harvey 2017 in den USA zu Stromausfällen geführt und damit zum Ausfall des Ibuprofen-Werks von BASF in Bishop. Da es weltweit nur sechs Ibuprofen-Produzenten gibt, die annähernd gleiche Marktanteile haben, fiel ein Sechstel für den Weltmarkt weg. Bei den Blutdrucksenkern gibt es bereits seit 2018 Lieferprobleme, nachdem bei einem chinesischen Hersteller in dem Wirkstoff Valsartan krebserregende Verunreinigungen entdeckt worden waren. Zu den Ursachen gehören zum Teil die Rabattverträge der gesetzlichen Krankenkassen mit einzelnen Arzneimittelherstellern. Mit dem Ziel, ihre Ausgaben zu senken, haben einige große Krankenkassen Rabattverträge mit maximal günstigen Firmen abgeschlossen, deren Kapazitäten aber nicht ausreichen, wenn die Versicherten plötzlich alle das gleiche Medikament wollen. In dem Punkt stehen Änderungen an. Zukünftig sollen die Herstellerfirmen ihre Lieferfähigkeit nachweisen können.

Nach Ihren Worten ist die weltweite Versorgung mit Medikamenten ein „fragiles“ System. Inwieweit gibt es Vorkehrungen, Patienten vor Engpässen zu schützen?

Goerres Gesetzlich sind die Apotheken schon jetzt zu einer Vorratshaltung von Arzneimitteln und apothekenpflichtigen Medizinprodukten verpflichtet. Sichergestellt sein muss die ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung mit dem durchschnittlichen Bedarf für eine Woche. Aber auch die Patienten selber können schon mithelfen. Eigentlich reicht schon der Blick in die persönliche Tablettendose kombiniert mit etwas gesundem Menschenverstand. Grundsätzlich gilt der Rat, nicht erst bei der letzten Tablette am Freitag Nachmittag in die Apotheke zu kommen.

Eignet sich „Lieferengpass“ zum Unwort des Jahres 2019?

Goerres Die Idee finde ich erstmal nicht schlecht. So kommt das Thema ins Gespräch. Und gemessen daran, womit wir es zu tun haben, kommt auch mir das Wort „Lieferengpass“ zu niedlich daher“.