Krefeld: Am Niederrhein verschwindet die Pappel

Landschaftsprägendes Element am Niederrhein : „Die Ära der Pappel ist zu Ende“

Das große Foto stammt aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg und zeigt eine Pappelallee in Linn am Mühlenhof, die heute verschwunden ist (kleines Foto rechts). Wie kein anderer Baum hat dieser Baum den Niederrhein geprägt. Nun läuft seine Zeit ab, aus ökologischen und aus wirtschaftlichen Gründen.

Es gibt heitere, düstere und medizinische Erzählungen über die Pappel. Die Heitere berichtet Reinhard Poßberg, der als Forstwirtschaftsmeister in Krefeld diese Bäume seit mehr als drei Jahrzehnten vor Augen hat. „Die Pappel wurde früher Aussteuerbaum genannt, weil der Waldbesitzer von Pappeln, die er selbst gepflanzt hat, die Aussteuer für seine Töchter bezahlen konnte.“ Will sagen: Die Bäume waren nach längstens 40 Jahren reif zum Fällen und brachten noch zu Lebzeiten des Besitzers einen Ertrag – eine Ausnahme. „Bei Fichten dauert es bis zur Schlagreife 60 bis 80 Jahre, bei Eichen 150 bis 200 Jahre“, sagt Poßberg. Zu lang für ein Menschenleben; die Aussteuer kassieren die Nachnachnachfahren. Wald war eben schon immer ein Viel-Generationen-Projekt.

Doch Poßberg sagt auch dies: „Die Ära der Pappel ist zu Ende.“ Der Baum verschwindet aus Krefeld wie vom Niederrhein überhaupt. Damit verschwindet auch ein Kulturdenkmal. Bekanntlich hat Napoleon viele Pappelalleen angelegt, um seinen Armeen den Weg zu weisen. Dabei ist er keineswegs der große Mentor dieses Baumes. Die Pappel ist schon lange vor dem Korsen Europäerin und Weltbürgerin. Womit wir beim düsteren Teil der Erzählungen über die Pappel wären: Sie gilt in der christlichen Legendarik als der Baum, an dem sich Judas nach dem Verrat an Jesus aufgehängt hat. Genauer gesagt: an der Zitterpappel. Zur Strafe zittert diese Pappelart seit Judas‘ Tod. Nach einer anderen Legende zittert sie, weil sie sich als einziger Baum beim Tode Jesu nicht beugte und bei seiner Himmelfahrt nicht still war, also innehielt vor Ehrfurcht.

Vielfältig sind auch die medizinischen Erzählungen über die Pappel; fast war sie eine Art Antibiotikum der Antike und des Mittelalters. Im 2. Jahrhundert empfahl der griechische Arzt Galen eine Salbe aus den Knospen der Schwarzpappel gegen Entzündungen. Konrad von Megenberg (1309 - 1374, „Das Buch der Natur“) fertigte aus dem Harz der Schwarzpappel Medizin gegen Schwindel, Ohnmacht und Hitzewallungen. Die Mutter aller Heilkünstlerinnen, Hildegard von Bingen (1098-1179), empfahl, Säuglinge mit blauen Flecken in Pappelblätter zu hüllen; bei Gicht sollte ihr zufolge ein warmes Bad mit frischer Pappelrinde helfen. Arzneien auf Pappelbasis sollten auch gut sein gegen Ischias- und Ohrenschmerzen oder Harndrang.

Auf der Grenze zwischen Magie und Medizin angesiedelt sind Zauberkräfte, die man der Pappel zuschrieb. Im 17. Jahrhundert versuchte man, mit Pappeln Epilepsie zu heilen, indem man die Fingernägel eines Erkrankten in einem Loch im Pappelstamm versenkte. Ähnlich verlief eine Prozedur, die einem lange, volle Haare bescheren sollte: Man versenkte einige Haare in einem frisch gebohrten Loch im Baum. Nicht ausprobieren sollte man die These, dass man Hände, die mit Pappelsaft eingerieben sind, in flüssiges Blei tauchen kann, ohne Verbrennungen zu erleiden. Mädchen auf der Suche nach einem Ehemann empfahl man, einen Pappelzweig unters Kopfkissen zu legen, auf dass einem der Zukünftige im Traum erscheine. Nicht schön war die Sitte aus Thüringen, angeblich unkeuschen Mädchen zu Pfingsten einen Pappelzweig als „Schandmal“ vor die Tür zu stellen.

So war die Pappel längst europäischen Kulturgut, bevor Napoleon sie als militärischen Wegweiser nutzte. Biologisch gehört der Baum zu den Weidengewächsen und gedeiht an Gewässern und Flussniederungen. Verbreitet bei uns sind Züchtungen, also Hybridpappeln. „Die echte Schwarzpappel versucht man zu erhalten“, sagt Poßberg, generell aber sei die Pappel kein heimischer Waldbaum.

So sieht der Graben am Mühlenhof in Linn heute aus. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Nach dem Krieg gab es noch einmal einen Schub von Neupflanzungen; die Pappel wuchs schnell, versprach einen relativ schnellen Holz-Ertrag, diente als Brenn- oder billiges Bauholz. Ältere Semester wissen noch, dass in ihrer Jugend Obst- und Gemüsekisten aus weichem biegsamem Holz bestanden – es war Pappelholz.

Wirtschaftlich war die Pappel interessant, weil die Holzerntekosten gering waren. Das hat sich seit den 70er Jahren gründlich geändert. „Die Erntekosten wurden deutlich höher als der Ertrag, das war bei der Pappel eklatant“, berichtet Poßberg. Damals begann im Grunde der Prozess des Verschwindens dieses Baumes.

Heute ist es so, dass viele der Nachkriegspappeln ein kritisches Alter erreicht haben. „Die Standfestigkeit ist nicht mehr gewährleistet“, sagt Poßberg. Zudem hat die Waldwirtschaft mittlerweile andere Ziele. Seit den 80er Jahren wird der Wald als Ökosystem betrachtet und gepflegt; vor allem der öffentliche Wald; und 1990 (erst!) wurde der Krefelder Wald unter das Landschaftsschutzgesetzt gestellt. Seit dieser Zeit wird die Pappel als biologischer Fremdling nach und nach zurückgedrängt.

So ist der Lauf der Welt. Die Pappel hat ausgedient: als Zauberbaum, als militärischer Wegweiser, als Wirtschaftsgut. Vermissen werden wir sie trotzdem.

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