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Krefeld: Ärzte kritisieren Katastrophenfall-Management von Oberbürgermeister Frank Meyer

Corona in Krefeld : 43 Corona-Fälle – Ärzteschaft „erstaunt“ über Aussage von OB Meyer – sieben infizierte Mitarbeiter im Helios

+ + + Zustand einer Person kritisch. + + + Unklarheit über Zwangsschließungen von Geschäften + + + Bei vielen Hausärzten fehlen Test-Sets und Schutzausrüstung + + + Helios schränkt OP-Betrieb ein + + + Rat und Ausschüsse tagen nicht mehr + + + Diagnose-Zentrum wird nach Kritik aufgestockt + + + Stadt prüft Erstattung der Kita-Gebühren + + +

Offenbar gibt es in Krefeld  Unklarheiten über die Arbeitsteilung zwischen Ärzten und Gesundheitsamt im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Die Krefelder Ärzteschaft  ist „erstaunt“ über die Aussage von Oberbürgermeister Frank Meyer, das Diagnose-Zentrum sei nur ein Zusatzangebot der Stadt; die Corona-Tests sollten in der Hauptsache bei den niedergelassenen Ärzten stattfinden. In einer Stellungnahme der Kassenärztlichen Vereinigung Krefeld heißt es: „Wir stellen klar, dass für die Seuchenbekämpfung – und darum handelt es sich der jetzigen Pandemie – sowie die Feststellung der Infektionen eindeutig der Staat in Form der Landesgesundheitsämter und der Städte zuständig ist.“ Die Durchführung der Tests obliege den örtlichen Gesundheitsämtern.

„Wenn wir bisher in unseren Praxen selbstverständlich Abstriche durchgeführt haben, so sollte dies nur der ersten Entspannung der Lage dienen“, erklärt die Ärzte-Vertretung weiter, „da wir jedoch trotz wiederholter drängender Nachfrage keine ausreichende Schutzausrüstung erhalten, können wir dieses Angebot nicht weiter aufrecht erhalten. Wir riskieren ansonsten, dass unsere Praxen, welche ungeschützt einen positiven Test abgenommen haben, für 14 Tage geschlossen werden müssen. Wir sind in großer Sorge, dass dies zu einem Kollaps des medizinischen Systems führen würde und zur Folge hätte, dass unsere Patienten auch bei anderen Erkrankungen keine Behandlung mehr erhalten können. Darüber hinaus sind wir auch unseren  Mitarbeitern verpflichtet und können nicht deren Gesundheit und Leben durch ungeschützte Untersuchungen gefährden.“ Meyer bekräftigte gestern die Auffassung der Verwaltung: Die Stadt sei nicht verpflichtet, eine solche Einrichtung vorzuhalten.

Tests auf das Corona-Virus können in vielen Krefelder Hausarztpraxen ohnehin nicht durchgeführt werden.  Wie eine stichprobenartige Umfrage unserer Redaktion ergab, fehlt es vor allem an der vorgeschriebenen Schutzausrüstung. Insbesondere seien die FFP2-Atemschutzmasken nicht erhältlich. Auch Test-Kits seien  Mangelware. Eine Hausarzt-Praxis erklärte, es seien noch wenige Test-Kits vorhanden, es gebe Lieferschwierigkeiten.

Eine andere Praxis berichtet, man habe sich bewusst dagegen entschieden, die Tests durchzuführen, weil es keine Schutzausrüstung gebe und um die reguläre Versorgung der Patienten nicht zu gefährden. „Wir sehen unsere Aufgabe darin, Corona-Verdachtsfälle telefonisch oder per Mail vorzuselektieren und weiterzuleiten. Es ist die Aufgabe der Gesundheitsbehörden, sich um die Durchführung der Tests zu kümmern und den Ablauf zu organisieren“, sagt der Arzt.

Es sei sinnvoll, die Corona-Tests an einer oder wenigen Stellen zu bündeln und nicht Testkits und Schutzausrüstung im Gießkannenprinzip über alle Arztpraxen zu verteilen. Die Sorge sei, dass Corona-Patienten ohne Absprache in die Praxis kommen und in der Folge Praxispersonal in Quarantäne und Praxen geschlossen werden müssen. „So lange wir uns nicht selber schützen können, führen wir keine Tests durch.“

Helios Das Coronavirus trifft Krefeld an einer der sensibelsten Stellen: „Sieben Mitarbeiter des Helios-Klinikums haben sich mit dem Virus infiziert“, erklärt Oberbürgermeister Frank Meyer, Chef des städtischen Corona-Krisenstabs. Noch in der Nacht zu Dienstag sind Vertreter der  Klinikleitung und des Gesundheitsamtes zusammengekommen, um über die Lage zu sprechen. Meyer: „Das Krankenhaus ist funktionsfähig und geöffnet, der Betrieb soll aufrechterhalten werden.“ Um Verdachtsfälle frühzeitig zu identifizieren und mögliche Infektionsketten im Haus schnell zu unterbrechen, testet das  Helios Klinikum innerhalb der Belegschaft und bei Unsicherheiten einzelner Mitarbeiter sehr niederschwellig. Alle Mitarbeiter hatten keinen direkten Kontakt zu einem positiv getesteten Corona-Patienten. Alle betroffenen Mitarbeiter wurden umgehend aus dem Dienst genommen und befinden sich in häuslicher Isolation. In  Abstimmung mit dem Gesundheitsamt hat die Klinik umgehend Kontaktpersonen identifiziert (Umfeldanalyse) und alle notwendigen Maßnahmen (Quarantäne, Testungen etc.) in die Wege geleitet.

Der Betrieb leidet bereits unter Corona: Helios  hat am Dienstag begonnen, nicht akut notwendige, planbare Operationen abzusagen. Nach Informationen unserer Zeitung gebe es eine „deutlich eingeschränkte OP-Kapazität“. Personal sei erkrankt, Stationen würden demnach „nach und nach isoliert“, es könnten in der Klinik „bald nur noch Notfälle“ aufgenommen werden.

Infizierte Fälle Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Personen, die in Krefeld leben, steigt weiter an. Inzwischen sind 43 Fälle in Krefeld gemeldet, am Montag waren es 36 gewesen. Sechs Menschen sind derzeit in stationärer Behandlung, bei einer Person ist der Zustand kritisch.

Ausschüsse abgesagt Auch das politische Leben in Krefeld läuft auf Sparflamme. Alle Ausschusssitzungen sind bis zum Ende der Osterferien abgesagt. Die Fraktionsvorsitzendenkonferenz hat einen entsprechenden Beschluss gefasst. Geplant ist, vor Ostern in einer Telefonkonferenz noch einmal die aktuelle Lage zu besprechen. Sollten relevante Entscheidungen getroffen werden müssen, könnte der Hauptausschuss gegebenenfalls kurzfristig tagen.

Diagnosezentrum erweitert Die Stadt hat das Diagnosezentrum personell aufgestockt. Statt einem sollen künftig sieben Mitarbeiter telefonisch erreichbar sein. Auch soll das Team an der Schwertstraße bei  der Terminplanung entlastet werden. Derzeit werden dort täglich zwischen 60 und 90 Kontrollen durchgeführt. Oberbürgermeister Frank Meyer betont: „Die Stadt ist nicht verpflichtet, eine solche Einrichtung anzubieten.“ Es handele sich um eine „freiwillige Zusatzleistung, die  Hausärzte entlasten“ soll.

Kita-Beiträge Die Verwaltung prüft, ob Kita-Beiträge,  die Eltern  derzeit zahlen, zurücküberwiesen werden. „Wenn wir das können, sollten wir das tun“, sagt Oberbürgermeister Frank Meyer. Da sich die Stadt aber in der Haushaltssicherung befinde, sei eine Entscheidung offen.

Gaststätten und Spielplätze geschlossen, Geschäfte dürfen öffnen Kneipen, Restaurants, Cafés, Spielhallen und Spielplätze sind nach einem Landeserlass ab sofort geschlossen.  Einzelhändler werden in dem Erlass nicht erwähnt, dürfen also im Prinzip öffnen. Christoph Borgmann, Vorsitzender der Werbegemeinschaft, geht dennoch davon aus, dass viele Händler ihr Geschäft nicht öffnen werden; er habe nach langer interner Diskussion entschieden, Intersport Borgmann am Mittwoch zu öffnen; auch der Kaufhof will so verfahren.

Pacht aussetzen  Die Verwaltung will Pächtern von städtischen Gebäuden bei der Mietzahlung entgegenkommen. „Wir denken über eine Stundung nach, das muss aber in jedem Einzelfall geprüft werden“, so Oberbürgermeister Frank Meyer.