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Krefeld 1970: Fotos über ein hässliches Jahrzehnt

Krefeld : 1970 – Versuch über ein schwieriges Jahrzehnt

Es fing bei Facebook an: Peter Lengwenings, Sohn des Fotografen Karl Heinz Lengwenings, hat Fotos seines Vaters aus den 70er Jahren veröffentlicht. Es war ein eindringliches Wiedersehen mit einem seltsamen Jahrzehnt. Wir laden mit Lengwenings-Fotos zu einer Zeitreise ein und fragen: Was begann 1970? Alle Fotos auf dieser Seite stammen aus diesem Jahr.

Peter Lengwenings, Sohn des Krefelder Fotografen Karl Heinz Lengwenings (1927-2017), hat eine Weile bei Facebook Bilder aus den 70er Jahren gepostet; das Interesse war riesig, der Effekt beim Anschauen enorm. Und zwiespältig: Die 70er Jahre sind einerseits für viele Heutige Teil ihres Lebens, andererseits als Epoche merkwürdig weit weg, viel weiter, als es die Jahrzehnte und die vielen Zeitzeugen ahnen lassen. Daraus folgt ein doppeltes Warum: Warum dieses Interesse, warum dieses Gefühl, etwas epochal Vergangenes zu betrachten?

Bau der Unterführung am Bahnhof – der Unterführungswahn ist beendet. Menschen wollen nicht in den Untergrund. Foto: Peter Lengwenings/Karl-heinz Lengwenings

Peter Lengwenings hat uns einige Bilder seines 2017 verstorbenen Vaters zur Verfügung gestellt. Sie stammen allesamt aus dem Jahr 1970, der Schwellenzeit, in der dieses merkwürdige Jahrzehnt begann. Karl Heinz Lengwenings hat über Jahrzehnte in Krefeld fotografiert; er war wie Rudolf Brass eine Art Institution; beide haben in ihren Fotos ein unschätzbares Bildarchiv über Krefeld jüngere Vergangenheit geschaffen.

Nostalgisch: Die historische Straßenbahn war schon 1970 eine Attraktion, Erinnerung an vermeintlich gute alte Zeiten. Foto: Peter lengwenings/Karl-heinz lengwenings

Die 70er Jahre bilden auch im Spiegel dieser Bilder eine besondere Epoche: der wahre Anbruch der Nachkriegsmoderne, der bei jedem Schritt nach vorn nicht nur euphorischer Anfang war, sondern begleitet von Ernüchterung.

Blick auf den Ostwall: Aus der einstigen Flaniermeile wurde endgültig eine Autostraße. Foto: Peter Lengwenings/Karl-Heinz Lengwenings

Die viel zitierte 68er-Bewegung zelebrierte große weltanschauliche Debatten und Gesten mit revolutionärem Pathos; doch ab dem Jahr 1970 versandete manche große Pose im Elend. Der Traum von der Bewusstseinserweiterung durch LSD, allgemein: Rauschgift, kippte in einen Albtraum aus körperlicher und seelischer Verelendung. Janis Joplin und Jimi Hendrix starben 1970 an Drogenmissbrauch, Jim Morrison, charismatischer Frontmann der Doors, folgte 1971.

Die Horten-Eröffnung: Das Kaufhaus setzte deutschlandweit Maßstäbe als moderner Konsumtempel. Dem neuen Gebäude musste der alte Crefelder Hof weichen. Foto: Peter Lengwenings/Karl-Heinz Lengwenings

Auch der Traum von einer gerechteren Welt mündete in einen Albtraum: 1970 wurde die RAF gegründet; all das Gerede von Antiimperialismus und internationaler Solidarität verkam zu einem mörderisch-narzisstischen Ego-Trip selbsternannter Erlöser. Wachstum, technischer Fortschritt und Wohlstand für viele waren schon begleitet von Ahnungen über Zerstörung; 1968 wurde der Club of Rome gegründet und mahnte Nachhaltigkeit (biblisch gesprochen: die Bewahrung der Schöpfung) an; der erste Bericht aus dem Jahr 1972 unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ wurde weltweit beachtet.

Manches ändert sich nie: die Lust auf einen Klassiker unter den Erfrischungsgetränken zum Beispiel. Anlieferung auf der Rheinstraße, im Hintergrund erkennbar die Dionysiuskirche. Foto: Peter Lengwenings/Karl-Heinz- Lengwenings

Und Krefeld?

Idylle: Kinder planschen im Bismarckbrunnen. Foto: Peter lengwenings/Karl-HeinzLengwenings

Auch Krefeld veränderte sich, auch in Krefeld bündelten sich im Jahr 1970 all die Entwicklungen, die bis heute Debatten und Trends des modernen Gemeinwesens beschäftigen.

Mit Schlips und Hut und Aktentasche auf dem Krefelder Geranienmarkt. Foto: Peter Lengwenings/Karl-Heinz Lengwenings

1970 wurde Krefeld Einwanderungsstadt. 1970 lebten in Krefeld bei 230.000 Einwohnern laut Statistischem Jahrbuch 18.605 Ausländer; fünf Jahre zuvor waren es 10.727, 1960 nur 5.000. Heute hat die Stadt 226.000 Einwohner, von denen 82.000 einen Migrationshintergrund haben.

Peter Lengwenings mit Negativen aus dem Archiv seines Vaters. Foto: Jens Voss

Das traditionelle Modell Familie bröckelte: 1970 wurden in Krefeld 495 Ehen geschieden, 1960 waren es 222; fortan ging diese Zahlenkurve nach oben; der sprunghafte Anstieg innerhalb eines Jahrzehnts war, obwohl auf niedrigem Niveau erfolgt, kennzeichnend für den Trend, dass die Ehe nicht mehr fraglos stabile Lebensverhältnisse versprach.

Die Ausgaben für Fürsorge und Jugendhilfe stiegen drastisch: 1963 wurden pro Einwohner rechnerisch 36,70 Mark für Fürsorge und Sozialhilfe ausgebaut, 1970 waren es 64,60. Der Sozialstaat stand am Beginn eines enormen Ausbaus. Heute gibt der deutsche Staat rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Sozialausgaben aus.

Ein wenig sarkastisch gesagt: Stabil geblieben ist die Verwaltung: 1970 arbeiteten im Rathaus 3791 Mitarbeiter, von denen 1588 als Arbeiter ausgewiesen wurden. Heute zählt die Stadtverwaltung rund 3500 Mitarbeiter.

1970 war auch das Jahr, in dem Krefeld sein Gesicht veränderte und dem Stadtbild die Züge eingemeißelt wurden, die bis heute Bestand haben.

1970 wurde Horten eröffnet; dafür wurde der alte Crefelder Hof abgerissen; heute würde man mindestens die Fassade des prachtvollen Hotels erhalten, doch damals galt es, auch äußerlich modern zu werden. Die neue Zeit trumpfte protzig auf. Helmut Horten, so heißt es, fuhr bei der Eröffnung der Krefelder Horten-Filiale am 23. April 1970 im Rolls-Royce vor.

1970 wurden auch die Pläne für das Seidenweberhaus auf den Weg gebracht, 1972 erfolgte die Grundsteinlegung auf dem Theaterplatz, 1976 wurde der Bau eröffnet. Das Seidenweberhaus stand in der Tradition des Brutalismus. Diese architektonische Avantgarde-Bewegung war nun quasi in der Realität mittelgroßer Städte angekommen. Es entstand ein Bauwerk, das epigonal war und vieles von dem Schlechten bündelte, das den Brutalismus auch berüchtigt machte und von Anfang an umstritten war. Zu groß, zu wuchtig, zu unklar, bald auch: zu schmutzig. Kann sich jemand erinnern, wann die Phase einsetze, in der der Theaterplatz nur noch als Problem und Reservat für die Junkie-Szene wahrgenommen wurde?

Jedenfalls: Diese Art Architektur passt in die Geschichte der Ernüchterung der 70er Jahre. Modern sollte es sein, neu, ungewöhnlich, verspielt, kein Spießer-Haus mit vier Ecken und einer Türe, sondern etwas Besonderes. Entstanden ist ein Problembezirk. Sicher, auch weil das Haus zu wenig gepflegt wurde, aber ganz sicher auch, weil das Haus war, wie es ist, und mehr versprach, als es halten konnte. All die verspielten und funktionslosen Ecken, Kanten und Unterstände waren am Ende Flucht- und Deckungsräume für Elendsgestalten. Auch das Seidenweberhaus, dieser architektonische Aufbruch Krefelds, war eine Geschichte der Ernüchterung.

So mag es sein, dass wir heute mit den 70er Jahren fremdeln, obwohl sie für viele Menschen Tage der Jugend und neuer Horizonte waren. Klar, wer jung war, liebte, lachte, feierte. Man kam technisch voran, der Wohlstand wuchs; es gab auch einen dramatischen Zuwachs an individueller Freiheit, und doch schleifte dieses Jahrzehnt einen düsteren Schleier hinter sich her.

So war diese Phase eine Zeit schmerzhafter Klarheit: Die Leichtigkeit des Seins in einer neuen Zeit erwies sich als trügerisch, mindestens: behaftet mit Kehrseiten. Es ist wie erwachsen werden: Die Kraft wächst, aber damit auch die Einsamkeit dessen, der auf sich selbst zurückgeworfen ist.

Die 80er Jahre waren sicher nicht besser, aber realistischer. Man gewöhnt sich an Ernüchterung. So mag die kollektive Gefühlslage Anfang der 80er Jahre leichter geworden sein, obwohl die Welt dieselbe blieb. 1980 wurde die Partei der Grünen gegründet. Die Bewegung schöpfte neuen Mut zur Weltenrettung in Latzhose, 1983 machte Michael Jackson den Moonwalk wieder populär. Vielleicht kein Zufall: Im Moonwalk wird Bewegung als Illusion zelebriert, aber nicht als Trauergesang, sondern ironisch und artistisch. Bewegung bleibt faszinierend: eine packende, beglückende Möglichkeit unseres Lebens. Frischer Mut, neue Ironie, beglückende Vitalität: So überwanden wir ein Jahrzehnt, in dem uns alle Naivität über Aufbrüche ausgetrieben wurde.