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Krawatten-Firmen aus Krefeld produzieren Mundschutz

Wirtschaft in Krefeld : Krawatten-Firmen produzieren Mundschutz

Der findige Unternehmer, Peter Niersbach, Inhaber der Firma Nika Medicalprodukte GmbH, nahm Kontakt zu Textilunternehmen auf und bot Kooperationen an. Die Firmen Alpi und Ascot willigten ein.

Der Krefelder Medizinproduktehändler Peter Niersbach, Inhaber der Firma Nika Medicalprodukte GmbH, war einer der ersten Experten, der vor Versorgungsengpässen bei Schutzbekleidung gewarnt hatte. „Schon im Januar, spielte der Markt verrückt. China hat bereits damals angefangen, Schutzkleidung im großen Stil aufzukaufen. Es wurde fast jeder Preis gezahlt und das hat nicht nur die Einkaufspreise deutlich erhöht, es hat auch dafür gesorgt, dass auf den Märkten kaum noch etwas erhältlich ist. Weltweit gibt es Engpässe und Ärzte und Kliniken bekommen zunehmend Probleme, ihre Patienten zu behandeln. Wir haben uns in eine sehr ungesunde Abhängigkeit vom asiatischen, vor allem dem chinesischen, Markt begeben“, sagt er.

90 Prozent der Einwegartikel stammen aus dem Reich der Mitte und das sei noch nicht das Ende der Probleme. „Die nächste Versorgungskrise zeichnet sich bereits ab, denn auch Verbandsstoffe, von Tupfern über Kompressen bis zu Binden kommen fast ausschließlich aus China. Und auch hier zeichnen sich Engpässe ab“, sagt Niersbach. Langsam laufe zumindest die Produktion von Schutzkleidung wieder an. Das sei aber noch kein Ende der Krise. „Die Aufkäufe und Produktionsausfälle in China haben zu Milliardenverlusten geführt. Die wollen sie nun wieder rein holen und da es kaum andere Hersteller gibt, machen sie das bei gleichem Absatz über den Preis“, erzählt der Unternehmer. Einmal-Mundschutz, der normalerweise drei bis vier Cent koste, werde nun für das zehn bis 20-Fache verkauft. „Preise von 50-60 Cent sind derzeit üblich und der Markt wimmelt nur so von unseriösen Angeboten“, erzählt Niersbach.

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So entschied er, das Problem in eigene Hände zu nehmen. Durch den Preisanstieg würden nun nämlich Produkte aus heimischer Herstellung schlagartig interessant. „Ein Mundschutz aus Stoff ist wiederverwendbar und kann länger getragen werden, da er langsamer durchfeuchtet. So rechnet er sich derzeit nach etwa zehn Umläufen. Er kann aber durchaus hundert Mal und mehr genutzt werden“, befindet der Händler.

 Ascot-Krawatten reagiert auf die Folgen der Corona-Pandemie und produziert Schutzmasken.
Ascot-Krawatten reagiert auf die Folgen der Corona-Pandemie und produziert Schutzmasken. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Der findige Unternehmer nahm Kontakt zu Textilunternehmen auf und bot Kooperationen an. Zunächst erlebte er eine böse Überraschung: „Ich habe bereits im Februar Kontakt zu einem großen Deutschen Hersteller aufgenommen und mein Konzept für Mundschutz aus Stoff vorgestellt. Man hörte sich alles an und macht es jetzt ohne mich. Das Unternehmen verdient Millionen damit – eigentlich würde Kurzarbeit drohen“, ärgert er sich. Doch Niersbach gab nicht auf und suchte nach neuen Partnern. „Ich dachte mir: Krefeld hat eine große Tradition im Textilbereich. Also habe ich hier meine Kontakte spielen lassen“, erzählt Niersbach und fand in den Unternehmen Alpi und Ascot zuverlässige Partner, die nun Mundschutz herstellen.

„Für uns als Unternehmen wird es sich vermutlich nur bedingt rechnen. Aber es ist eine Möglichkeit, unsere Mitarbeiter komplett durcharbeiten zu lassen. Sonst hätten wir Kurzarbeit anmelden müssen. Außerdem ist es ein wichtiger Beitrag, den wir in diesen schwierigen Zeiten leisten können, um die medizinische Versorgung aufrecht zu halten“, sagt Ascot-Mitinhaberin Barabara Pauen. Ähnlich sieht es die geschäftsführende Gesellschafterin bei Alpi, Birgit Porten: „Es wird sicher nicht den großen Gewinn geben. Der liegt vor allem darin, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Es ist ein solidarischer Beitrag“, sagt sie.

Welche Mengen sie überhaupt herstellen können, ist noch gar nicht absehbar. „Wir sind jetzt seit zwei Tagen dabei und stellen unsere Prozesse um. Wir sind in den Prognosen erst einmal konservativ“, sagt Pauen und Porten fügt hinzu: „Garantieren können wir nichts, da es auch am Material hängt. Es ist derzeit durchaus problematisch, die einschlägigen Stoffe zu bekommen.“

Das Feld, Schutzkleidung aus Stoff auf dem heimischen Markt herzustellen, könnte, so denkt Niersbach, durchaus ein Zukunftsmodell werden. „Wenn ich einen Stoffmundschutz eine ganze Schicht tragen kann, während die Einmal-Produkte nach jedem Patienten gewechselt werden müssen, dann rechnet sich das selbst bei den normalen Preisen recht schnell. Und die Abhängigkeit von China würde verringert“, sagt er. Dass es überdies auch ökologisch weit besser wäre, kommt hinzu. Viel Kollateralnutzen also für ein Konzept, das es früher bereits gab und das nun wiederentdeckt wird.