Seidenweberhaus: Kommentar: Reißt das Ding ab!

Seidenweberhaus : Kommentar: Reißt das Ding ab!

Öffentliche Bauwerke sind Stein gewordenes öffentliches Bewusstsein. Ein Abriss des Seidenweberhauses, wie er jetzt aus technischen Gründen diskutiert wird, wäre für die kollektive Psyche Krefelds mehr als nur die Chance auf eine heile Halle: Das Seidenweberhaus steht für die hässliche Seite der 70er Jahre.

Was damals schön war — diese Verunklarung über das Vorn und Hinten, über Eingang und Ausgang, über Anfang und Ende; diese Verhutzelung durch Nischen und Durchgänge: all das darf heute als missglückt betrachtet werden. Ein Abriss wäre ein ästhetischer Befreiungsschlag für das Stadtbild.

Für Krefeld wäre es das Ende einer Ära, in der, beginnend nach dem Krieg, etliche wertvolle historische Bauwerke abgerissen wurden — zugunsten einer "Moderne" mit teils grotesken Fehlkalkulationen. Damals dachte man wirklich, man könne ein Ding wie den Mississippi- Dampfer neben die City stellen und sie damit "beleben". So herzlos konnte Architektur sein.

Das Seidenweberhaus ist wie ein Symbol für solche Bausünden. All die Nischen, Höhlen und Durchgänge sind heute Schmutzfänger; all die Unklarheit über die Struktur stiftet beim Fußgänger Unsicherheit, ob er in einem zwielichtigen Hinterhof oder an einer sicheren, weil öffentlichen Vorderseite ist; und nackter Beton ist immer noch vor allem eines: hässlich. Ein Neubau wäre die Chance, sichtbar zu machen, was der Platz mit Theater und Mediothek in Wahrheit ist: ein Kulturzentrum, ein guter Ort.

Vielleicht ist das Seidenweberhaus der Schlüssel, warum Krefelds City noch sehr ungerecht als miefig beurteilt wird. Das Haus und seine Tiefgarage prägen nun mal für viele Besucher den ersten Eindruck urbanen Lebens hier: ein Gebäude, das ästhetisch von gestern ist und gegen Schmutz und Uringestank ankämpft.

Es ist und bleibt ein Skandal, dass den bedauernswerten Parkhaus- Mitarbeitern die Folgen der Drogenduldungspolitik am Seidenweberhaus so lange aufgebürdet wurde; sie waren jahrelang allein gelassen mit den Problemen von Verschmutzung und menschlichem Elend. Zur Bekräftigung: Jawohl, Drogenduldungspolitik, denn jeder weiß, dass auf dem Theaterplatz mit Drogen gehandelt wird, und Rat und Verwaltung ringen sich nicht dazu durch, die Szene dort zu vertreiben. Jetzt erst gibt es Maßnahmen, Platz und Parkhaus wenigstens sauber zu halten.

Dennoch: Heilen lässt sich dieser Platz nicht — selbst blitzsauber bleibt die 70er-Jahre Tristesse des Seidenweberhauses, die wie Mehltau über dem Ruf Krefelds liegt. Reißt das Ding endlich ab.

(jul)