Krefeld: Kneipenhistorie: Sektlaune 1927

Krefeld: Kneipenhistorie: Sektlaune 1927

Vier Fischelner graben sich durch die Tiefen des Heimatarchivs im Rathaus an der Kölner Straße, um die Historie Fischelner Gaststätten und Bauernhöfe zu erforschen. Erstmal wurde aber ein Jahr lang gebügelt.

Heimatforschung ist ein ziemlich bodenständiges Geschäft. Ausdauer ist gefragt, manchmal auch bei Tätigkeiten, die sich erst mal so gar nicht nach "Forschung" anhören. Zeitungen bügeln zum Beispiel. "Ein Jahr lang haben wir damit zugebracht, uralte Ausgaben des Fischelner Sonntagsblatts zu glätten", erzählt Wolfgang Müller und lacht verschmitzt. "Mit dem Bügeleisen, bei niedriger Temperatur."

Müller, Fischelner Urgestein und im "Dorf" als WoMü bekannt, ist einer von vier Männern, die sich im Dienste der Heimatforschung fürs Bügeln nicht zu schade sind. Alle vierzehn Tage, immer dienstags, treffen sich Müller, Manfred Adam, Karl-Wilhelm "Kalla" Reiners und Michael Pingel in den Tiefen des Rathauskellers an der Kölner Straße. Dort hat das Heimatarchiv seinen Platz gefunden - mit unzähligen historischen Fotos, Unterlagen und Artefakten aus mehreren Jahrhunderten Fischelner Dorfgeschichte.

Historischer Schatz: Die älteste Ausgabe des Fischelner Sonntagsblatts von 1894. Foto: Carola Puvogel

Besonderer Stolz der Heimat-Archivare ist die Gesamtausgabe des Fischelner Sonntagsblatts, heute Fischelner Woche. 4000 Zeitungen, die älteste von 1894, wurden dem Bürgerverein Fischeln vor Jahren überlassen. Der historische Schatz, liebevoll gebügelt, gebunden und gehütet, dient jetzt als Quelle für die Ergründung Fischelner Geschichte - und Geschichten. Die Männer haben sich in zwei Teams aufgeteilt. Müller und Adam haben sich die Bauernhöfe vorgenommen, Pingel und Reiners wollen die Historie Fischelner Gaststätten nachvollziehen.

"Wir trinken ja ganz gerne mal ein Bierchen, daher passte das mit den Gaststätten ganz gut", meint Kalla Reiners und grinst. Er und Pingel durchforsten systematisch die alten Zeitungen. In redaktionellen Beiträgen wie "Taubenzüchterverein trifft sich im Moselstübchen", aber auch in Kleinanzeigen sind die verschiedenen Lokale erwähnt. Mit Hilfe einer Excel-Tabelle sammeln die beiden Männer die gefundenen Informationen, sortieren nach Jahreszahlen, ergänzen Fakten, die Namen der Pächter oder - soweit bekannt - Anekdötchen. Zum Beispiel von der Gaststätte "Alt-Fischeln", dort, wo heute der Clemensmarkt steht. "Dort gab es damals die Backstube Hans Meyer mit angeschlossener Kneipe", erzählt Manfred Adam. "Wenn man morgens um fünf beim Brötchenholen von der Backstube rüber in die Gaststube ging, saßen da noch die letzten Zecher." Ein Glücksfall, wenn es dazu noch das passende Foto gibt. Wie zum Beispiel das Bild von 1927, aufgenommen im Garten des Restaurants Heinrich Wolf. Dort feierte der MGV Cäcilia von 1877 sein 50-jähriges Bestehen. Mit dabei auch die Damen der Sänger, die sich an dem offensichtlich feuchtfröhlichen Junitag in allerbester Sektlaune ablichten ließen.

Teamarbeit: "Kalla" Reiners (l.) und Michael Pingel durchforsten alte Unterlagen. Foto: Carola Puvogel

Die älteste in den Unterlagen vermerkte Gaststätte taucht 1872 auf, es ist die Gaststätte Fink. Andere bekannte Namen sind das erwähnte Moselstübchen, Wolf Zens, Drießen oder die Weberunion. Auch die heute noch vorhandene Gaststätte Am Rathaus gibt es schon sehr lange. "Einige Fotos haben wir, es wäre aber toll, wenn Fischelner Bürger uns mit historischen Bilder aushelfen könnten", wünscht sich Reiners. Geduld ist gefragt, die vier Heimatforscher sind sich darüber im Klaren, dass es nur langsam vorangeht, das historische Material zu sichten und zu systematisieren. Irgendwann, so die Idee, könnte aus den gesammelten Fakten und Fotos vielleicht eine Broschüre entstehen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Aber immerhin muss nicht mehr gebügelt werden.

Das Fischelner Heimatarchiv hat jeden ersten und dritten Dienstag im Monat von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Zugang an der Rathaus-Rückseite. Kontakt: www.buergerverein-fischeln.de, Telefon 537305.

Von der Backstube gab es einen Durchgang in den Schankraum von "Alt-Fischeln". Foto: Heimatarchiv
(RP)
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