Krefeld: Kita-Kosten: Vater beklagt "Irrsinn"

Krefeld : Kita-Kosten: Vater beklagt "Irrsinn"

Familie Schreyer aus Krefeld will Tochter Greta eigentlich bis zum dritten Geburtstag zu Hause betreuen. Weil es danach schwierig wird, einen Kita-Platz zu erhalten, werden sie ihr Kind eher anmelden müssen. Die Rechnung des Vaters: Dies könnte 469 Prozent mehr kosten.

Es ist ein drastischer Fall von Kita-Gebührenexplosion: Die Krefelder Familie will ihre Tochter Greta (1) eigentlich in den ersten Jahren zu Hause betreuen, muss sie aber wohl schon früher anmelden, um einen Betreuungsplatz sicher zu haben. Schon das ist für die Bockumer Familie mehr als ärgerlich.

Für den Fall aber, dass nun auch die von der Krefelder Stadtverwaltung vorgeschlagene Kita-Gebührenerhöhung wirklich umgesetzt wird, bedeutet das für die Schreyers in zwei Jahren Mehrkosten in Höhe von 8732 Euro. Wenn Vater Ron Schreyer die bezahlte Leistung mit der vergleicht, die er eigentlich wünscht, ergibt sich ein Preisunterschied von 469 Prozent. "Irrsinn", nennt das Ron Schreyer. In einem Offenen Brief, in dem er seinen Fall schildert, hat er sich jetzt an Krefelds Oberbürgermeister Gregor Kathstede gewandt. Dort schreibt er seine ganze Geschichte auf.

Ron Schreyers Tochter Greta kam im Oktober 2013 zur Welt. Die Eltern planten von Beginn an, die Tochter zwei Jahre zu Hause zu betreuen. Ron Schreyers Ehefrau ist Grundschullehrerin. Im Oktober 2015 wird sie wieder mit reduzierter Stundenzahl in den Beruf zurückkehren wollen. Im dritten Lebensjahr soll Greta eigentlich von Großeltern und privat betreut werden. "Wir möchten die Entwicklung unserer Tochter intensiv begleiten. So geht Greta derzeit zum Babyschwimmen, zur frühen Kunsterziehung und zum Musikgarten. Bald kommt auch noch Babyturnen hinzu." Bis zum geplanten Eintritt in den Kindergarten im August 2016 wollte man dies eigentlich so beibehalten.

Familie Schreyer hat sich bereits nach einem Kita-Platz für die Tochter erkundigt und da festgestellt, dass es in Bockum und Umgebung einen echten Mangel an Plätzen für Über-Dreijährige gibt. Der von den Schreyers favorisierte Kindergarten bietet im nächsten Jahr nur einen Platz für über dreijährige Kinder an. Den Schreyers wurde also empfohlen, sich auf einen Platz für Unter-Dreijährige zu bewerben, um sich einen Platz zu sichern. "Fragwürdig" finde er diese Ausgangssituation, schreibt Schreyer.

Dennoch entschied er sich mit seiner Frau, einen Platz für die Tochter anzumelden, obwohl er diesen noch nicht brauchte, um sicherzustellen, dass Greta im kommenden Jahr einen garantierten Ü3-Platz hat. Die Schreyers überlegten dann, einen minimalen Betreuungszeitraum von nur 25 Stunden zu buchen und Greta an ein bis drei Tagen pro Woche schon einmal in den Kindergarten zu bringen.

Bei der Anmeldung dann die Enttäuschung: "Uns wurde mitgeteilt, dass der Träger nur ganz wenige 25-Stunden-Plätze vorsieht und die Chancen daher eher schlecht für einen Platz stünden. Uns wurde nahegelegt, zusätzlich, quasi als zweite Wahl, auch eine Anmeldung mit 35-Stundenbedarf einzureichen." Er habe schlucken müssen, so Ron Schreyer: "Wir würden also ein Jahr für eine 35-Stundenbetreuung bezahlen, die wir nicht wollen und auch nicht brauchen. Klingt absurd, ist aber so."

Doch es kam noch dicker: In der ersten Runde der Kita-Platz-Vergabe wurden die Schreyers nicht berücksichtigt. Im Nachrückverfahren erhielten die Eltern im Gespräch mit der Kita-Leitung doch noch einen Platz, allerdings einen wesentlich teureren 45-Stunden-Platz. "Also würden wir jetzt unsere Tochter nicht nur ein Jahr früher als benötigt und gewünscht in einer KiTa anmelden, nein, wir würden auch noch das Maximum an Stunden buchen." Ein Jahr würden er und seine Frau einen 45-Stunden-Platz in der Kindertagesstätte buchen, den sie eigentlich gar nicht brauchen.

Als "eklatanten Fall von Marktversagen" bezeichnet Ron Schreyer das Verfahren in dem Brief an Oberbürgermeister Gregor Kathstede. Schreyer ist beruflich in der freien Wirtschaft beim Düsseldorfer Konzern Eon tätig. "Die Volkswirtschaftslehre empfiehlt in solchen Fällen gerne einen Eingriff des Staates. Da aber im Falle der KiTas bereits öffentliche Organe beteiligt sind, liegt meiner Auffassung nach sogar ein ordnungspolitisches Versagen vor." Er habe den Eindruck, dass eine pauschale 45-Stunden-Kinderbetreuung politisch gewollt ist. "Eine Entwicklung, die ich für sehr bedenklich halte, da sich die Politik anmaßt, Entscheidungen, die klar in der Verantwortung der Eltern liegen, für diese zu treffen."

Richtig frustriert wurde Ron Schreyer dann, als er erfuhr, dass die Stadtverwaltung auch eine teilweise sehr drastische Erhöhung der Kita-Gebühren plant. Ron Schreyer hat auch durchgerechnet, was die nun von der Stadtverwaltung ins Spiel gebrachte Gebührenerhöhung für ihn bedeutet.

Erst hat er seinen Wunschfall ausgerechnet: Würde er seine Tochter im Betreuungsumfang von 35 Stunden im kommenden Jahr in den Kindergarten bringen, wie es die Schreyers eigentlich am liebsten hätten, würde ihn dies nach derzeit gültiger Gebührensatzung 2380 Euro kosten, nach neuer Gebührensatzung 4712 Euro. Schon dies bedeute eine Erhöhung der Kosten um 98 Prozent, rechnet Schreyer aus.

Er hat auch ausgerecnnet, was es bedeutet, wenn seine Tochter bereits in diesem Jahr in die Kita ginge und zwar zu den angebotenen 45 Stunden bis Juli 2016, danach bis Oktober 2017 mit dem gewählten Betreuungsumfang von 35 Stunden. Nach derzeit gültiger Gebührenordnung kosteten diese 26 Monate insgesamt 6580 Euro, nach neuer Gebührenordnung seien es 11112 Euro, rechnet Schreyer vor. Dies entspreche einer Erhöhung um 69 Prozent.

Wenn er nun vergleicht, was er eigentlich haben will, nämlich 35 Stunden ab August 2016, und was er bezahlen müsste, wenn die Ratsvorlage umgesetzt wird, ergibt sich ein Preisunterschied von 8732 Euro, also 469 Prozent. "Als Wähler und Steuerzahler kann ich da nur mit dem Kopf schütteln", sagt Schreyer.

"Als Vater und gebürtiger Krefelder finde ich dies einfach nur beschämend. Hier ist dann ein Punkt erreicht, an dem man sich dann tatsächlich Gedanken um eine alternative Kinderbetreuung außerhalb dieses in meinen Augen kaputten Systems machen muss. Zum einen, weil man sich derartiges einfach nicht leisten kann und zum anderen, um neben den ohnehin hohen Steuer- und Abgabenbelastungen dieses fehlgeleitete System nicht auch noch zusätzlich durch weitere Gebühren mit zu finanzieren. Anders kann man als Steuerzahler nicht mehr reagieren."

(RP)
Mehr von RP ONLINE