Krefeld: Kindheit in Krefeld um 1938

Krefeld: Kindheit in Krefeld um 1938

Professor Ernst J. Althoff auf Zeitreise: Er ist in Krefeld aufgewachsen und begibt sich für uns noch einmal in das Jahr 1938. Als Zehnjähriger ist er in seinem Viertel unterwegs und beschreibt seine Stationen wie den Modellbauladen, die Markthalle und das Stadtwaldhaus.

Unsere Adresse ist Jägerstrasse 54, aber gleich "öm de Eck" liegt der Blumenplatz, und da lässt es sich gut spielen. Mörmeln und bolzen unter den Platanen, die auf dem Rechteck in zwei Reihen stehen. Die Notkirche von St. Norbertus ist erst 13 Jahren alt. Zur Mittagszeit heulen die Dampfsirenen der nah gelegenen Fabriken. Ich wohne mit meinen Eltern in einem Vierfensterhaus mit drei Stockwerken. Hinter dem Flügelanbau liegt unser Garten. Die Fassade ist mit den damals üblichen Stuckelementen verziert. Die Schreinerei meines Vaters befindet sich nur wenige Häuser weiter in einem Anbau.

Besuch in Schule 21

Wenn meine Mutter mir etwas aufträgt, brauche ich nicht länger als zwei Minuten bis zu einer der Bäckereien am Platz, zum Metzger oder Gemüsehändler. In den angrenzenden Wohnblocks haben viele Handwerker ihre Betriebe, dort finden sich auch Kohlenhändler, eine Drogerie mit Farbenhandlung sowie die Paramentenweberei Dutzenberg und Müllemann & Bonse, wo Maßbänder für die Textilindustrie hergestellt werden (beide Firmen existieren bis heute).

Ich besuche die Schule 21 an der Marktstraße. Als aufgeweckter Zehnjähriger darf ich das Viertel auch schon ohne Begleitung verlassen. Der Kirchturm der St.-Dionysius-Kirche ist ein guter Orientierungspunkt, aber eigentlich finde ich meinen Weg auch blind. Er führt mich zu Mahr vor der Dionysius-Kirche, wo es alle Materialien für den Flug- und Schiffsmodellbau gibt. Um in der Hitler-Jugend dem Marschieren zu entgehen, nehme ich an einem Kurs im Modellbau teil, den ein Volksschullehrer leitet. Die besten Flugzeugmodelle mit Namen wie "Strolch" und "Baby" nehmen an Flugwettbewerben auf dem Egelsberg teil.

Eine andere Station auf meinem Spaziergang ist das Spielzeuggeschäft Seidel an der Hochstraße/Ecke Rheinstraße. Ich klebe am Schaufenster und bestaune die unerreichbaren Eisenbahnen von Märklin und die Autos von Schuco, für die in meinem Elternhaus das Geld fehlt. Wenn meine Oma mir hin und wieder ein Fünfpfennigstück zusteckt, mache ich einen Umweg über den Westwall, wo ich mir an der kleinen Eisdiele ein "Schiffchen" mit Zitroneneis kaufe. Im Sommer wirft manchmal auch der Bäcker Biesemann seine alte Eismaschine an, dann fällt die Wahl zwischen Vanille-, Erdbeer- und Schoko-Eis schwer. Ich lasse mich treiben, hinein in die schmale Poststraße, an der Pforte zum "Klösterken" vorbei. Die Karmeliterinnen in ihrer Nonnentracht sind so selten zu sehen, dass es mich in den Fingern juckt, am Klingelzug zu ziehen.

Hin und wieder begleite ich meine Mutter Donnerstag, kurz vor Geschäftsschluss, gegen 19 Uhr, noch in die Markthalle in der Friedrichstraße, die einen Hinterausgang zur Königstraße hat. In der gekühlten Fischhalle wird Schellfisch gekauft, dann geht es in die große Halle, wo sich ringsum eine Galerie zieht. Dort oben bieten Korbflechter ihre Waren feil, und man kann das bunte Treiben zwischen den Ständen gut beobachten. Fräulein Kauertz hat immer ein Probierstückchen Käse für mich.

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Trinkbüdchen am Stadtgarten

Besonders gern besuchte ich als Kind den Stadtgarten, der ganz nah zu unserer Wohnung lag. Am Eingang passierten wir ein Trinkbüdchen und strebten dann dem Musikpavillon zu, wo ein Laienorchester Musik spielte. Er war aus gusseisernen Elementen konstruiert. Das kleine Fachwerk-Kurhaus mit seinen verspielten Giebeln und Türmchen hatte etwas von einem Zwergenhaus. Es wurde in den 60er Jahren abgerissen. In der Mitte des Gartens sprudelte ein Springbrunnen, der von Ruhebänken umstanden war. Hecken umschlossen den Rosengarten. Für den Sandkasten hatte ich mit zehn Jahren nur noch einen verächtlichen Blick, aber die vereinzelten Grabsteine mit ihren verwaschenen Inschriften, die auf den Friedhof verwiesen, der hier einst lag, zogen mich magisch an.

Andere beliebte Ziele der Sonntagsspaziergänge mit meinen Eltern waren das Stadtwaldhaus, mit seinem Weiher, auf dem man Kahn fahren konnte, der Hülser Berg, das Forsthaus oder das inzwischen abgerissene Schweizer Haus an der Uerdinger Straße. Hin wanderte man zu Fuß, weil das Fahrgeld nur für eine Fahrt mit Bus, Straßenbahn oder Schluff reichte. Die Stadthalle im Stil der Neo-Renaissance von Hugo Koch 1878/79 errichtet, war für uns Kinder vor allem in der Adventszeit ein Anziehungspunkt, fand dort doch der Weihnachtsmarkt statt. Aber auch die Vorführung eines Zauberkünstlers, der mit seiner Riesen-Kreissäge eine lebende Frau durchtrennte, ist mir eindrücklich in Erinnerung.

Der Bau fiel den Bomben zum Opfer wie auch das Stadttheater an der Rheinstraße, das der Kölner Theaterbaumeister Hochgürtel 1869 als Logen-Wandtheater errichtet hatte. Mein erstes Theatererlebnis dort werde ich wohl nie vergessen: "Peterchens Mondfahrt" mit der Schule.

Aufgezeichnet: Irmgard Bernrieder

(RP)
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