Kampf dem Krebs auf Molekularebene

Kampf gegen den Krebs (5) : Krieg der Moleküle

Die Leistungsfähigkeit moderner medizinisch-biologischer Analytik ist enorm. So kann man die Waffen gegen Krebszellen immer feiner ausrichten.

Das Labor wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, wird aber mit jedem Satz immer spektakulärer. Was hier analysiert wird, bewegt sich auf einer Mikro-Mikro-Mikro-Ebene, wie man es sich kaum noch vorstellen kann. Etwa, wenn Dr. Bernhard Hemmerlein, Chefarzt des Instituts für Pathologie, berichtet, dass man heute anhand von DNA-Schnipseln im Blut erkennen kann, ob Krebszellen im Körper eine bestimmte Mutation aufweisen. Er sagt wirklich Schnipsel - das klingt so banal wie Papierreste auf dem Teppich. Mit dem Bauplan unseres Lebens bringt man diese Assoziation nur schwer zusammen.

Die Leistungsfähigkeit moderner medizinisch-biologischer Analytik ist enorm. Die Strategie im Krieg des Menschen gegen den Krebs hat sich verschoben: Die Aufklärungsarbeit wird immer wichtiger, immer raffinierter, denn nur so kann man auch die Waffen gegen Krebszellen immer feiner ausrichten. Herr des Labors im Helios-Klinikum ist der Pathologe Dr. Bernhard Hemmerlein, und wenn er anfängt zu erzählen, hört man gebannt zu. In seinem Labor werden alle Arten von Gewebeproben analysiert. Diese Gewebeproben werden zum Teil während einer laufenden Operation per Rohrpost ins Labor geschossen, dort blitzanalysiert, um dann wichtige Entscheidungen für die OP zu treffen: Wo muss noch mehr Gewebe weggenommen werden, wo ist der tumorfreie Abstand möglicherweise nicht ausreichend groß, kann eine Bestrahlung noch während der Operation vorgenommen werden, die dann hocheffektiv ist? „Die Operationen werden durch diese Zusammenarbeit von Pathologie und Chirurgie ungleich effizienter, präziser und auch schonender für den Patienten“, sagt Prof. Michael Friedrich, Chefarzt der Gynäkologie am Helios.

Professor Michael Friedrich, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, vor dem Modell einer Krebszelle (dargestellt auf dem Bildschirm), bei der über Rezeptoren das Wachstum blockiert wird. Foto: Lothar Strücken

Allein die Anlage von Gewebepräparaten zur Untersuchung unterm Mikroskop ist eine Wissenschaft für sich. Die Proben werden durch hauchfeine Schnitte zerteilt; sie sind drei Mikrometer dünn, das sind drei Tausendstel eines Millimeters oder zwanzigfach dünner als ein Haar. Eine zentrale Prozedur ist die Einfärbung der Proben durch spezielle chemische Verfahren. Das Gerät dazu wirkt wiederum unspektakulär wie das ganze Labor: ein grauer länglicher Kasten. Wenn die Präparate aber die Laboreinheit verlassen, sind sie fast schön: wie dünne, elegante Scheiben aus farbig schillerndem Gestein. „Die Farbgebung gibt am Mikroskop Aufschlüsse über die Eigenschaften und Zusammensetzung der Gewebeproben“, erläutert Hemmerlein.

Das Foto zeigt ein Gesprächsmikroskop: Mehrere Ärzte sehen an einem Tisch durch mehrere Mikroskop ein- und dasselbe Präparat und diskutieren, was sie sehen. Foto: Lothar Strücken

Die weitere Analyse der Präparate ist ein Kapitel für sich. Zu den faszinierenden Gerätschaften der Analytik gehört ein sogenanntes Diskussionsmikroskop. Dabei sitzen Fachleute an einem Mikroskop an einem Tisch und sehen ein- und dasselbe Präparat. „So wird diskutiert, was wir sehen und welche Schlüsse man daraus für die Diagnose und möglicherweise für die Therapie ziehen muss“, erläutert der Chef-Pathologe. Interdisziplinäre Konferenzen gehören fest zum Tages- und Wochenplan der Ärzte. Pathologen, Chirurgen, Fachmediziner, Bestrahlungsspezialisten, Physiker: Eine Krebszelle sieht sich heute einer Legion von Experten gegenüber.

Auch die Spuren, die Krebszellen hinterlassen, sind aufschlussreich. So kann man Brustkrebs heute röntgenologisch anhand von unterschiedlichen Kalkablagerungen erkennen. Hintergrund: Zellen können im Gewebe beim Absterben winzige Kalkablagerungen hinterlassen. „Die Struktur des Kalkes ist bei gesunden Zellen anders als bei Krebszellen, die anders und aggressiver wachsen“, erläutert Friedrich.

Zu den faszinierenden, immer wichtiger werdenden Methoden im Kampf gegen den Krebs gehört es, die Zelle von außen und innen mit zielgerichteten Medikamenten, zum Beispiel Antikörpern, anzugreifen. Antikörper sind spezielle Eiweißmoleküle, die das Wachstum von Tumorzellen unterbinden können. „Dabei werden Rezeptoren, die für das Wachstum entscheidend sind, durch Antikörper blockiert, so dass die natürlichen Wachstumsfaktoren, die Tumorzellen nicht mehr stimulieren können“, erklärt Friedrich.

Die anfangs erwähnten DNA-Bruchstücke sind zum Beispiel für die Diagnose bei älteren oder durch die Krankheit geschwächten Menschen bedeutsam, denen man nicht mehr die Belastung erneuter chirurgischer Eingriffe zur Diagnose zumuten möchte. Über die Blutanalyse lassen sich bei neuerlichem Krebswachstum anhand der DNA-Bruchstücke alte und neue Zellen vergleichen. So kann man gemeinsam entscheiden, was zu tun ist und potenziell neue, passende Medikamente einsetzen. Bei Älteren wächst der Krebs nicht im gleichen Tempo wie bei Jüngeren - auch das wird in der Therapie berücksichtigt.

So ist die Laborarbeit - um im Bild vom Krieg zu bleiben - die Abteilung Spionage und Aufklärung im Kampf gegen den Krebs. Jede bahnbrechende Entdeckung auf diesem Gebiet ist potenziell nobelpreisverdächtig.

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