Juden-Hass: Krefelds Oberbürgermeister Frank Meyer beklagt Entwicklung in Deutschland

Gedenkfeier: Klage über neuen Judenhass an Schulen

Laut einer Studie sei Antisemitismus an Schulen die Normalität, sagte der Oberbürgermeister bei einer Gedenkfeier in der Albert-Schweitzer-Schule . „Du Jude“ sei mittlerweile gebräuchliches Schimpfwort auf den Pausenhöfen.

Den Gedenktag für die Opfer von Krieg, Diktatur und Gewalt richtete in diesem Jahre als 19. der Krefelder weiterführenden Schulen die Albert-Schweitzer-Realschule aus. Bei ihrer Begrüßung der zahlreich erschienenen Gäste in der weiträumigen Aula erinnerte Schulleiterin Christa Lunkenheimer an den gesellschaftlichen Platz, den der 2005 von den Vereinten Nationen eingeführte internationale Gedenktag in Deutschland einnimmt: „Gestern heute, morgen - wir erinnern (uns) haben wir als Leitthema gewählt. Das Gedenken ist zu einem festen Bestandteil deutscher Identität geworden, der besonders die nachwachsende Generation zum Nachdenken anregen soll.“

Für Oberbürgermeister Frank Meyer ist der Gedenktag keine Routineveranstaltung, weil er jedes Jahr an einem anderen Ort stattfindet und dabei von den wechselnden aktuellen Ereignissen beeinflusst wird. Meyer verwies auf das verstörende Forschungsergebnis einer gerade in Frankfurt erschienenen, auf 230 Intensiv-Interviews fußenden Studie, die lakonisch befand, dass Antisemitismus an deutschen Schulen Normalität sei. Als ein Beispiel von vielen im schulischen Alltag führte Meyer den Fall des 14-jährigen Schülers jüdischen Glaubens an, der so lange gemobbt wurde, bis er die Schule verließ. Von derartigen überall auftretenden Fällen bis zum auch in Krefeld zu verzeichnendem Stehlen von Stolpersteinen, die zum Gedenken an von den Nazis verfolgte jüdische Deutsche vor deren früheren Wohnhäusern in das Pflaster eingelassen wurden, bis zu dem an Schulen gängigen Schimpfwort „Du Jude!“ verdichten sich heutzutage antisemitische Reflexe im Alltag.

„Die Täter treten in ganz verschiedenen Gewändern auf, überall in der Gesellschaft“, erklärte der Oberbürgermeister. Hinzu komme auch ein bröckelndes Vertrauen in die Verlässlichkeit von Nachrichten, das es populistischen Strömungen leicht mache, in die Gesellschaft einzudringen. „Dass jüdische Menschen auch in Deutschland heute wieder über den Zeitpunkt nachzudenken begännen, wann sie Deutschland verlassen sollten, ist beschämend“, sagte Meyer. Umso wichtiger sei es, mit der nachwachsenden Generation gemeinsam nachzudenken, wie man gegen die Verfolgung von Mitbürgern und Andersdenkenden einschreiten könne.

Der Chor der zehnten Klassen singt zu Klavierklängen „ Imagine“ von John Lennon. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Einen wichtigen Schritt auf diesem Wege tat die Albert-Schweitzer-Schule, indem sie als erste deutsche Schule mit einer niederländischen Gedenkstätte, eine Bildungspartnerschaft schloss, die neben Frank Meyer für die Stadt Krefeld Schulleiterin Christa Lunkenheimer, Sandra Franz für das Krefelder NS-Dokumentationszentrum und Ben Vrieling, der Leiter der niederländischen Gedenkstätte Nationaal Monument Kamp Vught bei `s Hertogenbosch unterschrieben. Zu seiner Eröffnung im Januar 1943 war dieses Lager noch nicht fertiggestellt. Dennoch wurden bei Temperaturen von bis zu 20 Grad Kälte politische Gefangene, Widerstandskämpfer, Zeugen Jehovas, Geiseln, Studenten, Obdachlose, Schwarzmarkthändler und Kriminelle dort eingepfercht. Für die 12.000 jüdischen Gefangenen war Vught eine Zwischenstation auf dem Weg ins Vernichtungslager.

Liebe, Freundschaft, Hilfe und Frieden bringen die Menschheit weiter als Krieg und Hass. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Nach Kriegsende wechselte die Belegung des Lagers. Nun kamen 6000 deutsche zwangsumgesiedelte Bürger aus dem Grenzgebiet, Mitglieder der national-sozialistischen Bewegung Niederlande (NSB) und niederländische Kollaborateure in Gefangenschaft. Seit 1951 dient ein Teil des Lagers als Wohnort für molukkische ehemalige KNIL-Soldaten (Königlich Niederländisch Indisches Militär) und deren Angehörigen.

Die Feierstunde zum Gedenktag für die Opfer von Krieg, Diktatur und Gewalt war sehr gut besucht. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Stefan Emunds, der als Mitglied der Schulleitung die Veranstaltung moderierte, gab bekannt, dass ein Schüler der Schule sein Betriebspraktikum in der niederländischen Gedenkstätte ableisten würde.

Die Beiträge der Schüler verrieten, dass sich die Schule in Projekttagen intensiv mit der Problematik auseinander gesetzt hatte. Sei es der Chor der Zehntklässlerinnen mit Interpretationen zweier Lieder, der Szene aus dem Stück „Ici, il n`y a pas des papillons“ selbstgestalteten Gedichten oder dem ausdrucksvollen Vortrag des Martin Niemöller-Gedichts „Als sie die Juden holten“, Bert Brechts „Kinderkreuzzug 1942“ und der breit angelegten Themen-Ausstellung, alle Beiträge verrieten ein Eindringen in das Anliegen des Gedenktages, das die Schüler in ihrem Leben nicht mehr verlieren würden. Am meisten griff wohl die Bild-Textinterpretation über „Das Leben der Anne Frank“ nach den Herzen der Gäste, denn die Schwarz-Weiß-Fotos zeigten eine stets lächelnde Anne Frank vor der ständig präsenten Gefährdung des eigenen Lebens.