Krefeld: Johannes Itten - ein genialer, komischer Kauz

Krefeld : Johannes Itten - ein genialer, komischer Kauz

Der Maler und Kunstlehrer Johannes Itten hat den Ruf Krefelds als fortschrittliche Lehrstätte für Design mitbegründet. Er gehörte zu den Gründungsgestalten des Bauhauses in Weimar - im Bauhaus-Gedenkjahr 2019 wird auch die Würdigung Ittens eine große Rolle spielen. Eine neue Biografie stellt ihn vor.

Als Johannes Itten nach Krefeld kam, war er 44 Jahre alt und eine Berühmtheit in der Kunstszene. Er war als Künstler zweitrangig, als Mensch Charismatiker und ein bisschen komischer Kauz - aber als Lehrer genial. Er war Anhänger einer Sekte, lebte asketisch, hatte Erfolg bei Frauen, war ein bisschen Rassist, Unternehmer und Handwerker. Kurz: Ein Mann für eine faszinierende Biografie. Karin Thönnissen hat diese Biografie vorgelegt: gut geschrieben, schön bebildert und eine fabelhafte Einladung, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der ein Stück klassische Moderne gegründet wurde: das Bauhaus.

Karin Thönnissen: Johannes Itten. Leben in Form und Farbe, 159 Seiten, viele Abbildungen; Weimarer Verlagsgesellschaft, 14,90 Euro. Foto: Weimarer Verlagsgesellschaft

Itten wurde 1888 im Berner Oberland als Bauernsohn geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Lehrer und fing bereits mit 19 Jahren als Lehrer an einer Dorfschule an. Itten zeigte früh pädagogische Begabung, darin die reformpädagogischen Ansätze seiner Zeit aufsaugend: So lehnte er Korrekturen mit roter Farbe ab; nicht der Fehler, sondern Lob sollte im Vordergrund stehen: "Der Lehrer als ständiger Korrigierer wird zum Totengräber kindlichen Denkens", schrieb er. Seine Korrekturmethode: Er notierte Fehler und ließ die Kinder schwierige Worte in ein persönliches ABC-Heft eintragen.

Das Dorflehrerdasein genügte ihm bald nicht, er schrieb sich in Genf, später in Stuttgart als Student an der Kunstakademie ein. Eine Lebenswende. In Stuttgart befasste er sich zudem näher mit einer esoterischen Sekte: Mazdaznan, gegründet von einem Mann namens Otto Hanisch, der sich selbst Otoman Zar-Adusht Ha'nish nannte und angeblich im Iran als Sohn eines russischen Botschafters geboren wurde. Gegner sagten: Alles Quatsch, dieser Ha'anish war Sohn eines Eisenbahnbeamten aus der westpreußischen Provinz. Wie auch immer: Itten lebte vegan und bewusst asketisch, was gut passte, denn im Studentenleben hieß sein Küchenmeister ohnehin Schmalhans.

Den Durchbruch als Kunstlehrer erlebte er in Wien. Dort gab er ab 1916 Kunstunterricht, hatte zahlreiche Kontakte in Künstlerkreisen und wurde rasch bekannt, auch als Künstler. Itten pflegte sein Image als vergeistigter Asket und beeindruckte mit unkonventionellen Lehrmethoden. Zudem sah er sehr gut aus, trieb viel Sport - auffällig viele seiner Kursteilnehmer waren Frauen.

In nur zwei Jahren schuf er sich in Wien einen solchen Ruf als avantgardistischer Lehrer, dass Bauhaus-Gründer Walter Gropius ihn 1919 nach Weimar in die neu gegründete Kunsthochschule holte. Es war wohl auch eine Marketing-Maßnahme: Gropius' Ehefrau Alma Mahler soll ihrem Mann Itten mit den Worten vorgestellt haben: "Wenn du mit deiner Idee des Bauhauses Erfolg haben willst, dann musst du Itten berufen."

In Weimar machte er weiterhin mit unkonventionellen Lehrmethoden von sich reden: Atem-, Entspannungs- und Turnübungen bis hin zu regelmäßigen Darmreinigungen gehörten dazu. Der Auftritt als Lehrer war exaltiert: Wenn seine Schüler ihn enttäuschten, konnte er schon mal mit knallend zugeworfener Tür den Raum verlassen. Zugleich intensivierte sich die Nähe zur Mazdaznan-Sekte, auch äußerlich: Itten lehrte etwa in einem bizarren Malkittel und pflegte das Image des glatzköpfigen Zen-Meisters. Esoterik lag eben in der Luft; es war die Zeit, in der Rudolf Steiner (Kurt Tucholsky: "Der Jesus Christus des kleinen Mannes") seine Anthroposophie entwickelte und der Spuk-Roman "Der Golem" von Gustav Meyrink Bestseller war.

Gropius wurde das Esoterik-Gehabe Ittens zuviel. Man trennte sich 1923 im Streit. Itten folgte der Spur Mazdaznans und zog ins Schweizer Herrliberg in eine Siedlung mit Mazdaznan-Anhängern. Wieder eine Lebenswende, die ihn nach Krefeld führen sollte: Er beschäftigte sich nun mit Weberei und Teppichkunst, gründete eine Werkstatt und erweiterte das Spektrum der Materialien, mit denen er arbeitete.

Das war mit die Grundlage für seine erfolgreichste Phase als Leiter einer selbstgegründeten Akademie in Berlin: Sie war keine Kunstakademie mehr, sondern angesiedelt auf der Grenze von Kunst, Kunsthandwerk, Architektur und Industriedesign. Über diese Schiene wurde er auch als Dozent der neugegründeten "Höheren preußischen Fachschule für textile Flächenkunst" nach Krefeld berufen. Zeitweilig pendelte er zwischen Berlin und Krefeld hin und her. Als die Nazis 1934 Privatschulen verboten, wurde auch Ittens Schule in Berlin geschlossen. Itten selbst hatte mit den Nazis keine Probleme; im Gegenteil: Er teilte die Rassenlehre, war sie doch als arische Reinheitsfantasie Teil der Mazdaznan-Lehre. Ein dunkler Fleck im Leben dieses Mannes. So kam Itten vollends als Schulleiter nach Krefeld: als Mann, der schon die ersten Gipfel des Ruhms erklommen hatte. Es blieb bei unkonventionellen Lehrmethoden, die freilich in tiefer Ernüchterung endeten: Bei der Weltausstellung in Paris 1937 erwies sich, dass die französischen Textilschulen dem Krefelder Institut weit überlegen waren. 1937 wurde Itten gekündigt.

Über Amsterdam kam er danach nach Zürich, wo er bis zu seinem Tod 1967 lebte. Das Buch, das ihn als Lehrer berühmt machte, war "Die Kunst der Farbe", 1961 erschienen. In dem Werk erläutert er seine Farbenlehrer; es wurde zum Standardwerk künstlerischer Ausbildung. Berühmt ist sein Farbkreis. Itten starb, mit Preisen überhäuft, hochgeehrt. Für Krefeld hat er Geschichte geschrieben.

(RP)