Interview mit Taibe Karaman, eine Muslima aus Uerdingen

Krefeld : „Nicht der Islam, der Mensch ist radikal“

Taibe Karaman ist neue Vize-Geschäftsführerin der Türkischen Union. Wir sprachen mit ihr über Frömmigkeit, über europäische Literatur und ihre Entscheidung vor zwei Jahren, Kopftuch zu tragen.

Taibe Karaman (22) ist in Uerdingen geboren und aufgewachsen. Sie ging zur Edith-Stein-Grundschule, dann auf die Realschule, später zur Kurt-Tucholsky-Gesamtschule und studiert zurzeit Literaturwissenschaft und Germanistik in Bochum. Sie ist seit kurzem stellvertretende Geschäftsführerin bei der Türkischen Union, dem Krefelder Dachverband der türkischen Moscheevereine. Vor zwei Jahren hat sie sich entschieden, das Kopftuch zu tragen.

Warum studieren Sie Literaturwissenschaft?

Karaman Ich habe schon immer viel gelesen; mir wurde auch als Kind viel vorgelesen. An der Literatur interessiert mich die Vielfalt und dass man sich universelles Wissen aneignen kann. Es geht im Studium in der Hauptsache um deutsche, aber auch um europäische, vor allem englische, italienische und französische Literatur.

Sie sind bei der Türkischen Union stellvertretende Geschäftsführerin geworden. Wie kam es dazu?

Karaman Ich bin in meiner Gemeinde hier in Uerdingen, wo ich aufgewachsen bin, aktiv; dadurch kamen auch Kontakte zur Union zustande. Dort ist man auf junge Leute in den Moschee-Gemeinden aufmerksam geworden. Ich wurde dann angesprochen und gefragt ob ich für den Vorstand kandidieren möchte. Bei der nächsten Wahl wurde ich gewählt.

Würden Sie sich als fromm bezeichnen?

Karaman Frömmigkeit ist ein sehr subjektiver Begriff, den ich nicht daran festmachen würde, dass man sich sozial engagiert. Frömmigkeit ist eine persönliche Sache, die man selber auslebt und nicht, um sie nach außen zu tragen.

Nun sind Sie traditionell mit langem Kleid und Kopftuch gekleidet. Das spricht für eine strengere Form muslimischen Lebens.

Karaman Ja, die Kleidung ist für mich ein wesentlicher Bestandteil. Genauso wichtig sind mir aber auch soziale Tugenden wie Hilfsbereitschaft oder das Gebet. Ob man das nun als „streng“ betrachtet ist jedoch wieder subjektiv. Ich trage es seit rund zwei Jahren und habe damals im Ramadan damit angefangen.

Was war der Auslöser?

Karaman Das war ein Prozess. Ich habe mich viel mit dem Thema auseinandergesetzt, hab mich gefragt, ob ich mir das zutraue, ob es Konsequenzen in der späteren Arbeitswelt hat, bevor ich den Mut gefasst habe.

Sie sprechen von Mut. Haben Sie mit Kritik gerechnet? Werden Sie darauf angesprochen, etwa im Studium?

Karaman Ja, man wird angesprochen. Und auch die Schwierigkeiten in der Arbeitswelt sind ja bekannt. Beim Stichwort Mut ging es weniger um andere als um mich. Debatten mit Studenten gibt es natürlich immer, allerdings sind diese meist in der Lage ihr Gegenüber als Individuum zu betrachten und nicht an Äußerlichkeiten zu beurteilen.

Und was bedeutet das Kopftuch für Sie?

Karaman Ich drücke damit meine Verbundenheit mit der Religion aus.

Man kann auch in Krefeld, etwa bei Facebook, wütende Kommentare zum Kopftuch lesen, etwa von einer Frau aus dem Iran, die im Kopftuch eindeutig ein Symbol der Unterdrückung der Frau sieht und Kopftuch tragenden Frauen vorwirft, diese Unterdrückung mitzutragen.

Karaman Da kann ich überhaupt nicht zustimmen. Im Grunde ist dieses Argument wieder einmal eine Absage an die Selbstbestimmung der Frau. Eine Frau kann selbst entscheiden, ob sie Kopftuch trägt oder nicht. Und ich lehne es auch aus feministischen Gründen ab, Frauen diese Entscheidung abzunehmen.

Die Gegenfrage lautet: Wie frei ist eine Frau in dieser Entscheidung? Ihre Eltern haben Sie nicht gedrängt, das Kopftuch zu tragen?

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Karaman Überhaupt nicht. Das war zu Hause auch kein Thema, und ich habe das zu Hause auch nicht diskutiert. Meine Eltern und meine Freunde - muslimisch wie nicht-muslimische - haben es registriert, und das war’s. Meine Mutter trägt übrigens kein Kopftuch. Das Kopftuch ist eine persönliche Sache und Entscheidung.

Betrachten Sie Frauen, die kein Kopftuch tragen, als weniger fromm?

Karaman. Nein. Wenn Frauen kein Kopftuch tragen, heißt das nicht, dass sie nicht fromm sind. Das Kopftuch ist ein Baustein religiösen Lebens unter vielen. Natürlich gibt es im Koran das Gebot zum Tragen eines Kopftuches. Am Ende ist es Sache der Frau, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

Das Kopftuch wird hier zum Teil auch als politisches Symbol verstanden.

Karaman Auch das kann ich nicht nachvollziehen. Es geht nicht um Politik, sondern um religiöse Hingabe. Der Kontext ist falsch.

Na ja, die Frage ist, wie unpolitisch Religion im Allgemeinen und der Islam im Besonderen ist. In manchen islamischen Ländern ist die Religion Teil der Staatsdoktrin. Auch dem türkischen Präsidenten Erdogan wird vorgeworfen, Religion zu politisieren und mit ihr Politik zu machen. Lässt sich die Trennung von Religion und Politik wirklich aufrechterhalten?

Karaman Auch hier darf man nicht den Kontext verzerren. Religion allein ist unpolitisch. Allerdings ist gerade das Kopftuch ein gutes Beispiel für die oft vorkommende Politisierung von Religion. Das Tuch als Symbol für den Islam wird sowohl zur Identifikationsfläche als auch zum Feindbild konstruiert. Das Phänomen kann man überall auf der Welt beobachten nicht nur in islamischen Ländern, sondern auch in Europa.

Es gibt den Vorwurf gegen den Islam, in sich radikale Elemente zu bergen. Sind Sie verletzt, wenn Sie so etwas hören?

Karaman Nein, ich nehme so etwas eigentlich nicht persönlich. Ich glaube auch, dass die Kritik falsch ist. Nicht der Koran ist radikal, nicht der Islam ist extrem, es ist der Mensch. Potenzial für Extremismus bietet eigentlich jedes Buch. Man kann sich auf alles radikalisieren. Es ist der Mensch an sich und seine Denkweise, seine Philosophie und seine Ziele, der Dinge radikalisiert.

Sind Sie persönlich schon einmal angefeindet worden?

Karaman Nein, und das freut mich auch. Manchmal kommen ein paar Sprüche übers Kopftuch. Ich glaube auch, wichtig ist, wie man anderen gegenüber auftritt. So wie man sich den Leuten gegenüber präsentiert und sich öffnet, so bekommt man es auch zurück.

Zurück nach Krefeld. Gibt es unter jungen Muslimen eine Tendenz zu mehr Frömmigkeit? Sind Sie eher eine Ausnahme?

Karaman Das kann man so pauschal schwer mit Ja oder Nein beantworten. Es gibt eine Tendenz, mit seiner Religiosität zu prahlen, weil sie ein Medium der Identifikation ist. Für meine Uerdinger Heimatgemeinde kann ich sagen, dass der Zuspruch bei den Jüngeren schon groß ist. Unser Imam hat jüngst noch gesagt, er sehe mehr schwarze als graue Haare, also mehr junge als alte Leute. Das freut uns alle schon sehr, und darauf sind wir auch stolz.

Das Ende des Ramadan liegt einige Zeit zurück. Was bedeutet er für Sie?

Karaman Für mich geht es um spirituelle Einkehr und darum, dass man bewusst auch mal verzichten kann. Dadurch lernt man auch Dinge wertzuschätzen. Das bringt einen schon dazu, anders über sein Handeln nachzudenken. Es gibt auch einen sozialen Aspekt, indem man Mitgefühl für andere entwickelt. Im besten Fall engagiert man sich dadurch auch sozial.

Was würden Sie eigentlich gerne werden?

Karaman (lacht) Gute Frage. Ich würde gerne in den Journalismus gehen.