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Interview mit dem Vorstand der Freischwimmer zum Stadtbad an der Neusser Straße

Areal in Krefeld : Ideen für das Stadtbad sind inspiriert von Utopia-Stadt in Wuppertal

Seit gut einem Jahr gibt es die Freischwimmer. In einem Interview ziehen die Vereinsvertreter Bilanz und blicken voraus.

Seit gut einem Jahr gibt es die Freischwimmer. Viel ist seitdem passiert. Wie fällt Ihre Bilanz bis hierhin aus?

Marcel Beging Wir haben uns im September 2017 aus einer Schnapslaune heraus zusammen getan. Aber bald wurde es sehr konkret und im November 2018 bekamen wir den ersten Zuschuss vom Rat in Höhe von 25.000 Euro. Seitdem wächst das Engagement stetig.

Katrin Mevißen Wir haben angefangen mit einer Befragung, die auch noch heute Läuft. Wir sammeln da Ideen und wollen eine möglichst vielfältige Nutzung erreichen. Wir stellen uns nicht hin und sagen: So machen wir das. Sondern wir wollen die Menschen mitnehmen. Unser Ziel ist es, möglichst viele Menschen auf das Gelände zu bringen und ihnen dieses tolle Areal so weit wie möglich zurück zu geben. Die ersten Aktionen hier auf dem Gelände waren dann die Badrunden, bei denen wir Besucher durch das Bad geführt haben. Das soll es auch weiterhin geben. Wir haben die Werkstatt als eine Art Büro für uns hergerichtet und auch erste Events veranstaltet.

Die Mittel, die Sie erhalten haben, sind für Arbeiten, die Sie auf dem Gelände ausführen. Die Sanierung der Fassade ist davon aber unabhängig?

Beging Ja, absolut. Das sind Denkmalschutzgelder des Bundes. Da kämen wir mit unserem Zuschuss auch nicht weit. Dabei geht es aber rein um den Erhalt der Substanz. Uns geht es um ihre zukünftige Nutzung.

Wie soll das aussehen?

Beging Wir haben drei Säulen: Soziales, Kultur und neues Wirtschaften. Diese sollen auch recht ausgewogen nebeneinander vorangetrieben werden. Wir wollen, wie eben gesagt, sehr vielfältig sein und bleiben. Es soll eine breite Palette an Nutzungen geben, die wir Stück für Stück erschließen wollen.

Mevißen Wir bedienen auch keine Nachfrage, wir erzeugen sie. Wir wollen möglichst schnelle Prozesse haben und Einflüsse und Ideen schnell umsetzen. Und wir gehen Stück für Stück voran.

Was heißt das konkret? Sie sagen, Sie wollen dem Bürger das Areal zurück geben. Was bedeutet das?

Mevißen Zunächst einmal heißt es, dass die Bürger mitbestimmen, was hier passiert. Jeder kann sich einbringen. Auf alle Arten. Durch Vorschläge, durch aktive Teilnahme, durch Spenden und was sonst noch denkbar ist. Später soll hier eine vielfältige Nutzung entstehen, die möglichst für jeden Krefelder etwas bereit hält, das Gelände zu erfahren, zu nutzen und sich hier aufzuhalten.

Beging Das können zum Beispiel Events sein. Oder Kunstintallationen und -ausstellungen, Arbeitsplätze, Erholungsflächen, das ist ganz vielfältig. Es gibt viele Ideen. Inspiriert sind wir unter anderem von der Utopiastadt in Wuppertal. Dort findet eine aktive Quartiersgestaltung statt, in die sich die Bürger einbringen. So soll es hier auch sein.

Sie sagen Jeder kann mitmachen. Wie geschieht das?

Beging Wie man das möchte. Wir haben viele neue Mitglieder gewonnen. Wir haben mit 20 angefangen. Heute kommen fast täglich neue hinzu. Wir sind jetzt über 160 und gut drei Dutzend Menschen haben sich schon persönlich eingebracht und einige Stunden hier gearbeitet. Das ist eine tolle Quote. Die meisten sind wirklich regelmäßig da.

Wendelin Wagner Das passiert vor allem durch Mundpropaganda. Und jeder bringt eigene Fähigkeiten ein. Der eine ist Elektriker, der andere kennt sich mit Holzbearbeitung aus, ich selbst bin Architekt... Jeder kann sich nach seinen Fähigkeiten einbringen.

Mevißen Das macht es auch sehr schön. Es gibt eine großartige Energie und ich habe viele tolle Menschen hier kennen gelernt. Alle, die hier aktiv sind, zeichnet vor allem aus, etwas bewegen und sich einbringen zu wollen. Alle sind motiviert, das Beste raus zu holen.

Beging Es gibt ja den Begriff des „Gesellschaftskritischen“. Wir sind da anders. Ich nenne das „Gesellschaftskonstruktiv“. Wir wollen Dinge ändern, aber wir warten nicht, dass es Andere tun, wir greifen es einfach selbst an.

Welche Projekte sind denn für 2020 geplant?

Beging Zunächst wollen wir im Innenhof und dem früheren Freibad, eine Veranstaltungslocation errichten. Dafür wird auch eine Bühne über einem der Becken angebracht. Das andere ist ein Koj-Teich, in dem schon Fische leben. Dieser Freibad-Park ist auch für das Stadtklima wichtig. Wir sind gerade dabei, hier die Genehmigungen einzuholen und unsere Hausaufgaben zu machen.

Wagner Dafür müssen wir beispielsweise hinsichtlich Fluchtwegen noch etwas tun. Wir werden die Becken einzäunen, damit niemand herein fällt. Das ist eine Auflage. Das Material dafür hat uns die Firma Holz Roeren gespendet. Dann werden wir die Fläche erneuern. Wichtig ist, dass wir den grünen Charakter des Freibads erhalten und ausbauen werden. Diese grüne Oase ist auch für das Stadtklima wichtig. Als nächstes geht es dann an die Gebäude, in denen früher der Eisverkauf passierte. Dort sollen Toiletten und andere Anlagen untergebracht werden. Das ist noch viel Arbeit, denn wir müssen sogar die Kanalanschlüsse erneuern.

Dort, im Innenhof, sollen dann Konzerte und dergleichen stattfinden?

Mevißen Auch, aber nicht nur. Wir wollen auch, dass die Menschen hier ihre Mittagspause verbringen können. In einer ruhigen, grünen Oase. Es soll ein Ruheraum mitten in der Stadt werden. Wir haben nun auch einen Pizzaofen, der ebenfalls gespendet wurde. Darin wollen wir Pizza und Flammkuchen machen und anbieten. Wir wollen möglichst zu jeder Zeit eine Nutzungsmöglichkeit bieten. So vielfältig wie möglich.

Wagner Dabei wollen wir vor allem das nutzen, was da ist. Eine der Theken, die nun in der Werkstatt steht, die wir auch als Büro nutzen, stand früher im blauen Salon. Wir haben sie aufgearbeitet und nutzen sie weiter. Wir wollen kreativ sein.

Gibt es weitere Projekte, die Sie konkret planen?

Mevißen Eine Sache, die wir gern machen wollen, ist Aquaponik. Also eine Verbindung aus Fisch- und Gemüsezucht. Die Fische düngen dabei mit ihren Ausscheidungen die Pflanzen wie Tomaten, Gurken oder Paprika. Das ist eine hocheffiziente Methode im Bereich des Urban Gardenings. Idealerweise könnten wir Fisch und Gemüse dann entweder hier oder in großer räumlicher Nähe anbieten.

Beging Das ist unsere Maxime. Wir wollen hochgradig multifunktional sein. Die Pflanzen sollen Nahrung liefern und gleichzeitig den grünen Hintergrund für Erholung bieten. Ein und die selbe Fläche ist mal Galerie, Veranstaltungsstätte, Farm oder Arbeitsplatz. So soll das Stadtbad eben für möglichst viele Menschen einen möglichst großen Mehrwert bieten.

Sie haben jetzt einen Zuschuss bis 2023 vom Rat bekommen. Wie soll das Stadtbad dann aussehen? Sicher haben Sie ein konkretes Bild?

Beging Wir danken dem Rat für das Vertrauen, das vorweg. Zunächst einmal ist unser Projekt nicht auf Zeit angelegt. Wir wollen das Stadtbad begleiten und dauerhaft entwickeln. Wir sind keine Projektentwickler, die sich wieder raus ziehen, wenn es mal nicht so läuft oder fertig ist. Wir wollen hier etwas bewegen. Wir sind gekommen, um zu bleiben und wir liefern gern, wenn man uns lässt.

Mevißen Für uns hat das Projekt eine hohe Bedeutung. Es geht uns nicht um Geld oder Lorbeeren. Es ist eine enorme Befriedigung, zu sehen, was hier entsteht und dran Anteil zu haben. Andere Leute spielen Fußball, Golf oder machen andere Dinge. Für uns ist das hier unser Hobby. Das frisst viel Zeit und Kraft, aber es gibt unglaublich viel Befriedigung.

Trotzdem haben Sie doch sicher ein Ziel, ein Bild?

Beging Ja, wir haben die Strategie eines offenen Prozesses. Es gibt viele Ideen. Der Rat wird auch eine Machbarkeitsstudie in der nächsten Zeit erhalten. Wir wollen Katalysatoren sein, wir sind eine Art Brennkammer für bürgerschaftliches Engagement. Wir beschleunigen die Abläufe, wir bringen Ideen und Menschen zusammen, es ist eine enorme Kreativität vorhanden und wir bewegen etwas. Was dabei herauskommt? Wir haben einzelne Ideen wie eben Bühne, Hydroponik, Co-Working Space und so weiter. Und es gibt noch viel mehr aus der Stadtgesellschaft, die wir zusammen und auf Augenhöhe erstmal gemeinsam einbringen wollen. Was davon umgesetzt wird? Das hängt davon ab, wie die Menschen darauf reagieren, wie sie es erleben und dann annehmen.

Mevißen Ich wünsche mir aber eines: Es soll in und nach 2023 ein offenes Gelände sein. Ein Gelände, das allen Krefeldern zur Verfügung steht.

Beging Absolut! Es soll und muss jedem offen sein...

Wagner ...und wir wollen das Grün erhalten. Das ist ganz wichtig. Wir werden keine Flächen versiegeln, sondern im Gegenteil eher entsiegeln oder begrünen. Das ist in der allgemeinen Diskussion um ein gutes Stadtklima auch ein wichtiger Punkt. Insgesamt soll das Bad ein Impuls für das ganze Quartier sein, das ja in Krefeld kein einfaches ist.

Mevißen und wir betonen noch einmal: Jeder kann bei uns mitmachen. Jeder kann sich einbringen. Mit Ideen oder einfach vorbei kommen und anpacken. Wir haben so viel Arbeit, jede helfende Hand ist toll.