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Interview mit dem Psychologen Johannes Stricker aus Krefeld zu Corona

Interview mit dem Psychologen Johannes Stricker : „Wichtig ist, dem Tag Struktur zu geben“

Johannes Stricker, 27-jähriger Psychologe an der Klinik Königshof, gibt Hinweise, wie die Psyche gut mit der aktuellen Situation rund um das Coronavirus zurechtkommt.

Viele Menschen tun sich schwer mit der Umsetzung der Kontaktbeschränkungen als Vorsichtsmaßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Das kann im Extremfall sogar bis hin zu Depressionen führen. Johannes Stricker, Psychologe an der Klinik Königshof in Krefeld, gibt Ratschläge, wie die Psyche gut mit der aktuellen Situation zurechtkommt. Dabei geht er auf unterschiedliche Fragestellungen ein und erläutert sowohl, was Einzelne für sich selbst als auch für Andere tun können.

Was macht Isolation mit der menschlichen Psyche? „Der Mensch ist ein soziales Wesen. Unser Alltag ist auf soziale Interaktion ausgerichtet. Darum wird ein Mangel an physischen Kontakten oft als soziale Distanz empfunden. Die Definition von Einsamkeit ist der Unterschied zwischen der erwarteten Häufigkeit und Qualität sozialer Interaktion einerseits und der aktuellen tatsächlichen Häufigkeit und Qualität sozialer Interaktionen andererseits“, sagt Stricker. Dabei sei es möglich, fehlende physische Treffen zu kompensieren. „Beispielsweise helfen virtuelle Kontakte. Mancher nimmt die Ruhe aber auch durchaus als erholsam wahr“, fährt er fort.

Johannes Stricker, Psychologe an der Klinik Königshof in Krefeld. Foto: Stricker

Was kann ich tun, damit mir nicht sprichwörtlich die Decke auf den Kopf fällt? „Wichtig ist vor allem, dem Tag eine Struktur zu geben. Wir haben das bereits im Kollegenkreis diskutiert“, erläutert der 27 Jahre alte Psychologe. Dabei helfen seiner Einschätzung nach ganz einfache Regeln: „Tun Sie so, als gingen Sie ganz normal einer Beschäftigung nach. Also stehen Sie zur normalen Zeit auf, machen Sie sich fertig, als gingen Sie aus dem Haus, halten Sie einen regelmäßigen Tagesablauf ein“, rät er. Dazu zählten auch feste Essenszeiten. Auch sei es wichtig, den Kontakt zu Angehörigen aufrechtzuerhalten. „Natürlich nicht durch persönliche Treffen. Aber es gibt heute viele Möglichkeiten: von Videotelefonie über das Internet bis zum normalen Telefonat. Das schafft sozialen Anschluss und ist gut für die Psyche“, rät der Experte.

Wie sollte ich mich über Corona informieren? „Ich denke, es ist schon gut und wichtig, sich auf dem Laufenden zu halten. Aber lassen Sie nicht Corona und die ständige Berichterstattung den Tagesablauf bestimmen“, rät Stricker. Vielmehr empfiehlt er, feste Zeiten auch dafür einzuführen. „Informieren Sie sich zum Beispiel einmal vormittags und einmal abends. Wer zu viel darüber liest und hört, der droht, dem Thema ein noch größeres Gewicht für das eigene Leben zu geben, als es aktuell ohnehin schon hat. Das kann zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit führen“, sagt er.

Kommt doch Hoffnungslosigkeit auf, was kann ich tun? Hier komme es auf den Einzelfall an. „Mir haben viele Menschen berichtet, dass es für sie eine große Hilfe sei, Pläne zu machen, sich ein ‚danach‘ vorzustellen. Also ‚Wenn die Krise vorbei ist, werde ich im Restaurant X essen gehen, werde mich mit Freund Y treffen oder Reise Z machen‘. Das bringt die Psyche in einen positiven Modus. Wenn das nicht hilft, wenn ein Gefühl der Antriebs- und Hoffnungslosigkeit übermächtig wird, dann empfiehlt es sich, professionelle Hilfe zu holen“, sagt der Psychologe.

Wo bekomme ich Hilfe? Verschiedene Stellen sind hier jederzeit ansprechbar. „Das reicht vom Ärztlichen Notdienst unter der 116117 über die Deutsche Depressionshilfe und die Telefonseelsorge bis hin zu anderen Organisationen wie dem Silbernetz oder der Ambulanz unserer Klinik Königshof in Krefeld“, rät Stricker. Jede dieser Stellen sei in der Lage, zumindest den richtigen Ansprechpartner zu vermitteln.

Hilft körperliche Betätigung? „Grundsätzlich kann das in keinem Fall schaden. Wichtig ist natürlich, dem Sport irgendwo nachzugehen, wo kein enger physischer Kontakt zu anderen Menschen besteht, um sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten. Ein Spaziergang am Rhein, eine Fahrradtour durch den Wald oder auch joggen im Wald kann helfen. Der Aufenthalt im Grünen wird von manchen Menschen als sehr wohltuend wahrgenommen. Entsprechend ist das immer eine Option“, rät der gebürtige Aachener, der seit 2017 in Königshof tätig ist.

Was kann ich tun, um anderen zu helfen? „Ein ganz wichtiger Punkt ist, sich offen zu zeigen. In einer solchen Situation nicht zurechtzukommen, wird von vielen Menschen immer noch als Zeichen der Schwäche, als Stigma, wahrgenommen“, sagt er. Wichtig sei deshalb, keinesfalls abwertende Terminologie zu nutzen. „Steigen Sie am besten mit einer Selbstoffenbarung ein. Also ‚das zerrt ganz schön an den Nerven, den ganzen Tag allein in der Bude zu hocken. Es ist schwierig für mich, damit zurechtzukommen.‘ Das schafft beim Gegenüber eine Bereitschaft, sich ebenfalls zu offenbaren“, rät er.

Woran erkenne ich, ob jemand anders psychisch gefährdet ist?„Das eine klare Signal gibt es nicht. Sollte jemand suizidale Absichten äußern, dann sollte man sofort die Polizei informieren, die Hilfe organisieren kann. Ansonsten ist es oft schwer, psychische Belastung zu erkennen. Wichtig ist: Vermitteln Sie das Gefühl, dass der Gegenüber sich anvertrauen kann. Durch Selbstoffenbarung, durch das Vermeiden abwertender Begriffe wie ‚wirst du auch schon bekloppt‘ und eine offene Gesprächsführung“, sagt der Experte. Generell sei es gut, vermehrt auf Menschen im Umfeld zu achten und sie zu kontaktieren. „Das ist jetzt eine Ausnahmesituation wie Weihnachten oder Silvester. Da ist ein Anlass gegeben, auch Menschen zu kontaktieren, die man sonst nicht so oft spricht. Ich selbst habe unlängst einen Videocall mit drei Freunden gehabt, einer lebt in Frankreich. Das schafft eine ganz neue Nähe.“

Ist Corona auch möglicherweise eine Chance? „Ich denke, es kommt auch auf die eigene Sichtweise an. Ich kann es durchaus als Möglichkeit wahrnehmen, mein Leben auch einmal etwas zu entschleunigen und mir Zeit für mich zu nehmen. Finde ich außerdem Wege, die sozialen Kontakte zu anderen Menschen wieder aufzubauen und zu ordnen, kann ich gestärkt aus der Situation gehen. Unter dem Strich geht es ja nicht um die Vermeidung sozialer, sondern physischer Kontakte. Heute gibt die Telekommunikation viele andere Wege her“, sagt Stricker. Auch äußert er die Hoffnung, dass sich das Wertesystem der Menschen verschiebe. „Ich kann mir vorstellen, dass der Wert von Sozialkontakten in der Wahrnehmung steigt. Das wäre in jedem Fall wünschenswert“, sagt er.

Ist spürbar, dass ältere Menschen, die neue Technologien weniger nutzen, stärker betroffen sind? „Das lässt sich vermuten, aber noch nicht statistisch aus unserer Erfahrung belegen. Klar ist: Generell ist die Affinität zu neuen Technologien wie Videocalls und dem Internet insgesamt bei jungen Menschen größer. Damit sind sie auch leichter in der Lage zu kompensieren. Noch nehmen wir aber keine größere Häufigkeit wahr, in der sich ältere Menschen an uns wenden“, befindet der Wissenschaftler.