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In Krefeld werden Stolpersteine für ehemalige Schüler des Moltke-Gymnasiums verlegt

Krefeld und der Nationalsozialismus : Stolpersteine für ehemalige Schüler

Am 19. März werden 18 Erinnerungssteine an sechs Stellen verlegt – dank des Engagements von Krefelder Schülern.

Jeder Stein ist mehr als ein Schicksal – die Stolpersteine erinnern an Menschen, die plötzlich aus dem Leben verschwunden sind. Eben waren sie noch Klassenkameraden, am nächsten Tag blieb der Platz leer. Von vielen hat man nie wieder etwas gehört. Im Foyer des Gymnasiums am Moltkeplatz hängt eine Gedenktafel mit den Namen von Schülern, die in Konzentrationslagern oder bei den Deportationen umgekommen sind.  Eine Arbeitsgruppe der Schule hat Spenden gesammelt für Stolpersteine. Am Donnerstag, 19. März, werden 18 Steine an sechs Stellen verlegt. Auch Schüler des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums und der Albert-Schweitzer-Schule haben Steine gestiftet. Die Schüler haben auch für einen Teil der Verwandten Spenden eingesammelt, so können auch für Familienangehörige Steine verlegt werden.

Die Verlegung ist öffentlich und beginnt um 8.45 Uhr auf der Wilhelmshofallee, Haus 182. An mehreren Adressen begleiten Schüleraktionen den Akt.

Der Historiker Burkhard Ostrowski von der NS-Dokumentationsstelle hat die Geschichten der Shoah-Opfer recherchiert, ihre Lebensläufe verfolgt und berührende Schicksale zusammengetragen. Auszüge davon stellen wir vor.

Gedenktafel mit Namen der deportierten Schüler des Moltke. Foto: Petra Diederichs

Rosa Glauberg, Ostwall 263: Sie wurde am 1. September 1870 in Diemerode Kreis Rotenburg geboren und war mit Simon Glauberg verheiratet. Das Ehepaar bekam drei Kinder: Jenny, Klara und Hermann. Nach dem Tod ihres Mannes zog Rosa Glauberg 1938 zunächst nach Essen zu Tochter Klara, die Friedrich Josef Löwenstein, Lehrer an der israelitischen Volksschule Essen, geheiratet hatte. Im Juli 1939 zog Rosa Glauberg nach Krefeld ins Haus Ostwall 263, ein sogenanntes Judenhaus. Wochen später kamen auch Tochter Jenny und Ehemann Philipp Stern. Deren Sohn Hans-Werner war im Februar 1939 nach Rotterdam geflohen, Günter war noch bei seinen Eltern. Ab 1940 lebte die Familie in Stuttgart. Rosa Glauberg wurde am 25. Juli 1942 von Krefeld aus nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 21. April 1943. Jenny, Philipp und Günter Stern waren im April 1942 nach Izbica verschleppt worden. Dort verliert sich ihre Spur. Hans-Werner Stern wurde im August 1942 von den Niederlanden aus nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde. Klara Löwenstein wurde mit ihrer Familie am 10. November 1941 mach Minsk verschleppt. Nach dem Krieg wurden sie für tot erklärt. Hermann Glauberg gelang die Flucht aus Deutschland. Er lebte später in den USA.

Gottfried, Luise und Rosalie Gompertz,  Wilhelmshofallee 182: Gottfried Gompertz (geb. 27. Februar 1872) war das zweitjüngste von neun Kindern des jüdischen Viehhändlers Gompel Gompertz und seiner Frau Henriette geb. Sternefeld in Uerdingen.  Um 1896 eröffnete er in seinem Elternhaus Elisabethstraße 92 mit seinem Bruder Max eine „Hut- und Mützenfournituren (= Kurzwaren)- und Seidenwarenhandlung“. Einige Jahre residierte die Firma im Haus Blumentalstraße 108, ab 1911 nur noch als „Mützenfabrik“. Seit 1912 war der Firmensitz ein neuerbautes Fabrikgebäude an der Jahn (= Vater-Jahn)-Straße 1-5. Das Gebäude hatten sich Max und Gottfried Gompertz nach Plänen des Architekten Karl Buschhüter errichten lassen. Neben der Mützenfabrik beheimatete das Fabrikgebäude noch Firmen dreier Brüder von Max und Gottfried Gompertz: Die „Krawattenfabrik Josef Gompertz“, Inhaber Josef Gompertz sowie die „Samtfabrik Jinkertz und Gompertz“, Inhaber Eduard und Hermann Gompertz.

1904 heiratete Gottfried Gompertz  Rosalie Selig. Das Ehepaar zog in das Haus Westwall 180. Sie bekamen drei Töchter: Hedwig, Luise und Hannah. Hedwig heiratete 1927 Siegfried Spier. Luise arbeitete nach ihrer Schulzeit als Kontoristin und lebte zeitweise nicht in Krefeld. Hannah war Schülerin des Lyzeums. 1921 ließ Gottfried Gompertz für sich und seine Familie in Bockum das Haus Wilhelmshofallee 190 errichten, um 1930 dann auch das danebengelegene Haus Wilhelmshofallee 182, das später vermietet wurde. Ende der 1920er Jahre zog sich Gottfried Gompertz aus der Mützenfabrik zurück. Ab 1929 betrieb er zusammen mit seinem Schwiegersohn Siegfried Spier eine Seidenwarengroßhandlung, die auch im Gebäude Vater-Jahn-Straße angesiedelt war. Er erwarb von seinem Bruder Max dessen Anteil am Fabrikgebäude und dann auch die Mützenfabrik, die ab 1934 als „Mützenfabrik Gottfried Gompertz“ im Adressbuch erschien.

1938 zogen Gottfried Gompertz, seine Frau Rosalie und Tochter Luise in das Haus Wilhelmshofallee 182. Das Haus Wilhelmshofallee 190 wurde an den Direktor der Büttner-Werke, Carl Le Hanne, verkauft. Am 14. Juli 1938 emigrierte Luise nach Kalkutta, Hannah Gompertz lebte mit Ehemann Fritz Samson in Essen.

Siegfried Spier wurde nach dem 9. November 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. In der Folge wurden die Firmen, Gompertz, Spier & Co sowie die Mützenfabrik verkauft. Nach der Entlassung aus dem KZ emigrierte Spier mit Frau Hedwig und Tochter Ursula nach Stockholm. Hannah Samson und ihr Mann gingen nach Palästina. Gottfried Gompertz und seine Frau wollten ebenfalls nach Schweden. Das verhinderte der Kriegsausbruch. Sie mussten im November 1941 in das Haus Schlageterallee (= Friedrich-Ebert-Straße) 41 umziehen, ein sogenanntes Judenhaus.

Seit September 1939 war Gottfried Gompertz im Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde als stellvertretender Vorsitzender tätig, ab 1940 auch als Finanzdezernent. Im April 1942 kamen er und seine Frau in das „Judenhaus“ Goethestraße 85, das Wohnhaus des Richard Merländer-Compagnons Siegfried Strauß. Am 25. Juli 1942 wurde das Ehepaar nach Theresienstadt deportiert. Am 21. September 1942 kamen sie von dort in das Lager Treblinka, wo Gompertz direkt nach der Ankunft und seine Frau wohl kurz darauf ermordet wurden. Hedwig Spier und ihre Familie wanderten nach dem Krieg von Schweden in die USA aus. Luise Gompertz wurde vom Juni 1940 bis zum September 1941 in Indien als „feindliche Ausländerin“ interniert. Später lebte sie in Neuseeland.

Charlotte, Eugen, Helmuth, Hilde, Selma, Simon und Werner Hirtz, Grenzstraße 59: Simon Hirtz (geb. 13. November 1869)  arbeitete als kaufmännischer Angestellter im Putzwarengeschäft seiner Ehefrau Selma an der Neußerstraße 37. Sie hatten drei Kinder: Hilde, Eugen und Charlotte. Um 1905 erwarb Hirtz das Haus; ab 1912 war er auch Inhaber des Putzwarengeschäftes. Im März 1919 zog die Familie an die Grenzstraße 59. Tochter Hilde heiratete 1922 den Kaufmann Sally Pappenheimer und bekam zwei Kinder, Helmuth Werner. Sie wohnten im Haus Dreikönigenstraße 50. Nach Sally Pappenheimers Tod 1929 zog die  Witwe zog mit den Kindern  wieder zur Grenzstraße. Eugen Hirtz arbeitete im Geschäft der Eltern und wohnte auch im elterlichen Haus, ebenso wie Charlotte, die im April 1936 nach Amsterdam emigrierte.  In der Pogromnacht 1938 wurde das Geschäft an der Neußer Straße erheblich zerstört und geplündert, der 69-jährige Simon Hirtz von der Gestapo verhaftet und erst am 19. November wieder freigelassen.  Das Haus mitsamt dem Geschäft musste im Dezember 1938 verkauft werden. Die Schwiegermutter des Brauereibesitzers Hermann Josef Wirichs wurde neue Besitzerin und vermietete das Geschäft an Maria Kycia, die in der Nachbarschaft ein kleines Hutgeschäft betrieben hatte. Auch das Wohnhaus musste verkauft werden. Simon Hirtz und seine Frau, Hilde Pappenheimer mit den Söhnen Helmuth und Werner und Eugen Hirtz zogen in eine notdürftige Unterkunft im Nordbezirk, bevor sie im Juli 1941 ins „Judenhaus“ Königstraße 255 eingewiesen wurden.

Als erster der Familie wurde Eugen Hirtz ein Opfer der Deportationen.  Er wurde am 25. Oktober 1941 nach Lodz/Litzmannstadt verschleppt. Am 13. Mai 1942 kam er ins Lager Chelmno/Kulmhof, wo er am folgenden Tag ermordet wurde. Hilde, Helmuth und Werner Pappenheimer wurden am 22. April 1942 mit dem Ziel Izbica deportiert. Bei diesem Transport gab es keine Überlebenden. Simon und Selma Hirtz kamen im Juli 1942 mit dem letzten größeren Transport nach Theresienstadt. Von dort wurden sie im September 1942 nachTreblinka verschleppt und dort ermordet. Charlotte Steinberg wurde in Amsterdam verhaftet, im Lager Westerbork interniert und am 29. September 1942 nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde.

Karolina Kanthal,  Ostwall 265: Sie war die jüngere Schwester von Rosa Glauberg und verheiratet  mit dem Rabbiner und Lehrer Jakob Kanthal. Sie hatten zwei Kinder, Else und Wilhelm. Die Familie lebte zunächst in Wesel. Mit Tochter Ursula kamen die Dannenbergs 1935 nach Krefeld, wo Joseph Lehrer und später Schulleiter an der jüdischen Volksschule wurde. Im April 1937 zogen Karolina und Jakob Kanthal ebenfalls nach Krefeld, zu ihrer Tochter, ins Haus von Beckerathstraße 5. Nach dem Tod ihres Mannes 1939 lebte seine Witwe mit der Familie Dannenberg im „Judenhaus“ Bismarckstraße 116. Von dort zog sie im August 1941 zum Ostwall 265. Im Nebenhaus wohnte seit einiger Zeit ihre Schwester Rosa Glauberg.  Im Januar 1942 musste Karolina Kanthal umziehen zur Elisabethstraße 132, später zum Südwall 11, beides ebenfalls sogenannte Judenhäuser. Am 25. Juli 1942 deportierte man sie und ihre Schwester zusammen mit 221 anderen Krefelder Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt. Am 21. September 1942 wurde Karolina Kanthal nach Treblinka verschleppt, wo sie wohl kurz nach der Ankunft ermordet wurde. Else und Josef Dannenberg wurden ebenfalls ermordet, ihrer Tochter Ursula gelang die Emigration in die USA, ebenso Wilhelm Kanthal.

Felix Kaufmann,  Bismarckplatz 43:  Er wurde am 3. Juli 1858 geboren. Von Beruf war er Kaufmann und arbeitete als Reisender für Kolonialwaren. 1907 kam er von Hüls nach Krefeld. Dort heiratete er am 15.08.1914 Luise Kastier. Seine Ehefrau war evangelisch. Seine frühere Ehe  mit Elli Heimann war geschieden worden.

1928 zog das Ehepaar zum Bismarckplatz 28. Felix Kaufmann wurde am 27. April 1942 in die Jacoby‘sche Anstalt in Bendorf-Sayn eingeliefert, eine Einrichtung für hauptsächlich jüdische „Nerven- und Gemütskranke“, die 1869 gegründet worden war. 1938 mussten alle nichtjüdischen Fachkräfte entlassen werden. Ein Runderlass des Reichsinnenministeriums vom Dezember 1940 besagte, dass „… geisteskranke Juden künftig nur noch in die von der Reichsvereinigung der Juden unterhaltenen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn, Kr. Koblenz aufgenommen werden dürfen“. Ab 1942 wurden die jüdischen Pflegekräfte und die Insassen deportiert und im Osten ermordet. Patienten, die zuvor eines natürlichen Todes gestorben waren, waren auf dem anstaltseigenen Friedhof beigesetzt worden. In einem der Gräber wurde auch Felix Kaufmann bestattet, der kurz nach seiner Ankunft am 11. August 1942 in Bendorf-Sayn verstorben ist.

Albert, Henriette, Henry und Walter Bach, Luisenstraße 147:  Albert Bach wurde am 12. September1895 in Waren/Mecklenburg geboren. Er heiratete die in Wickrath geborene Henriette Schnitzler und kam im April 1920 mit seiner Frau von Mönchengladbach nach Krefeld. Von Beruf war Bach Kaufmann. Nach mehreren Wohnungswechseln lebten er und seine Familie ab September 1929 an der Luisenstraße 147. Am 9. Oktober 1923 war Sohn Henry geboren worden, am 29. November 1929 der Sohn Walter. Um 1930 war Albert Bach kurzzeitig Inhaber eines Geschäfts für Schneidereibedarfsartikel. Dieses Geschäft musste er aber wieder aufgeben, wahrscheinlich bedingt durch die beginnende Weltwirtschaftskrise. Danach arbeitete er als Vertreter für die Modewarenfabrik Albrecht Pick.

In den Jahren 1938/1939 kam es gegen Albert Bach zu Ermittlungen wegen Verwendung des „Deutschen Grußes“ und wegen des Verdachtes des Verstoßes gegen die „Verordnung gegen die Unterstützung der Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe vom 22. April 1938“. Diese Ermittlungen verliefen aber ergebnislos. Henry, der älteste Sohn, war von Oktober 1938 bis Januar 1940 landwirtschaftlicher Praktikant auf der Domäne Groß Breesen, Kreis Trebnitz, im Regierungsbezirk Breslau/Schlesien. Er bereitete sich damit wohl auf eine geplante Auswanderung vor. Der jüngste Sohn, Walter, emigrierte 1940 in die Niederlande.

Am 25. Oktober 1941 wurden Albert, Henriette und Henry Bach nach Lodz/Litzmannstadt deportiert und dort im Haus Bleigasse 94 untergebracht. Im September 1942 wurde Albert Bach in das Lager Chelmno/Kulmhof gebracht und dort ermordet. Seine Frau Henriette kam im August 1944 nach Auschwitz, wo sie wohl kurz nach ihrer Ankunft ebenfalls ermordet wurde. Henry Bach wurde im September 1944 von Auschwitz nach Dachau verschleppt und kam dann in das Dachauer Außenlager Riederloh. Dort starb er am 10. Januar1945. Walter Bach lebte nach seiner Flucht in die Niederlande in Amsterdam. 1943 wurde er im Lager Westerbork interniert und Anfang September in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er am 3. September 1943 ermordet wurde.

Heinz Schriesheimer, Tannenstraße 141: Schriesheimer wurde am 23. Juli.1906 in Krefeld als Sohn des jüdischen Kaufmanns Julius Schriesheimer und seiner Ehefrau Betti geboren. Julius Schriesheimer war mit seiner Ehefrau im Jahre 1904 aus dem badischen Leutershausen nach Krefeld gekommen. 1913 eröffnete er im Haus Nordstraße 167 eine kleine Krawattenfabrik, in der seine Ehefrau als Prokuristin tätig war. Heinz bekam noch die Geschwister Willy und Johanna.

Nach dem Besuch des Realgymnasiums war Heinz Schriesheimer als Kaufmann tätig. Die Krawattenfabrik erlosch nach dem Tod des Vaters Julius Schriesheimer 1930. Die Mutter war schon 1929 verstorben. Die Geschwister wohnten bis zum Herbst 1937 weiterhin im Haus Nordstraße 167. Im Oktober 1937 heiratete Willy Schriesheimer die aus Krefeld stammende Else Gabelin. Mit seiner Schwester emigrierte er dann einen Monat später, im November 1937, nach New York. Seine Frau Else folgte im Juni 1938. Heinz Schriesheimer zog nach der Ausreise seiner Geschwister zunächst in das Haus Steinstraße 17, im Oktober 1938 in das Haus Tannenstraße 141. Von dort musste er im April 1939 wieder umziehen, diesmal in das „Judenhaus“ Neußerstraße 63a. Ein weiterer Umzug im Dezember 1940 brachte Heinz Schriesheimer in das Haus Wiedenhofstraße 43, ebenfalls ein sogenanntes Judenhaus. Von dort wurde er am 9.12.1941 nach Riga deportiert. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.