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In Krefeld sollen am 9. November zum Gedenken an die Reichspogromnacht 15 Minuten die Glocken läuten

Christliche Kirchen in Krefeld : Glockenläuten zur Reichspogromnacht

Auf Anregung des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde sollen am 9. November für 15 Minuten die Glocken der christlichen Kirchen läuten und so an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren erinnern. Die Gemeinden entscheiden.

In diesem Jahr jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal: Am 9. November 1938 sind in ganz Deutschland Synagogen niedergebrannt und Juden misshandelt oder umgebracht worden. Die Nacht war der Auftakt zum Holocaust, in dessen Verlauf sechs Millionen Juden ermordet wurden. Aus diesem Anlass sollen in Krefeld alle Kirchenglocken nachmittags um 15 Uhr läuten. Die Anregung dazu kam von Michael Gilad, dem Vorsitzenden der Krefelder Jüdischen Gemeinde. Katholische und evangelische Kirche sowie der Arbeitskreis christlicher Kirchen (ACK) unterstützen das Anliegen - auch als Zeichen gegen den wieder aufflammenden Antisemitismus in Deutschland. Besonderheit in diesem Jahr: Der 9. November fällt auf einen Freitag; 15 Uhr gilt als Sterbestunde Jesu - die Erinnerung an seinen Leidensweg wäre damit hörbar ein Zeichen für die Gottlosigkeit des Holocaust.

Gilad hatte den Vorschlag bei einer Sitzung des ACK gemacht; der ACK hat sein Anliegen aufgegriffen und an die katholische und evangelische Kirche weitergeleitet. Weder auf evangelischer noch auf katholischer Seite kann das Glockengeläut angeordnet werden; die Entscheidung darüber liegt bei den Gemeinden. Insofern gibt es Appelle der Leitungsebenen an die Gemeinden, die Anregung Gilads aufzugreifen. Auf evangelischer Seite wirbt Superintendent Burkhard Kamphausen in einem Schreiben an die Gemeinden. „Ich möchte Sie sehr herzlich bitten, in Ihren Presbyterien darüber zu beraten und ein Läuten der Kirchenglocken für den 9. November, 15 Uhr, aus Anlass der Erinnerung an die Reichspogromnacht als Ruf zum Gebet zu beschließen“, schreibt Kamphausen. Da der 9. November auf einen Freitag falle, sei die Gedenkstunde am Platz an der Alten Kirche rechtzeitig vor dem Schabbath für den Nachmittag vorgesehen, so dass ein Glockenläuten um 15 Uhr sinnvoll wäre.

Für die Katholiken plädieren der designierte Regionalvikar Heiner Schmitz, Hans Joachim Hofer als Vorsitzender des Katholikenrates und Antje Michels aus dem Vorstand des regionalen Pastoralrates für das Läuten auch in katholischen Kirchen. Es handele sich „nicht zuletzt angesichts des wieder stärker auftretenden Antisemitismus um ein sehr wichtiges Anliegen“, heißt es in dem Brief. Auch die Katholiken betonen den Bezug zum Kreuzestod Jesu: „Damit verbindet sich unser Gedenken als Christen an die Sterbestunde Jesu mit dem Gedenken an den Tod, die Vertreibung und Enteignung der Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens in der Reichspogromnacht“.

So sah die Synagoge an der Petersstraße im Jahr 1910 aus. Foto: Verein Stiftung Dr. Isidor Hirschfelder

Die Reichspogromnacht war der erste Höhepunkt, die Schwelle zu unerhörter Brutalisierung beim Judenhass der Nazis. Der Hass galt einer Minderheit: Im Jahr 1928 lebten in Krefeld 1544 Juden, in Linn 19, in Bockum 65, in Fischeln zwölf, in Uerdingen 177 und in Hüls 60. Krefeld hatte zu dieser Zeit 134.000 Einwohner, ein gutes Prozent davon waren also Juden.

Im Hintergrund erkennbar die kleine, hübsche Synagoge in Linn; auch sie wurde 1938 zerstört. Heute erinnert am Eingang zum historischen Ortskern eine Gedenktafel an den Bau. Foto: Verlag Stefan Kronsbein

Was Reichspropagandaminister Joseph Goebbels als spontanen Ausfluss des Volkszorns darstellen wollte, war deutschlandweit organisiert. Der Befehl zum Losschlagen erreichte Krefeld gegen 22.30 Uhr in der Kreisleitung der NSDAP am Bismarckplatz. In der Nacht zum 10. November wurden die Synagoge an der Petersstraße niedergebrannt, ein Clubhaus am Bleichpfad zerstört, 18 Geschäfte verwüstet, 63 Juden verhaftet.

Am 10. November wurde auch die kleine, hübsche Linner Synagoge zerstört. Die Uerdinger Synagoge an der Bruchstraße wurde geräumt, alles liturgische Gerät und die Inneneinrichtung zu einem Scheiterhaufen aufgeschichtet und angezündet. Die Synagoge selbst wurde abgetragen - niederbrennen wäre zu gefährlich für die Nachbarhäuser gewesen. Die Synagoge in Hüls an der Klever Straße wurde angezündet, obwohl sie dicht gesäumt war von anderen Häusern.

Auch am Abend des 10. November überfielen SA-Leute jüdische Familien in ihren Wohnungen und verwüsteten sie. Deutschlandweit starben in diesen Tagen direkt oder indirekt 1300 Menschen.

In Krefeld gab es offenbar keine direkten Todesopfer. Die 63 verhafteten Juden wurden für einige Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.

(vo)