"In Krefeld hat man einen Gute-Laune-Vorschuss"

"In Krefeld hat man einen Gute-Laune-Vorschuss"

Michael Grosse, Generalintendant des Theaters Krefeld-Mönchengladbach, über Planungssicherheit und Publikumsrenner, lokale Themen und die enge Personaldecke.

Herr Grosse, wir sind mitten in der närrischen Jahreszeit. Wie halten Sie es mit dem Karneval?

Grosse Ich bin in dieser Hinsicht voll integriert. In Krefeld, wo ich wohne, bin ich nicht nur Ehrenmajor der Prinzengarde, sondern trage jetzt auch den Titel Doktor humoris causa, den die Krefelder Uzvögel verleihen. Dazu gehört, dass man eine launige Rede halten muss. Es war spannend, ob ich das Publikum zum Lachen bringen kann. Ich habe die Rede seit dem Sommer vorbereitet.

Seit dem Sommer? So lange schon?

Grosse Na ja, jetzt habe ich nicht so viel Zeit dafür.

Ist Karneval Theater oder ist Theater Karneval?

Grosse Das stimmt beides. Vor allem ist es schön, in einer Region Theater zu spielen, in der Karneval gefeiert wird. In Gladbach wie auch in Krefeld hat man einen Gute-Laune-Vorschuss, wenn die Vorstellung beginnt. Ich empfinde das als sehr niederrheinisch. Das ist eine mentale Besonderheit, die uns im Theater verwöhnt, weil es mit viel Offenheit einhergeht. Das spürt man auf der Bühne.

Was ist ernster - Theater oder Karneval?

Grosse Ich spüre hinter dem Karneval eine große Ernsthaftigkeit. In Krefeld gibt es beispielsweise immer vom Creinvelt 1927 e.V. ein Programm in Krefelder Platt, in das Menschen, die beruflich etwas ganz anderes machen, viel Zeit und Arbeit stecken. Das nötigt mir großen Respekt ab. Oder wenn Norbert Bude (der frühere Oberbürgermeister in Mönchengladbach, Anm. d. Red.) und Barbara Gersmann sich als Mönchengladbacher Prinzenpaar der letzten Session einen Herzenswunsch erfüllen, dann bin ich beeindruckt, wie sehr sie das zu einer persönlichen Sache gemacht haben. Das ist mit Sicherheit absolut leidenschaftlich, was hier im Karneval passiert.

Möchten Sie mal Prinz sein?

Grosse (lacht) Dazu bin ich zu alt. Außerdem ist ein zugereister Prinz nicht gut, ein Prinz muss aus der Region stammen, das rheinische Idiom gehört dazu.

Das Konzept Theater mit Zukunft III ist in beiden Städten bewilligt. Damit haben Sie als einziger Intendant in Deutschland Planungssicherheit und zwar für die Jahre 2020 bis 2025. Sie müssen aber noch die Jahre 2018, 2019 und einen Teil von 2020 überstehen. Wie anstrengend wird das werden?

Grosse Das ist eine gute Frage. Wir sind froh und dankbar für die Planungssicherheit. Aber jetzt müssen wir erst einmal noch Theater mit Zukunft II umsetzen. Und da ist es sehr eng, weil dieses Konzept von anderen Prämissen ausging. Es wurde mit einer Tarifentwicklung von zwei Prozent geplant, in der Realität haben wir aber 2,75 Prozent. Außerdem stehen noch Tarifverhandlungen für das Frühjahr an. Das ist also nicht so einfach. Auf der anderen Seite hat die Landesregierung aber eine Dynamisierung der Mittel für den Kulturbereich in den Koalitionsvertrag geschrieben. Das könnte eine Entlastung sein. Hinzu kommt immer die Frage, wie die Inszenierungen an der Kasse funktionieren. Bei einer Auslastung von 75 bis 80 Prozent sind wir aber in diesem Bereich ziemlich am Ende der Fahnenstange angelangt. Alles in allem ist es eine angespannte Situation, aber steuerbar.

Wie sieht es speziell im Personalbereich des Theaters aus?

Grosse Als Maßnahme gegen Unterdeckungen haben wir das Fluktuationsmanagement eingeführt. Das heißt, dass Stellen, die frei werden, erst nach einer Sperrfrist wieder besetzt werden. Oder temporär unbesetzt bleiben. In den Theaterwerkstätten zum Beispiel haben wir zurzeit sechs offene Stellen, das sind fast 25 Prozent. Insgesamt sind 34 Vollzeitäquivalente offen. Das führt natürlich zu Schmerzen. Wir treiben damit auch Raubbau, aber wir müssen diesen Weg erst mal gehen. Mit dem Konzept Theater mit Zukunft III kehren wir dann auf den Level von 2010 zurück.

Haben Sie während der Verhandlungen zum Konzept Theater mit Zukunft III auch gezittert?

Grosse Es gab Diskussionen, aber es war nie eine Frage des Ob, sondern nur des Wie. Vertrauen und Wertschätzung sind gewachsen in den vergangenen Jahren. Außerdem gibt jede Stadt mit rund 15 Millionen zwar sehr viel Geld aus, aber keine andere Stadt - außer Krefeld und Gladbach - kriegt für diesen Betrag ein Sechs-Sparten-Angebot. Und ein solches Angebot gehört auch zum Projekt Wachsende Stadt.

Die Wagner-Oper "Lohengrin" war ein Erfolg in Krefeld und hat gerade in Mönchengladbach ihre frenetisch gefeierte Premiere erlebt. Weitere Produktionen gehen an den Start: "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" und "Aus der Zeit fallen" in Gladbach. In Krefeld "Spamalot" und "Orpheus und Eurydike". Am 10. Februar ist der Theaterball in Gladbach. Wie schaffen Sie dieses enorme Pensum?

Grosse Wir sind hochmotiviert und sehr professionell unterwegs. Aber es ist auch nicht ungewöhnlich, alle drei bis vier Wochen Premieren zu haben. Das kommt durch die Produktionszeiten und den Wechsel zwischen Krefeld und Gladbach zustande.

Wie kompliziert ist eigentlich die Terminplanung am Theater? Sie schieben bei erfolgreichen Stücken ja auch noch Zusatztermine ein.

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Grosse Die Jahresplanung ist eine langwierige Angelegenheit, für die wir uns fünf bis sechs Mal für mehrere Stunden treffen müssen, um das Gerüst zu erarbeiten. Während der Spielzeit kümmern sich der Chefdisponent und das künstlerische Betriebsbüro um die Organisation, Raumbelegung und Ähnliches.

Die Borussia-Revue hatte einen riesigen Zulauf - auch in Krefeld. Sie kommt jetzt wieder auf die Gladbacher Bühne. Wegen der großen Nachfrage werden schon jetzt Zusatztermine angeboten. Meinen Sie, dass Menschen, die "Wir sind Borussia" sehen, auch zu anderen Aufführungen ins Theater kommen?

Grosse Wir hoffen auf solche Mitnahmeeffekte, aber das lässt sich leider nicht belegen. Wenn die Karten anonym übers Internet bestellt werden, kann man schwer Rückschlüsse ziehen.

Das Gemeinschaftstheater gilt bundesweit als Erfolgsmodell. Würden Sie eine derartige Fusion anderen Städten empfehlen?

Grosse Das ist die Gretchenfrage. Eine Fusion findet eigentlich immer nur bei großem Leidensdruck statt, wenn sonst eine Schließung im Raum stünde. Ein reines Stadttheater ist sicher der idealste Zustand. Bei einem Gemeinschaftstheater muss immer die Parität gewahrt bleiben, und das kann anstrengend sein. Jedes Format außerhalb des Spielplanes bedarf eines Pendants: zum Beispiel Kulturmarkt Mönchengladbach - Krefelder Theatertreffen. Da kommt man schnell an Kapazitätsgrenzen.

In Krefeld liegt das Haus zentral. Das Gladbacher Theater ist in Rheydt angesiedelt, dort wird auch für das Programm geworben. Müsste es nicht auch in der Gladbacher City einen markanten Punkt - etwa im Minto - geben, wo sich das Theater präsentiert?

Grosse Ja, darüber haben wir schon öfter nachgedacht, aber das erfordert natürlich Geld und Personal. Es ist bedauerlich, nicht in der Mitte der Stadt präsent zu sein, notwendig wäre es.

Im Theater sitzen oft die älteren Leute. Wie erreichen Sie die jüngeren Zuschauer?

Grosse Wenn Sie die Gruppe der 20- bis 45-Jährigen meinen - um die prügeln sich alle. Die kriegt man aber höchstens mit eventartigen Angeboten: Gala, Ball, Rocky Horror Show und so weiter. Sie werden erst ab einem gewissen Alter zu Abonnenten. Wir tun viel für die Gruppe der Drei- bis 18-Jährigen, denn wenn sie keine positiven Erfahrungen mit Theater machen, gehen sie auch später nicht hin. Unser Angebot reicht von Kiko im Musikangebot, den Jugendtheaterclubs und dem Puppentheater bis hin zu den Weihnachtsstücken und Schultheaterfestivals. Wir sind da gut aufgestellt. Wir würden uns allerdings wünschen, dass die Schulen unser Angebot mehr nutzen. Das funktioniert leider nur, wenn das Stück auf dem Lehrplan steht wie beim "Besuch der alten Dame".

Mit einer Auslastung von 75 bis 80 Prozent steht das Theater gut da. Hätten Sie Tipps für andere Städte, die ihre Theater füllen wollen?

Grosse Lokale Themen sind extrem wichtig, das sieht man an der Borussia-Revue, aber auch die Kooperation mit vielen Partnern in der Stadt, so dass eine latente Präsenz stets gegeben ist. Das Theater muss in der Mitte der Stadtgesellschaft ankommen. Spielplan und Qualität spielen natürlich auch eine Rolle. Gerade hier in der Region sind die Zuschauer sonst sehr schnell in Düsseldorf, Köln oder Aachen.

Sie stehen oft selbst auf der Bühne, derzeit beispielsweise in der Operette "Die Faschingsfee" und "Monty Python's Spamalot" und immer wieder mit Soloprogrammen. Wie wichtig ist es Ihnen, auch Schauspieler zu sein?

Grosse Es ist mir ein Bedürfnis, aber es ist auch eine finanzielle Notwendigkeit. Bei mir ist der Auftritt inkludiert, sonst müsste man dafür Gäste holen. Wir haben nur ein kleines Ensemble. Aber ich mache es auch wirklich sehr gern. Man ist dann nahe an den Abläufen, an den verehrten Kollegen, von denen man immer auch was lernen kann.

Das Gemeinschaftstheater war im letzten Jahr beim Opernfestival in Saaremaa. In jeder Beziehung eine Riesen-Herausforderung. Was hat Ihnen dieses Gastspiel gebracht?

Grosse Erst einmal ordentlich Geld. Aber internationale Gastspiele sind natürlich sehr schön. Man wird wahrgenommen. Das ist der Lohn für harte und engagierte Arbeit. Saaremaa war schon etwas Besonderes.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde - was würden Sie dann gern inszenieren lassen?

Grosse Da hätte ich drei Wünsche: einmal Shakespeares "Der Sturm", dann im Musiktheater "Dead Man Walking" von Jake Heggie und schließlich "Drei Schwestern" ("Tri Sestri"), die Oper von Peter Eötvös, bei der man zwei Orchesterformationen benötigt und die drei Hauptpartien von Countertenören gesungen werden.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN DENISA RICHTERS, INGE SCHNETTLER, ANGELA RIETDORF UND JULE REIMARTZ

(dr)