1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Krefeld: Importierte Ehemänner

Krefeld : Importierte Ehemänner

Viele Türken kommen ohne Job und Sprachkenntnisse durch Heirat einer Türkin aus Krefeld in die Stadt. Eine Soziologin aus Ankara befragt jetzt Betroffene in den Integrationskursen der VHS Krefeld.

Die Volkshochschule Krefeld unterstützt ein Forschungsprojekt der türkischen "Middle East Technical University" in Ankara. Zu Gast ist derzeit die Wissenschaftlerin Dr. Umut Bespinar. Sie untersucht in einer Feldstudie, wie es in der Türkei aufgewachsenen Männern geht, die sich mit Frauen verheiraten, die ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht haben. Dazu führt die Soziologin rund 30 mehrstündige Interviews mit ausgewählten Probanden. Alle Interviewpartner sind Teilnehmer von Integrationskursen der VHS Krefeld.

"Für türkische Männer ist eine Heirat die einzige Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen und hier zu arbeiten", erklärt die Wissenschaftlerin. Meist seien es schlecht ausgebildete junge Türken, die sich Hoffnung auf ein besseres Leben machten.

Mit einem Vorurteil räumt Umut Bespinar gründlich auf: Es seien nicht die Familien, die ihre Töchter mit diesen türkischen Männern verkuppelten. "In der Regel lernen sich die Paare im Internet kennen, zum Beispiel über Facebook", sagt Bespinar. Auch hätten die in Deutschland aufgewachsenen Türkinnen nicht etwa einen stark religiös oder traditionell geprägten Hintergrund, sondern seien meist moderne, berufstätige Frauen. "Oft haben sie bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich und hoffen, dass der Bräutigam so stark in türkischen Traditionen verwurzelt ist, dass er sich dem Eheversprechen mehr verpflichtet fühlt", sucht die Soziologin eine Erklärung, warum die Frauen sich einen Ehemann importieren.

  • Ein Mann wirft seinen Stimmzettel in
    Bundestagswahl am Sonntag : Wie NRW-Städte mit Maskenverweigerern umgehen wollen
  • Zwei Tage vor der Wahl : In diesen NRW-Städten plant Fridays for Future Demos
  • freigestellter Reul
    Innenminister Reul zum mutmaßlichen Anschlag in Hagen : „Wir hätten ohne Hinweis aus dem Ausland keine Chance gehabt“

"Importierter Ehemann" ist tatsächlich auch der Fachbegriff, den Umut Bespinar für das Phänomen verwendet. Die Forscherin interessiert sich nun dafür, wie es den Männern in Deutschland ergeht. Denn ohne Job und ohne Sprachkenntnisse müssen sie sich erst mal mit einer Umkehr des gewohnten Rollenverständnisses abfinden: "Die Frauen dominieren ihre Männer, sind besser gebildet, verdienen mehr Geld", erklärt Bespinar.

"Ich hatte zuerst Bedenken, ob die Männer sich mir, einer Frau, in einem Gespräch überhaupt öffnen würden. Tatsächlich war jedes Interview dann fast eine Psychotherapie." Die Probanden seien froh gewesen, ihre Probleme endlich einmal loswerden zu können. "Viele haben gesagt, dass sie sich nicht mehr wie ein richtiger Mann fühlen. Andere fühlten sich sehr verletzlich. Und manche bedauerten den Schritt, hatten sich den Neustart in Deutschland nicht so schwierig vorgestellt."

Ergebnisse der Forschungsarbeiten sollen im kommenden Jahr veröffentlicht werden. Doch die Wissenschaftlerin ist sich jetzt schon sicher: "Ein Rücktausch der Rollen würde viele dieser Ehen scheitern lassen."

(RP)