Im Haus Lange Krefeld zeigen Künstler, Designer und Architekten ihre Utopien vom Wohnen

Krefelder Kunstmuseen : Künstler-Utopien für anderes Wohnen

In einer Ausstellungsserie zeigen Künstler, Designer und Architekten in den Kunstmuseen ihre Gedanken zur Zukunft des Wohnens. In „Akt 1“ geht es um sieben Positionen zum Thema „Utopie“.

Wenn Haus Lange nicht als denkmalgeschütze Stadtvilla mit Museumsfunktion an der Wilhelmshofallee stünde, sondern in Rimini, dann hätte es seine glanzvolle Zeit in den 50er und 60 Jahren gehabt als Eisdiele mit Strandflair. „Wahrscheinlich hätte sich aber niemand um den Erhalt der Architektur gekümmert“, vermutet Andreas Schmitten. Das hat den Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie umgetrieben. Deshalb hat der 38-Jährige unter dem Titel „Fragile Konstruktion“ eine fiktionale Imitation gebaut: Seine Plastik zeigt die Bauhaus-Villa in Bonbonfarben, mit gelbgestreiften Markisen – und von der Zeit zerstört: Die Tische und Stühle der Gäste, Sonnenschirme und Kinderspielplatz sind marode, defekt, unbrauchbar geworden. Nebenan Haus Esters ist von üppigen Lianen überwuchert. Die Natur, die vom Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe in Einklang mit dem Gebäude konzipiert war, hat das Haus erobert. Diese „Utopien“ sind Teil der Ausstellung, die am Sonntag im Haus Lange eröffnet wird.

„Akt 1: Utopie“, so der Titel, ist Teil der Jahresreihe, mit der die Kunstmuseen in diverse Möglichkeiten des Wohnens Einblicke bieten. „Es sind Vsionen von Künstlern, Designern und Architekten für die nahe oder fernere Zukunft“, sagt Museumsleiterin Katia Baudin. Im Sommer wird es um Mobilität und Außenraum gehen, im Herbst um Distopien. Aber die Grenzen zwischen den Themen sind fließend. Denn nicht nur Schmitten zeichnet mit Malbuchfarben und Requisitenflair ein Bild, das zu denken gibt. Sieben Positionen treffen in der Villa zusammen, nicht alle sind abgeschlossen, der Charakter des „Work in Progress“ ist Programm. Aber alle setzen Überlegungen in Gang: Wie wollen wir leben? Wie privat? Wie mobil? Wie global?

Ein raum im Raum, gebaut in wellenartigen Wänden aus Riet-Halmen – in Handarbeit von Olaf Holzapfel. Foto: Petra Diederichs

Für das eigentlich aus der Modebranche kommenden Team „Bless“ ist der ständig reisende Mensch die Vorlage für handliche „Koffer“, die sich wie kleine Kommoden exakt in die Vorgaben des Hauses Esters einfügen, aber transportabel sind: Leben aus dem Koffer bekommt da eine neue, moderne Bedeutung. Die Idee des Weltbürgers greift auch Christopher Kulendran Thomas in zusammenarbeit mit Annika Kuhlmann auf, die seit 2016 das fortlaufende Projekt New Eelam betreiben. Ihre Vision ist ein weltweites House Sharing: Wer sich an dem digitalen Subskriptionsprojekt beteiligt, kann in den entsprechenden Wohnungen überall auf der Welt wohnen. Es ist die Fortschreibung von Thomas Morus’ „Utopia“. In der Schrift schaffte er im frühen 16. Jahrhundert bereits das Privateigentum ab und erklärte Häuser zu Allgemeingut, die nach einer gewissen Zeit getauscht werden. Die Eealam-Idee soll in den nächsten Monaten Wirklichkeit werden mit zunächst 150 realen Wohnungen zwischen London und New York.

Die Welt ändert sich. Ein Globus von vor 30 Jahren entspricht nicht mehr dem heutigen Weltbild: Das werden die nicht runden Weltdarstellungen von Dune & Raby zeigen.

Der Grundriss einer Wohnung aus dem Bleichpfad-Hochhaus (grau) passt in die Wohnhalle von Haus Lange. Foto: Petra Diederichs

Wie unterschiedlich Menschen auch in Krefeld leben, macht die Architektin und Künstlerin Apolonja Sustersic deutlich. Sie hat auf einem Plakat die Kluft zwischen Utopie und Wirklichkeit am Haus Lange und dem „Mississippidampfer“ genannten Hochhaus am Bleichpfad zu Papier gebracht: Da passt ein Drei-Zimmer-Apartment aus dem 70er-Jahre-Wohnklotz in den Wohnraum der Villa Lange mit exakt 89,19 Quadratmetern. „Wir werden mit der Künstlerin im nächsten Jahr ein Projekt im Mississippi-Dampfer realisieren“, kündigt Baudin an.

Glasabfall lässt Franck Bragigand als Farbobjekt leuchten. Foto: Petra Diederichs

Der gebürtige Franzose Franck Bragigand (*1971) kommt von der Malerei, versteht seine Arbeit aber als politisch. Unter dem Motto: Restaurierung des Alltags“ bringt er keine Farbe auf Leinwand, sondern auf alltägliche Dinge des Lebens. Er transformiert Weggeworfenes oder Vernachlässigtes durch Farbe. Es können überholte Kühlschränke sein, die für kleines Geld an sozial Schwache gehen, die dank Bragigands Gestaltung ein künstlerisches Unikat sind. „Was die Leute oft nicht wissen, weil sie darauf auch keinen Wert gelegt hätten“, sagt er. Oder es sind Gebäude, manchmal sogar ganze Straßenzüge. Bragigand: „Die Menschen ziehen aus den Dörfern in die Städte; aber es wird auch kein Geld mehr in die Dörfer gesteckt.“ Als Folge stehen Gemeindehäuser und Schulen leer und verfallen. In Kooperation mit Politik, Verwaltung und Bürgern verpasst der Künstler ihnen eine neue Optik. Ein ganzer Raum ist tapeziert mit seinen Entwürfen.

Mehr von RP ONLINE