Krefelderin wegen Zivilcourage gefeuert: "Ich würde alles nochmal so machen"

Krefelderin wegen Zivilcourage gefeuert : "Ich würde alles nochmal so machen"

Die Stadt hat Sara Dahlem für ihr Eingreifen bei dem Verdacht auf Kinderpornografie geehrt – ihr Chef aber hat sie gefeuert. Die junge Frau ist tief enttäuscht und voller Pläne – der verdächtige Mann derweil auf freiem Fuß.

Die Stadt hat Sara Dahlem für ihr Eingreifen bei dem Verdacht auf Kinderpornografie geehrt — ihr Chef aber hat sie gefeuert. Die junge Frau ist tief enttäuscht und voller Pläne — der verdächtige Mann derweil auf freiem Fuß.

Wenn es um den Verdacht auf Kinderpornografie geht, steht die Polizei auf dem Standpunkt: Lieber eine Fehlanzeige zu viel als eine zu wenig. So dachte auch die 24-jährige Sara Dahlem — doch so einfach, wie das Prinzip Fehlanzeige zu sein scheint, war es nicht: Sie legte sich mit ihrem Arbeitgeber an, verlor ihren Job, obwohl sie alles richtig gemacht: Ihr schlimmer Verdacht hat sich am Ende verdichtet. Stadt und Polizei haben sie dafür geehrt, sie selbst ist guten Mutes: "Ich würde alles noch mal so machen, ich bin mit mir im Reinen", sagte sie unserer Redaktion. Doch der Reihe nach.

Sara Dahlem arbeitete im vergangenen Jahr in einem Fotofachgeschäft. Dort tauchte ein Mann auf, der einen Chip mit rund 1300 Fotos dabei hatte und von allen Bildern einen Abzug haben wollte. Was sonst automatisch abläuft, funktionierte diesmal nicht, da alle Fotos nachjustiert werden mussten — "sonst wären Köpfe und Beine abgeschnitten worden", berichtet Frau Dahlem. Dieser Zufall führte dazu, dass sie sich die Fotos angucken musste, Bild für Bild.

Was sie sah, verstörte sie. Zwischen normalen Familienschnappschüssen fanden sich auffällig viele Fotos von zwei nackten Kindern, beide so um die fünf, sechs Jahre alt. "Die Fotos sahen gestellt aus und waren sehr fokussiert auf die Geschlechtsteile", erinnert sich Frau Dahlem, "die Kinder waren in Pose gesetzt.". Sie schöpfte Verdacht, dass es hier nicht um harmlose Fotos fürs Familienalbum ging. Sie sprach mit ihrem Chef darüber, doch der teilte ihren Verdacht nicht. Kinderpornografen, so sein Standpunkt, würden ihre Fotos wohl kaum über ein Fotogeschäft entwickeln, sondern anonym übers Internet oder zu Hause. Er wollte nicht, dass sie etwas unternimmt.

"Es lag auf der Hand, dass das keine normalen Fotos waren"

Doch Frau Dahlem gehorchte nicht, sie schaute sich die Bilder in Ruhe an, ekelte sich mehr und mehr, bekam regelrecht Bauchschmerzen — und ging schließlich mit den Fotos zur Polizei. Die Beamten dort nahmen die Fotos "sehr, sehr ernst", sagt sie. Die Polizei begann zu ermitteln und schaltete die Staatsanwaltschaft ein.

Für Frau Dahlem war die Geschichte damit nicht zu Ende. Ihr Chef betrachtete es als Vertrauensbruch und Datendiebstahl, dass sie gegen seine Anweisung die Fotos zur Polizei gebracht hat — er kündigte ihr. Sie wehrte sich erst gar nicht gegen die Kündigung, weil sie mit ihrem Vorgesetzten nichts mehr zu tun haben wollte. "Ich war so enttäuscht", sagt sie, "vor allem, weil mein Chef nicht dasselbe auf den Fotos sah wie ich. Es lag auf der Hand, dass das keine normalen Fotos waren."

Der Chef beließ es nicht bei der Kündigung — er schrieb, so berichtet Frau Dahlem weiter, in ihre Arbeitsbescheinigung etwas von Vertrauensbruch und Daten-Klau — sie stand plötzlich fast als Verbrecherin da.

Jetzt aber intervenierte die Polizei, drängte gegenüber der Arbeitsagentur auf Änderung und schaltete den Weißen Ring ein. Der stellte der jungen Frau eine Bescheinigung aus, dass die Einschätzung des Ex-Arbeitgebers "üble Nachrede" sei. So ist sie zwar ihren Job los, aber rehabilitiert. Die Ehrung der Stadt für Zivilcourage tat ein Übriges.

Für die Polizei war ihr Verhalten deswegen vorbildlich, weil sie gegen Widerstände die Polizei eingeschaltet hat. Eine Polizeisprecherin: "Wir sagen: Wenn ihr nicht genau wisst, womit ihr es zu tun habt, dann lasst es von uns prüfen. Das hat Frau Dahlem getan. Sie hat die Entscheidung, was sie da vor Augen hat, nicht selbst getroffen, sondern die Fachleute dafür eingeschaltet." Auf die Frage, ob man nicht den Chef belangen müsste, weil er eine Straftat nicht angezeigt hat, hieß es: "Er hatte seine Zweifel." Ein Verfahren gegen ihn läuft nicht.

Verhandlung gegen Mann beigelegt

Der Mann, der mit den verdächtigen Fotos im Geschäft von Sara Dahlem auftauchte, war zu der Zeit 56 Jahre alt. Die Polizei durchsuchte seine Wohnung und leitete ihre Ergebnisse an die Staatsanwaltschaft weiter. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Axel Stahl, auf Anfrage der Redaktion erläuterte, sah auch seine Behörde einen hinreichenden Tatverdacht gegeben und stellte einen sogenannten Strafbefehlsantrag.

Demnach hätte der Mann einer Geldstrafe bekommen und wäre rechtskräftig verurteilt gewesen. Doch der Mann legte Widerspruch ein, es kam zur Verhandlung, und dort wurde das Verfahren nach Paragraf 153 a mit einer Auflage (üblich ist eine Geldbuße) beigelegt. 153 a besagt: "Mit Zustimmung des für die Eröffnung des Hauptverfahrens zuständigen Gerichts und des Beschuldigten kann die Staatsanwaltschaft bei einem Vergehen vorläufig von der Erhebung der öffentlichen Klage absehen und zugleich dem Beschuldigten Auflagen und Weisungen erteilen, wenn diese geeignet sind, das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung zu beseitigen, und die Schwere der Schuld nicht entgegensteht."

Die Auflagen reichen von einer Geldzahlung über einen tätigen Täter-Opfer-Ausgleich bis zum Besuch von Sozialtrainings oder Seminaren. Der 56-jährige Mann gilt damit nicht als verurteilt; das Verfahren gilt aber auch nicht als wegen Geringfügigkeit eingestellt, betont Stahl — mit einer Beilegung der Verhandlung gegen Auflage signalisiert das Gericht: Es war nicht in Ordnung, was da passiert ist, aber nicht schwerwiegend genug für eine förmliche Verurteilung.

"Ich bereue nichts"

Dieser Ausgang lässt den Schluss zu, dass die Position des Arbeitgebers von Frau Dahlem, der Zweifel an der Brisanz des Fotomaterials hatte, nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Wie die Polizei plädiert aber auch die Staatsanwaltschaft, sich im Zweifel an die Behörden zu wenden. "Es war richtig, was Frau Dahlem gemacht hat", betonte Stahl, "wir sind auf Hinweise der Bürger angewiesen." Fälle, in denen ein Verdacht sich nicht bestätige, würden ohne Konsequenzen nicht mehr weiterverfolgt. "Wir sind gehalten", so Stahl, "be- und entlastende Momente zu sammeln".

Frau Dahlem ist derweil immer noch arbeitslos, aber voller Pläne. Sie möchte als sich als Tanzlehrerin selbstständig machen, Jugendliche unterrichten. Sie bereut nichts, am Ende war ihr das Schicksal der Kinder wichtiger als ihr Job.

(anch/jco/anch)
Mehr von RP ONLINE