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Intervierw mit Mesut Akdeniz: "Ich werde diesen Schritt nie bereuen"

Intervierw mit Mesut Akdeniz : "Ich werde diesen Schritt nie bereuen"

Mesut Akdeniz ist neuer Vorsitzender der "Union der Türkischen und Islamischen Vereine in Krefeld und Umgebung". Wir sprachen mit ihm darüber, wie es war, Deutsch zu lernen, über Ressentiments und die Gefühle, als er Deutscher wurde.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie es war, Deutsch zu lernen?

Akdeniz Ja, damals war es noch einfach.

Inwiefern?

Akdeniz Damals wurden eigene Klassen mit türkischen Kindern zur Sprachförderung gebildet; und es gab eine einjährige Vorbereitungsklasse. Außerdem waren die Arbeits- und Einkommensverhältnisse sicher. Mein Vater hat in Krefeld im Stahlwerk gearbeitet, meine Eltern lebten in sicheren Verhältnissen und haben immer darauf geachtet, dass ich mich in der Schule anstrenge, um weiterzukommen. Heute bleiben mehr Jugendliche auf der Strecke. Nach der Jahrtausendwende ist an den Schulen auch vieles gekürzt worden. Türkische Lehrer etwa gibt es kaum noch an den Schulen.

Wie kam es, dass Sie auf die Hauptschule gegangen sind? Ihr Lebensweg zeigt, dass Sie für die Realschule oder das Gymnasium geeignet gewesen wären.

Akdeniz Das müssen Sie eigentlich meine damaligen Lehrer fragen.

Sie kamen mit acht Jahren nach Deutschland; das Zeugnis ein Jahr später war entscheidend für die Empfehlung. Haperte es an der Sprache?

Akdeniz Die Sprache war vielleicht im ersten Jahr ein Handicap, danach aber nicht mehr. Ich bin auf die Hauptschule in Stahldorf gegangen, hab eine Lehre gemacht, dann das Fachabitur und studiert.

Sie haben die Startschwierigkeiten wettgemacht — sind Sie damit ein Einzelfall?

Akdeniz Nein, ich kenne einige, die diesen Weg gegangen sind: Hauptschule, Lehre, Fachabitur, Studium.

Wo sehen Sie Ihre Hauptaufgaben als neuer Vorsitzender, was möchten Sie erreichen?

Akdeniz Mein Vorgänger, Herr Demir, hat in den vergangenen Jahren einiges erreicht, was vor zehn Jahren kaum denkbar war, zum Beispiel die Herausgabe unseres Islambuches oder die Teilnahme an dem bundesweiten Pilotprojekt zur Fortbildung von Imamen. Krefeld ist beim Thema Integration Vorreiter; das möchte ich fortführen.

Wie würden Sie das Klima in Krefeld beschreiben?

Akdeniz Die Atmosphäre, die man hier findet, wird auch von anderen muslimischen Vertretern aus der Region als herausragend und angenehm empfunden. Viele beneiden uns ein bisschen. Dennoch würden wir uns größere Offenheit gegenüber der muslimischen Gemeinde wünschen.

Das ist ein Wunsch, der so auch an die Adresse der muslimischen Gemeinde gerichtet wird.

Akdeniz Aber alle Moscheen sind doch offen. Ich weiß nicht recht, wo sie noch offener werden sollen.

Sie sind deutscher Staatsbürger. War es schmerzlich, sich dafür zu entscheiden?

Akdeniz Eindeutig nein. Das war ein ganz normaler Schritt, und ich werde ihn nie bereuen.

Die SPD will die doppelte Staatsbürgerschaft zulassen, unter anderem, damit familiär-kulturelle Wurzeln von Einwanderern nicht gekappt werden. Sehen Sie diese Gefahr?

Akdeniz Eigentlich nicht. Ich kann ohne Probleme in die Türkei reisen, kann mich dort bewegen — bis hin zum Kauf von Immobilien. Meine Eltern pendeln heute hin und her, sind heute meist mehr in Kayseri als in Krefeld — alles ohne Schwierigkeiten.

Wird es für Sie komplizierter, in die Türkei einzureisen? Brauchen Sie etwa ein Visum?

Akdeniz Nein, der deutsche Pass reicht völlig. Wenn man sich längere Zeit in der Türkei aufhält, wird es in Gesundheitsdingen mit der Versicherung etwas komplizierter.

Haben Sie in Deutschland persönlich schon einmal so etwas wie Ressentiments erlebt?

Akdeniz Nein, eigentlich nicht.

Haben die Jahrzehnte in Deutschland Ihre Bindung an die Religion verändert? Sind Sie heute ein religiöser Mensch?

Akdeniz Nein, diese Bindung hat sich nicht verändert, und ich bezeichne mich als religiösen Menschen. Die Religion eines Menschen ist unabhängig von dem Land, wo er lebt. Ich bin regelmäßig in der Moschee zu den Gebeten, wobei unsere Moschee-Gemeinden in Deutschland heutzutage natürlich nicht nur Gebetsstätten, sondern auch soziale Anlaufstellen und Treffpunkte sind. Es gibt Teestuben, Sprach-und Nähkurse, Billardtische, Fußballspiele und Frauenvereine, und Hochzeitsfeiern sind keine Seltenheit.

Es gibt Untersuchungen, wonach es im muslimischen Raum ähnliche Tendenzen wie im Christentum gibt: dass die Leute nur noch an zwei, drei hohen Feiertagen in den Gottesdienst gehen. Beobachten Sie solche Tendenzen in Ihren Gemeinden?

Akdeniz Ich habe den Eindruck, dass die Bindung an die Gemeinden in Krefeld im Ganzen stabil ist. Es gibt jüngere Altersgruppen, die vielleicht nicht so häufig in die Moschee gehen; als ich in der Pubertät war, ließ das auch nach. Aber seit ich erwachsen bin, gehe ich den religiösen Pflichten im Islam nach.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)