Serie: Die Welt der Straßenbahn: Hohe Belastung für Straßenbahnfahrer

Serie: Die Welt der Straßenbahn : Hohe Belastung für Straßenbahnfahrer

Der Druck, dem Straßenbahnfahrer ausgesetzt sind, ist viel höher, weil sie nicht ausweichen können, wenn es gefährlich wird.

Als Richard Matyschiok zum ersten Mal in der Kabine der Straßenbahn gesessen hat - als Fahrer -, das war schon sehr gewöhnungsbedürftig. "In brenzlichen Situationen habe ich immer versucht, mit dem Körper auszuweichen", sagt der 49-Jährige. Inzwischen fährt er seit 23 Jahren Straßenbahn in Krefeld, er kennt das Schienennetz und die Stadt in- und auswendig. Füße hochlegen ist aber nicht drin, der Job als Straßenbahnfahrer verlangt höchste Konzentration. "Straßenbahnfahren ist deutlich belastender als Busfahren", sagt Stefan Fuchs, Abteilungsleiter Verkehrsbetrieb.

Bisher war Maxim Tager (r.) Busfahrer bei der SWK. Bei Fahrlehrer Manfred Hamel macht er aber bald den Straßenbahn-Führerschein. Foto: thomas lammertz

Das habe unter anderem eine Befragung ergeben, die die Stadtwerke Krefeld (SWK) gemeinsam mit der Hochschule Niederrhein ausgearbeitet haben. "Das Bremsen ist viel schwieriger, und man kann nicht ausweichen", sagt Fuchs. Außerdem seien Straßenbahnen vorwiegend in der Innenstadt unterwegs, wo das Verkehrsaufkommen viel höher ist. "Der Bus muss sich einmal durch den Verkehr durchbeißen und fährt dann viel durchs Umland", erklärt der Abteilungsleiter Verkehrsbetrieb.

Das alles kann Richard Matyschiok bestätigen, obwohl er seinen Job mit viel Leidenschaft macht, und viel Gefühl. "Das braucht man, um eine Straßenbahn zu fahren", erklärt er. Wenn zum Beispiel die ersten Regentropfen auf der Schiene landen, sei der Bremsweg ein ganz anderer. "Oder jetzt in dieser Jahreszeit mit dem ganzen Laub", erzählt er.

Am schlimmsten aber seien die anderen Verkehrsteilnehmer, die einfach nicht bedenken, dass eine Straßenbahn nicht mal eben einen Schlenker nach links oder rechts machen kann. "Es gibt welche, die fahren einfach kreuz und quer", sagt Matyschiok, der gestehen muss, selbst nicht immer der vorausschauendste Autofahrer gewesen zu sein. "Seit ich aber Straßenbahn fahre, bin ich auch im Pkw viel umsichtiger geworden."

Matyschiok trage außerdem Verantwortung für viel mehr Passagiere als ein Busfahrer, sagt Stefan Fuchs. "In einer Straßenbahn sind 106 Steh- und 52 Sitzplätze gesetzlich zugelassen." Dann wundert Fuchs sich selbst, als er die Zahlen eines Gelenkbusses überprüft, die sich kaum von denen in der Straßenbahn unterscheiden.

Zum Vergleich: Ein Gelenkbus zählt 107 Steh- und 48 Sitzplätze. "Aber", sagt Fuchs, "die Straßenbahn ist ein Massentransportmittel und wird immer mehr genutzt als der Bus." Im Zweifel sei sie sogar schneller, weil sie weniger Stopps anfahre, fügt SWK-Sprecher Dirk Höstermann hinzu.

"Wir haben überlegt, wie wir die Belastung auf mehrere Schultern verteilen können", sagt der Abteilungsleiter. Und genau damit hatte er die Lösung parat: "Kombi-Fahrer." Alle Straßenbahnfahrer können - müssen aber nicht - den Bus-Führerschein machen. Und umgekehrt werden die SWK-Busfahrer ohnehin nur eingestellt, wenn sie auch Straßenbahnfahren lernen wollen.

"Für mich ist das eine kleine Herausforderung im Alter", sagt Richard Matyschiok, so kurz vor der 50. "Und ein bisschen Abwechslung. Die Schienen kenn' ich ja jetzt." Zum Kombi-Fahrer wird auch Maxim Tager ausgebildet, nur umgekehrt, vom Busfahrer zum Straßenbahnfahrer.

Er macht gerade in der SWK-eigenen Fahrschule den Führerschen. "Und bisher ist alles ganz toll", findet Töger. Bisher musste er aber auch nicht einen Fahrplan einhalten. Der Unterschied zum Bus oder Lkw ist, "dass ich immer bereit ein muss", sagt Töger. Viel mehr als mit anderen Fahrzeugen. Dafür ist die Straßenbahn ein noch größerer Brummer als der Bus, "und ich war schon immer ein Fan großer Fahrzeuge", erzählt Töger.

Mitte Januar wird er im richtigen Fahrdienst eingesetzt, zumindest die ersten Tage begleitet von einem erfahrenen Kollegen. "Ich hab' Respekt davor, Krefeld ist keine Kleinstadt", sagt der angehende Straßenbahnfahrer. Dafür hätten die Fahrgäste nicht mehr viel Respekt vor dem Beruf. Piloten würde applaudiert, "wir bringen aber auch Massen von Menschen pünktlich ans Ziel", sagt Manfred Hamel, der sich noch gut an früher erinnern kann, als die Fahrer mit ihren Schirmmützen hoch angesehen gewesen seien.

(RP)