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Hochschul-Studie aus Krefeld zum Lockdown: Einsam durch die Krise

Hochschule Niederrhein in Krefeld : Studie zum Lockdown - Einsam durch die Krise

Wissenschaftliche Daten der Hochschule Niederrhein belegen, dass die Zahl der Betroffenen, die schwach unter unfreiwilliger Einsamkeit litten, im April und Mai um mehr als 20 Prozent gestiegen ist.

Forscher und Experten warnen schon seit Beginn von Covid 19 vor den psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie, die weltweit zu sehen sein werden. Die nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina wies im September auf die langfristigen Folgen hin und sagte, Strukturen und Möglichkeiten entsprechender Hilfen seien notwendiger denn je. Das Angebot der Prävention und Therapie müsse deutlich vergrößert werden.

Wie erlebten Menschen in Deutschland die Kontaktbeschränkungen im Rahmen des Lockdowns von April bis Mai 2020? Verstärkte sich unfreiwillige Einsamkeit durch die zahlreichen Kontaktbeschränkungen? Dr. Michael Noack, Professor für Methoden der Sozialen Arbeit am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein, führte dazu die Studie „Kontaktgestaltung vor, während und nach den Kontaktbeschränkungen“ (Kokon) am Forschungsinstitut SO.CON durch. Die Ergebnisse liegen nun vor.

Von den 233 Personen, die bundesweit über Facebook an der Befragung teilnahmen, gaben knapp 93 Prozent an, vor den Kontaktbeschränkungen nicht unter unfreiwilliger Einsamkeit gelitten zu haben. 5,8 Prozent der Befragten litten schwach und 1,3 Prozent stark unter unfreiwilliger Einsamkeit.

Diese Angaben änderten sich für die zeitliche Perspektive während der Kontaktbeschränkungen von April bis Mai. Die Zahl jener Befragten, die schwach unter unfreiwilliger Einsamkeit litten, stieg insgesamt um mehr als 20 Prozent. Diese Personen gaben an, in ihrer Freizeit „regelmäßig allein“ zu sein und „etwas darunter gelitten“ zu haben.

Personen, die zwischen 18 Jahren und 37 Jahren alt waren (n = 103) gaben zu 34 Prozent an schwach unter unfreiwilliger Einsamkeit während der Kontaktbeschränkung gelitten zu haben. Personen zwischen 38 und 57 Jahren (n = 82) litten zu 22 Prozent und Personen zwischen 58 und 77 Jahren (n = 42) zu 26,2 Prozent schwach unter unfreiwilliger Einsamkeit.  Auffallend ist, dass keine der befragten Personen angab, während der Kontaktbeschränkungen stark unter Einsamkeit gelitten zu haben. „Möglicherweise reduzierte sich das starke Erleiden unfreiwilliger Einsamkeit, weil während des Lockdowns Kontakte zunehmend telefonisch gepflegt wurden“, sagt Studienleiter Michael Noack.  

Der Wissenschaftler stützt sich dabei auf seine Daten: Während 8,3 Prozent der Befragten (n = 230) angaben, vor den Kontaktbeschränkungen jeden Tag mit Freunden telefoniert zu haben, stieg die Zahl der Personen, welche dies für die Zeit während der Kontaktbeschränkungen angaben (n = 230), auf 14,7 Prozent. Denkbar ist auch, dass neue Kontakte durch soziale Netzwerke geknüpft worden sind.

Eine weitere Auffälligkeit: 3,5 Prozent der Befragten (n=227) litten nach den Kontaktbeschränkungen stark unter unfreiwilliger Einsamkeit. Befragte im Alter zwischen 18 und 37 Jahren (n = 104) gaben mit 3,9 Prozent am häufigsten an, nach den Kontaktbeschränkungen stark unter unfreiwilliger Einsamkeit zu leiden. Als Gründe gaben sie an, zwar ihre Arbeit, aber nicht ihre kulturellen Aktivitäten wieder aufgenommen zu haben, weil dies auch nach Lockerung der Kontaktbeschränkungen nicht möglich war.

„Unfreiwilliges Einsamkeitserleben ist ein subjektiv empfundener Mangel an sinnvollen sozialen Verbindungen“, sagt Noack. Das führe dazu, dass auch bestehende Beziehungen, die nicht als sinnhaft erlebt werden, Einsamkeitsgefühle hervorrufen. Zwar sei unfreiwillige Einsamkeit kein organisches Leiden. „Wenn verzweifelte Gefühle des Alleinseins chronisch werden, können sie aber zu biopsychosozialen und teilhabebezogenen Folgeerscheinungen führen“, schreibt Noack in seiner Studie. „Wer unfreiwillig einsam ist, dem sind Möglichkeiten der Identitätsfindung bzw. -gestaltung entzogen.“