Historisch: Krefeld mit Doppelkönigin

Krefeld: Historisch: Krefeld mit Doppelkönigin

Eine Männerdomäne ist endgültig gefallen: Gabriele Leigraf ist nicht nur die erste Bockumer Schützenkönigin seit Gründung des Vereins vor mehr als 400 Jahren, seit dem Wochenende ist sie auch Stadtschützenkönigin.

Das Jahr 2018 wird wohl als historisches in die Geschichte des Krefelder Schützenwesen eingehen: Es ist das Jahr, in dem die Männervorherrschaft endgültig fiel. Gabriele Leigraf ist nicht nur die erste Königin an der Spitze des Bockumer Schützenvereins, der auf eine mehr als 400-jährige Geschichte zurückblickt; sie ist seit diesem Wochenende auch die erste Stadtschützenkönigin Krefelds. Beim Königsschießen holte sie den Vogel nach dem 52. Schuss von der Stange.

Unter den Zeltdächern hatten die Aktiven der am Vogelschießen beteiligten acht Krefelder Schützengesellschaften Schutz vor dem Wetter gesucht, das ganz ungewohnt mit kühlen Temperaturen, Regen und stürmischem Wind aufwartete. Auf der Wiese zwischen der Verberger Kirche und der Gaststätte Kleinlosen stand das Equipment bereit, um den Krefelder Stadtschützenkönig zu ermitteln: den mittels einer hydraulischen Rampe hoch über der Wiese schwebenden prächtigen hölzernen Vogel, das Zelt, unter dem das auf einer vollbeweglichen Lafette montierte Schützengewehr montiert war und ein starkes Fernrohr zur Beobachtung der Fixierung des Vogels.

Die spätere Stadtschützenkönigin Gabriele Leigraf bei ihrem ersten Schuss. Foto: Mar Mocnik/Mocnik,Mark(moc)

Der Abstand zum Vogel beträgt etwa 25 Meter. Wer aus amerikanischen Spielfilmen eine Art Krefelder Variante eines Snipers vermutet, der auf 2000 Meter sicher trifft, liegt falsch.  Jochen Hofer, Brudermeister der St. Sebastianus Schützen-Gesellschaft 1652 Oppum, ist mit den Umständen einverstanden: „Früher ist wegen des unvermuteten breiten Streuwinkels viel passiert, als die Schützen noch freihändig schossen.“ Dann fügt er noch hinzu: „Wer auf den Vogel schießt, darf keinen Alkohol trinken. Ein solches Verbot steht bereits in den Statuten unserer Schützen-Gesellschaft von 1652.“

Stadtschützenkönigin Gabriele Leigraf mit dem zerschossenen Vogel. Foto: Leigraf

Die Tradition der Krefelder Schützenvereine weist bis ins ausgehende 14. Jahrhundert. Damals standen die Schützen für den Schutz der Gemeinschaft in den oft kriegerischen Auseinandersetzungen dieser Zeit. Hinzu kamen Aufgaben der Feuerwehr, Hilfe bei Epidemien und Armenfürsorge. Mit der Fortentwicklung der Waffensysteme verlor sich die militärische Bedeutung der Stadtsoldaten, symbolisch ironisiert in der Bitte des Kommandeurs der Kölner Roten Funken: „Sett esu joot un doot dat.“

Spannung beim Schießen:Schüsse und Schützen werden protokolliert. Die spätere Schützenkönigin Gabriele Leigraf lugt dem Protokollanten über die Schulter. Foto: Mark Mocnik/Mocnik,Mark(moc)

Heute gehören zu den Hauptaufgaben der Schützen neben dem Schießsport karitative Hilfestellungen, die Brauchtumspflege des jeweiligen Krefelder Stadtbezirks, das Verbinden der Generationen durch Freundschaft im Verein. Rund 1000 Krefelder  Schützen sind in 12 Vereinen aktiv. „Für junge Leute bedeutet das Schützenwesen ein Freizeiterlebnis, bei dem sie auch formal geschult werden,“ erklärt der Oppumer Brudermeister. „Gerade in Vereinen, die den Schießsport betreiben, müssen sie sich besonders an Regeln gewöhnen.“ Sicher sei es für Jugendliche auch wichtig, im Rahmen des Vereinslebens mal eine Ehrung zu erfahren. Trocken ergänzt der Verberger Jungschütze Maximilian Wichmann (17): „Wichtig vielleicht nicht, aber mal schön.“

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Hartmut Schmitz, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Krefelder Schützenvereine,  ergänzt: „Unser Verein unterhält neben den Schützen noch ein Musikkorps und ein berittenes Amazonen-Corps. Beide wirken für unseren Nachwuchs attraktiv.“

Mit dem 24. Schuss schießt Thomas Schlösser den rechten Flügel des Vogels ab, mit dem 25. Schuss entledigt der Verberger Lokalmatador Karsten Leuf den Vogel um seinen linken Flügel. Nach einer Stunde ergebnislosen Schießens lässt der Schießmeister die 12-mm-Schrotmunition gegen die Brenneke-Patrone auswechseln und gesteht jedem Bewerber einen Doppelschuss zu. Nun zieht sich Jochen Hofer aus der Konkurrenz zurück: „Der Titel des Stadtschützenkönigs ist ein rein repräsentativer. Er hat ja kein eigenes Schützenfest. Aber man muss über die vierjährige Amtszeit bei etwa drei Schützenfesten im Jahr die Zeit dafür aufbringen können. Ich bin durch meine kirchlichen und öffentlichen Ämter ausgelastet.“

Nun konkurrieren noch zwei Frauen und vier Männer, allesamt amtierende oder ehemalige Schützenkönige.  Mit dem 52. Schuss kann Gabriele Leigraf, die amtierende Schützenkönigin von Bockum, den Torso des Vogels drehen. Es sind treffsichere Schützen, die nun im Rennen sind.

Obwohl Karsten Leuf von seinen Anhängern lautstark angefeuert wird, bleibt Gabriele Leigraf cool. Mit einem gut platzierten Treffer lässt sie die Reste des Vogels zu Boden fallen. Im Folgenden wird sie zur Stadtschützenkönigin gekrönt und darf ihre vierjährige Herrschaft dann in der kommenden Woche beim großen Zapfenstreich vor dem Rathaus der Krefelder Öffentlichkeit vorstellen.

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