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Historikerin untersucht Entwicklung Krefelds im 19. Jahrhundert

16. Band der Reihe „Krefelder Studien“ erschienen : Was Krefeld von Manchester unterscheidet

Die Historikerin Stefanie van de Kerkhof hat die Entwicklung der Stadt Krefeld im 19. Jahrhundert anhand der Sozialtopographie untersucht. Ab Montag ist das 320 Seiten starke Werk im Handel erhältlich.

Ein wichtiges und bedeutendes Buch ist jetzt als 16. Band in der Reihe der Krefelder Studien veröffentlicht worden: Stefanie van de Kerkhof hat das 320 Seiten starke „Krefeld auf dem Weg zur rheinischen Großstadt. Eine Analyse der Sozialtopographie im Strukturwandel des 19. Jahrhunderts“ vorgelegt. Es ist das Ergebnis von mehreren Jahren wissenschaftlicher Arbeit, gefördert vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) und der Stadt Krefeld.

„Professorin Stefanie van de Kerkhof hat das Material gedanklich aufgearbeitet und strukturiert“, sagt Olaf Richter, Leiter des Krefelder Stadtarchivs. Die Materialsammlung zur topographischen Analyse, also zur Verteilung der Bevölkerung im städtischen Raum nach sozialen Merkmalen wie Vermögen, Beruf, Amt und Konfession wurde im Wesentlichen von Tristan Pfeil erstellt. Er befasste sich bis 2019 damit. Auch wurde das Archiv der Mennoniten vollständig digitalisiert: 16 Meter laufende Akten, mehr als 800 Ordner, sollen im kommenden Jahr online gestellt werden und lieferten interessante Daten.

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Allerdings sind für den Zeitraum des sogenannten langen 19. Jahrhunderts, um das es hier geht, auch noch viele weitere Quellen aus Landesarchiv, Stadtarchiv und historischen Darstellungen hinzugezogen worden. Die Auflistung nimmt in dem Buch der Wirtschaftshistorikerin Stefanie van de Kerkhof 18 Seiten ein. Sie hat die Ergebnisse ihrer Forschung in neun Kapitel gegliedert. „Ich möchte Krefeld im größeren Kontext betrachten und in eine deutsche und europäische Entwicklung einbetten“, sagt sie. 

Drei Kernthesen sind es, die Stefanie van de Kerkhof bei der Vorstellung des Buches in den Vordergrund rückt. Erstens: „Krefeld war kein Manchester.“ Zweitens habe sich aus der textilen Monokultur zum Ende des 19. Jahrhunderts wirtschaftliche Diversität entwickelt. Ihre dritte Kernthese fasst sie mit „Von Cracau zum Rhein“ zusammen.

Die Formulierung „Krefeld war kein Manchester“ erklärt sich aus den Wohn- und Lebensbedingungen der Arbeiter in der Textilherstellung. Während in anderen Städten wie dem früh industrialisierten Manchester oder im Ruhrgebiet die Arbeiterschaft zum Beispiel nicht nur im Schichtbetrieb arbeitete, sondern auch schlafen musste (Schlafgängertum), waren die Wohnverhältnisse bei den Krefelder Hauswebern weniger beengt und einschränkend. „Das Wirtschaftsbürgertum und die Weber wohnten zusammen“, sagt van de Kerkhof. Eine akribische Analyse alter Adressbücher hat ergeben, dass sich die Bevölkerung bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts gleichmäßig verteilte, Unternehmer und Weber wohnten quasi Tür an Tür. „Hier herrschte keine Segregation wie in Manchester“, sagt van de Kerkhof, „die luftige Struktur in den Straßen ist immer noch sichtbar.“

Das Wachstum in der Textilindustrie führte zu einer starken Binnenmigration: „Das Arbeitskräftereservoir speiste sich aus Dörfern und Vorstädten“, sagt van de Kerkhof. So wurde Krefeld 1888 Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern, nachdem 1815 lediglich 15.000 Bürger gezählt worden waren – ein enormes Wachstum.

Die Großstädter arbeiteten dann bald auch in Fabriken: „Das Fabriksystem wurde Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt“, sagt die Historikerin. Die besten Seiden allerdings wurden auch noch bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts an Handwebstühlen gefertigt. Zur selben Zeit setzte die Diversifizierung ein: Krefeld ging weg vom Monopol der Textilherstellung und stellte chemische und Konsumgüter wie Kaffee oder Margarine her.

Der Handel mit diesen Waren wurde vereinfacht durch die sich entwickelnde Infrastruktur wie Schienen, Bahnhöfe, Kanalisation, Gasbeleuchtung und den Zugang zum Rhein als Transportweg. Mit dem oben genannten „Von Cracau zum Rhein“ beschreibt van de Kerkhof die räumliche Erweiterung des Stadtgebietes durch Eingemeindungen und die strukturellen Veränderungen im Unternehmertum. Wo früher vorwiegend mennonitische Textilverleger den Handel der Stadt bestimmten und die Arbeiterschaft meist katholisch war, traten jetzt auch protestantische und katholische Unternehmer hervor. Damit ist ihr eine wichtige Darstellung gelungen, die durchaus als Ergänzung zur Krefelder Stadtgeschichte Geltung haben wird: „Dieses Buch wird auch in fünf oder in zehn Jahren und darüberhinaus zu Rate gezogen werden“, ist der Leiter des Stadtarchivs, Olaf Richter, überzeugt.