Krefeld: Hermès — ein Krefelder erobert Paris

Krefeld: Hermès — ein Krefelder erobert Paris

In Krefeld hieß er schlicht Dietrich Hermes, war Sohn eines Kneipenwirts von der Königstraße. Dann lernte er das Sattlerhandwerk und zog in die Heimat seiner Vorfahren. In Paris belieferte Thierry Hermès die Reichen, die Schönen und die Königlichen. Der Beginn einer Nobelmarke.

Es sind die oberen zehntausend, die sich die Luxusartikel von Hermès leisten (können). Manager, Adlige, Künstler, Musen. Menschen wie die Sängerin und Schauspielerin Jane Birkin ( "Je t'aime... moi non plus"). Oder die Fürstin Gracia Patricia, die einst eine Hermès-Tasche so berühmt machte, dass sie heute auch ganz offiziell "Kelly-Bag" heißt (durch eine Bilderstrecke im Life-Magazin, bei der Grace Kelly die Tasche geschickt so platzierte, dass ihre Schwangerschaft verdeckt wurde). Eine solche Tasche ist heute ab 15 000 Euro zu haben. Hermès — der Name wird tunlichst nicht ausgesprochen, sondern zurückhaltend nasal gehaucht. Damit hätte ein Mann wohl kaum gerechnet: der Firmengründer selbst.

Thierry Hermès wurde 1801 in Krefeld geboren, als sechstes Kind eines Kneipenwirts von der Königstraße — ohne Akzentzeichen auf dem zweiten "e", dafür mit französischer Staatsangehörigkeit. Seine Vorfahren waren als Hugenotten aus Frankreich geflohen. Welch eine Ironie des Schicksal: Als Thierry das Licht der Welt erblickte, tat er es zwar in Krefeld, aber das war damals justament durch den Frieden von Luneville Teil des napoleonischen Staates geworden. Seine Klassenkameraden nannten ihn trotzdem Dietrich.

Er liebte gutes Handwerk

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Für die Samt- und Seidenindustrie seiner Heimatstadt hatte Hermes nicht viel übrig, wohl aber für gutes Handwerk. Der Mann, der später Paris erobern sollte, machte eine Lehre als Sattler. Als seine Eltern starben, hielt es ihn nicht mehr in Krefeld. Ihn zog es 1828 nach Pont-Audemer. Wie so oft im Leben steckte eine Frau dahinter. Hermes heiratete, neun Jahre später zog das Paar ins geschäftige Viertel Madeleine in Paris. Die Straßen der Stadt hallten wider von Hufgetrappel und dem Klappern der Kutschen und Kaleschen. Von Pferden gezogene Fuhrwerke waren ein allgegenwärtiger Anblick. In Frankreichs Hauptstadt lebten damals annähernd 80 000 Pferde. Paris war das Zentrum des Kutschenbaus und der Sattelmacherkunst. Und Hermès eröffnete sein eigenes Sattel- und Zaumzeuggeschäft in der Rue Basse-du-Rempart. Mit Erfolg. Mit seiner Sattel- und Riemenmacherwerkstatt erwarb sich Hermès schnell einen ausgezeichneten Ruf für die wunderbare Eleganz und außergewöhnliche Langlebigkeit seiner Arbeiten. Er belieferte hoch angesehene Kunden.

Thierry Hermès war 66 Jahre alt und blickte auf eine vierzigjährige Erfahrung als Sattlermeister zurück, als das zu diesem Zeitpunkt bereits von seinem Sohn Charles-Émile geführte Unternehmen bei der Weltausstellung 1867 in Paris eine Silbermedaille errang. Die Auszeichnung, die für ein meisterlich gefertigtes ledernes Zuggeschirr verliehen wurde, nimmt in der Firmengeschichte von Hermès noch heute einen Ehrenplatz ein.

Im Jahr 1878 passierte zweierlei: Baron Haussmann gestaltete das Pariser Stadtbild neu; verwinkelte, dunkle Gassen wurden durch schnurgerade, breite Boulevards mit moderner Gasbeleuchtung ersetzt. Und: Thierry Hermès starb. Sein Sohn verlegte den Firmensitz näher an die vornehmen Stadtpalais entlang den Champs Élysées, wo sich seit Napoleon III. der königliche Hof befand (das ursprüngliche Geschäft fiel einem Kreisverkehr zum Opfer). Als die Eisenbahn die Kutsche verdrängte und man später mit dem Auto reiste, erweiterte Hermes sein ledernes Sortiment um edles Reisegepäck. In Koffer und Taschen nähte Hermes, damals revolutionär in Europa, Reißverschlüsse. Eigene Parfüms kamen auf den Markt und die berühmten Hermès-Carrés — 90 x 90 Zentimeter große Seidentücher, die 65 Gramm wiegen und heute 265 Euro kosten. So gilt definitiv: Hermès-Kunden sind gut betucht.

(RP)
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