Herbertzstraße: Obdachlosenquartier wird modernes Wohnviertel

Neue Heimat in Oppum: Die Herbertzstraße - neu erfunden

Vor zwei Jahren wurde überlegt, ob die Straße wegen ihrer negativen Historie umbenannt werden sollte.

Es ist eine „einzigartige Erfolgsstory“, die Oberbürgermeister Frank Meyer gestern beim Richtfest auf der Baustelle der Wohnstätte AG an der Herbertzstraße in Erinnerung rief. „Wir stehen hier auf einem Gelände, dessen Namen man früher eigentlich nur hinter vorgehaltener Hand aussprach. Jetzt präsentiert sich hier in Oppum ein zukunftsweisendes Baugebiet, in dem nach der Fertigstellung rund 500 Menschen eine neue Heimat finden.“ Und bei wem er sich bedanken musste, wusste der Ratsvorsitzende genau: „Die Wohnstätte als kommunales Unternehmen hat hier die richtigen Weichen für die Entwicklung eines ganzen Stadtteils gestellt.“

In der Tat sind die Zahlen beeindruckend: Im August 2017 hat die Wohnstätte AG mit dem Neubau der ersten 50 Mietwohnungen in sechs Häusern mit Tiefgarage auf dem 30.000 Quadratmeter großen Areal der ehemaligen Obdachlosenunterkünfte an der Herbertzstraße begonnen. Die Investitionssumme für das Projekt beläuft sich auf 13,6 Millionen Euro. Fertigstellung ist für das erste Quartal 2019 geplant.

Jürgen Wettingfeld, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Wohnstätte AG, zeigte sich von dem Projekt ebenfalls beeindruckt. „Wer weiß, wie es hier vorher ausgesehen hat, der weiß auch, dass dies ein Meilenstein für Oppum ist“, sagte der Vorsitzende des Bürgervereins Pro Oppum, der auf einen „Schneeballeffekt“ hofft. „Eine starke städtische Wohnungsbaugesellschaft ist für eine Kommune eine treibende Kraft mit Signalwirkung, die weit über die Stadtgrenzen hinausgeht. Es werden neue Bewohner nach Oppum an die Herbertzstraße ziehen, es werden aber auch bisherige Bewohner stolz sein, hier zu wohnen.“

Herbertzstraße alte Siedlung
Über Jahrzehnte hatte die inzwischen abgerissene Siedlung an der Herbertzstraße einen zweifelhaften Ruf. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Das war vor einigen Jahren noch ganz anders. Dabei spiegelt die Herbertzstraße und ihre meist nicht sehr ruhmreiche Historie einen wichtigen Teil Krefelder Sozialgeschichte wider. Im Rahmen der Planungen des neuen Wohngebiets war sogar ein neuer Name im Gespräch gewesen. Mit breiter Mehrheit hatte sich die Bezirksvertretung Oppum/Linn jedoch im Herbst 2016 dafür ausgesprochen, dass die Herbertzstraße bleiben soll. Auch die Anwohner wünschten sich, den Namen beizubehalten. Dieser Ansicht schloss sich das Gremium einstimmig an. Die Verwaltung hatte ebenfalls eine „Erfordernis der Umbenennung“ nicht erkennen können.

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Zuvor war über „negative Aspekte“ diskutiert worden, die mit dem Namen verbunden seien - wie es Bezirkspolitiker Thilo Forkel (CDU) damals formulierte. Es hatte in Oppum starke Bestrebungen gegeben, den Namen der Herbertzstraße zu ändern, um den dortigen Neuanfang klar zum Ausdruck zu bringen und das alte Image vom Obdachlosen-Domizil endgültig abzustreifen. An dem Namen Herbertzstraße hänge noch alter Muff, eine Änderung des Namens würde klarstellen so Bezirkspolitiker Forkel. Ein Grund damals: Die Oppumer Politik wollte sichergehen, dass das geplante Neubauprojekt der Wohnstätte „unumkehrbar“ ist. Das Tochterunternehmen der Stadt hatte zuvor die Ergebnisse eines Architektenwettbewerbs vorgestellt. Rund um die Herbertzstraße sollte demnach hochwertiger Wohnraum entstehen. Die Befürchtung: Der Name Herbertzstraße könnte dabei ein Handicap sein. Beiträge bei Facebook über den Architektenwettbewerb zeigten, dass dieser Effekt durchaus vorhanden war: „Wer will denn schon auf dieser Straße wohnen?“, hieß es da etwa.

Dabei hatte das Viertel längst einen fundamentalen Wandel hinter sich. Überdeutliches Signal war die Selbstauflösung des Oppumer „Vereins gegen Obdachlosigkeit“, der lange Jahre obdachlose Familien an der Herbertzstraße betreut hat. Das Aus geschah nicht aus Mangel an Unterstützung, sondern weil das Problem gelöst war. Damit endete ein jahrzehntelanges Engagement, ein Stück städtischer Sozialgeschichte. „Spätestens mit dem jetzigen Neubau ist das ganze Karree neu ausgerichtet und aufgewertet worden. Von einem schlechten Ruf ist nichts mehr zu spüren“, erklärte SPD-Ratsherr Wilfried Bovenkerk gestern.

Thomas Siegert, Vorstand der Wohnstätte AG, blickte zuversichtlich nach vorn und betonte: „Im Spätsommer wird auf einem angrenzenden Grundstück der zweite Bauabschnitt in Angriff genommen.“ Der Bauantrag sei vor zwei Monaten gestellt worden. Die nötige Baugenehmigung werde in sechs bis acht Wochen erwartet. Von den 57 Einheiten werden 43 öffentlich gefördert, die restlichen 14 frei finanziert. Es wurden mit den Alexianern für einen Teil der öffentlich geförderten Wohnungen Vereinbarungen getroffen. Der Alexianer-Wohnverbund Krefeld für Menschen mit Behinderungen verfügt derzeit über 125 Plätze, die Alexianer-Tagespflege für Menschen mit Demenz über zwölf.

Darüber hinaus hat die Wohnstätte AG zusätzlich insgesamt 45 Baugrundstücke parzelliert, um diese an private Bauherren zu veräußern. „Aufgrund der hohen Nachfrage sind bereits alle Baugrundstücke veräußert oder verbindlich reserviert“, betonte der Chef der Wohnstätte. Mit diesen Maßnahmen sei das komplette Areal wieder einer Wohnnutzung zugeführt. Meyer: „Die städtebauliche Entwicklung ist die Aufgabe, in der wir die Wohnstätte sehen. Wir brauchen in Krefeld attraktiven Wohnraum in allen Segmenten. Das gilt für Studierende, Senioren aber auch für Menschen mit hohem Einkommen.“

(jon)