Liebeserklärung an Krefeld: Heimat zum Ausmalen

Liebeserklärung an Krefeld: Heimat zum Ausmalen

Das Malbuch "am fluss - im fluss" ist eine Liebeserklärung der Künstlerin Mauga Houba-Hausherr an ihre Wahlheimatstadt Krefeld - und Aufforderung, selbst kreativ zu werden. Wir haben ein Motiv zum Ausmalen ausgewählt. Zwei Kinder, die die schönsten Blätter einsenden, dürfen ins Atelier. Die Künstlerin hat eine besondere Beziehung zu "Heimat": Als knapp 20-Jährige ist sie aus Polen geflüchtet.

Krefeld ist voller Farben: Sonnengelb, kirschrot, wasserblau und kermitgrün leuchtet die Landschaft - durch Kinderaugen betrachtet. Aber auch Mauga Houba-Hausherr hat sich diesen unverstellten Blick erhalten. Wie der Kleine Prinz, der nur mit dem Herzen gut sieht, blickt auch die Künstlerin am liebsten an tristen Fassaden und Bausünden vorbei und sucht nach Schönheit, die flüchtiger Betrachtung verborgen bleibt. So hat die 54-Jährige der niederrheinischen Eigenheit, über die Schwachstellen der eigenen Heimatstadt zu schimpfen, ein prall gefülltes Malbuch entgegengestellt: "am fluss - im fluss".

Eigentlich ist "am fluss" mehr eine Künstlermappe mit 23 Zeichnungen. Ihre Herzensmotive, sagt Mauga Houba-Hausherr, hat sie darin versammelt. "Ursprünglich waren es mehr als hundert Zeichnungen, ich habe mich für die Auswahl von 23 entschieden, weil die Zahl übersichtlich, aber nicht teilbar ist", erzählt sie. Mauga-Logik. Und dass sie die feinen Federzeichnungen, die mit Tusche und grauen Aquarell-Akzenten versehen sind, nicht als Künstleredition angelegt hat, sondern als Arbeitsgrundlage für Kinder, entspricht ebenfalls ihrem Kunstverständnis. "Es gibt zahlreiche Bücher zum Ausmalen, aber keines von Krefeld, das auch anregt, sich mit seiner Heimat auseinanderzusetzen."

Das ist notwendig, denn keine Zeichnung ist "komplett". Markante Motive wie Rheinlandschaften, die Kopfweiden, Rathaus, Bahnhof, Uerdinger Stadttor, Dionysiuskirche und sogar Seidenweberhaus sind gut erkennbarer Beginn für eine Kreativ-Landschaft. "Ich habe viel Raum gelassen, um zu gestalten", sagt die Künstlerin. Die Fantasie will sie nicht gängeln. Warum sollten skizzierte Fassaden der Rheinstraße nicht Bausteine für ein futuristisches Gebäude sein, warum die Kopfweiden nicht verwunschener Wohnort für Trolle und Waldgeister, warum ein stiller Rheinblick nicht mit Schiffen und Badegästen belebt werden? "Es ist unglaublich, was Kinder daraus entwickeln können."

Foto: ped

Entstanden ist das Malbuch aus einer Kooperation mit dem Leiter des Stadtarchivs, Olaf Richter, der mit heimischen Künstlern für eine Ausstellung Krefeld als Stadt am Fluss präsentiert hatte. "Ich hatte so viele Bilder und Orte im Kopf, das musste einfach raus", sagt Mauga Houba-Hausherr. Eine Liebeserklärung an Krefeld war für sie ohnehin fällig. "Ich bin aus ganzem Herzen Krefelderin", sagt sie. Allerdings eine mit zwei Pässen - einem deutschen und einem polnischen. Das ist ihr wichtig. Denn der Weg war steinig. Mauga Houba ist 1963 in Kattowitz geboren. In Opole (Oppeln), der historischen Hauptstadt Oberschlesiens, hat sie die staatliche Jugendkunstschule und später das Lyzeum für Bildende Kunst besucht. Denn dass sie sich mit kräftigen Farben expressiv ausdrücken wollte, war ihr schon früh bewusst. 1982 hat sie an der Universität ein Studium für Theaterwissenschaft und Bühnenbild begonnen. Dann wurde es schwierig. "Ich durfte nicht weiter studieren", sagt sie. Über diese Zeit redet sie nicht gerne. Längst hat sie sich mit der Vergangenheit ausgesöhnt. Aber die Augen, die fast immer voller Fröhlichkeit und Energie leuchten, wirken etwas dunkler, wenn sie erzählt, wie sie sich entschlossen hat, als knapp 20-Jährige ihr Zuhause zu verlassen. Das Allernötigste hatte sie in einen Seesack gepackt. Ein kleines Skizzenbuch und ein paar klitzekleingefaltete Briefe waren die persönlichsten Relikte aus ihrer Vergangenheit, die sie eingesteckt hatte. "Ich konnte ja nichts mitnehmen, was mich verraten oder meine Freunde in Gefahr bringen könnte." Der Moment, als sie die Haustür zuzog, sei der schwierigste gewesen. Besiegelte Endgültigkeit. "Ich wusste ja nicht, ob ich je wieder zurückkehren könnte."

Foto: petra diederichs

In Deutschland sei alles einfach gewesen. Sie hat sich schnell eingelebt: "Von der Landschaft her ist es ähnlich: Kopfweiden, Kühe, weiter Blick wie am Niederrhein, aber auch Kamine, Industrie und Dreck - man nennt Kattowitz auch das Ruhrgebiet des Ostens." Sie hat sich an der Hochschule Niederrhein eingeschrieben, ihr Diplom als Grafikdesignerin gemacht bei den Professoren Zeiser, Albrecht und Dohr und Anschluss an die hiesige Künstlerszene gefunden. Bei den Süd- und A-Gängen und zahlreichen Künstleraktionen ist sie seit Jahren aktiv. Ihre Bilder hängen in öffentlichen Einrichtungen, unter anderem im Bundesumweltministerium in Berlin und im Düsseldorfer Landtag. Längst hat sie auch ein reges Ausstellungsprogramm in Polen, unterstützt Künstler ihrer dortigen Heimat, engagiert sich für Kultur und mit den Mitteln der Kunst für Frauen und gegen Gewalt. Die 54-Jährige ist kritisch, denkt nach und mischt sich ein. Als politisch sieht sie sich nicht. "Aber man muss etwas tun, wenn man sieht, dass etwas nicht gut ist." Denn als Grenzgängerin zwischen zwei Ländern, Sprachen und Kulturen fühlt sie sich privilegiert. "Wenn ich von Polen nach Krefeld fahre, bin ich meist traurig. Sobald ich im Ruhrgebiet bin, bin ich glücklich, wieder nach Krefeld zu kommen. Die Stunden dazwischen bin ich im Niemandsland. Das ist eine gute Zeit, um die Gedanken schaukeln zu lassen." Und später in Farbe umzusetzen.

(RP)