Serie Kleine Geschichte Krefelds (9) Als das Elend über die Krefelder Weber kam

Krefeld · Als die Krefelder Seidenbarone unter massiven Konkurrenzdruck gerieten, reagierten sie gnadenlos: Sie kürzten den Webern drastisch die Löhne und zwangen Kinder trotz Widerstands zum Arbeiten. Es kam zum Aufstand.

Die englischen Webereien arbeiteten schon um 1840 mit mechanischen Webstühlen; die Krefelder Handweberein hinkten technisch hoffnungslos hinterher. Die Folge: Brutale Auseinandersetzungen zwischen den Seidenbaronen und den meist armen Webern.

Die englischen Webereien arbeiteten schon um 1840 mit mechanischen Webstühlen; die Krefelder Handweberein hinkten technisch hoffnungslos hinterher. Die Folge: Brutale Auseinandersetzungen zwischen den Seidenbaronen und den meist armen Webern.

Foto: akg-images

Die Franzosenherrschaft war von den Krefelder „Notablen“ weitgehend akzeptiert worden, während sie bei der Masse der Bevölkerung unbeliebt war. Grund dafür waren auch die Aushebungen, also die Rekrutierung von Männern für die französische Armee. Rund 600 Krefelder mussten unter der Trikolore dienen. Wie viele von ihnen nicht zurückkamen, ist unbekannt. Für die Notablen galt hingegen, dass sie – falls das Los sie traf – einen Ersatz-mann kaufen konnten. Ein Krefelder trat freiwillig in den Dienst Napoleons: Der damals 14-jährige Carl Schehl – ein Trompeter – war einer der Jüngsten im Russland-Feldzug Napoleons von 1812.

Seine 1862 erschienene Autobiografie gibt ein deutliches Bild von den Gräueln des Krieges, die der „Jong von Papiere Schääls“ (Vater Schehl war Papierhändler) erleben musste. Für die nachfolgende, die preußische Zeit in Krefeld ist aber bemerkenswert, dass sich 1845 Schehl mit anderen Krefeldern, die unter Napoleon gedient hatten, in einem Veteranenverein zusammenfand. Und dass 1852 die Stadt Krefeld auf dem damaligen Friedhof – dem heutigen Stadtgarten – ein Denkmal errichten ließ zum Andenken „an die aus Napoleons Armee in die Heimat zurückgekehrten Krieger“ – an der Spitze des Denkmals ist der napoleonische Adler.

Der Feldzug Napoleons kostete 500.000 Franzosen und Verbündeten das Leben. Trotzdem sangen ab 1845 Krefelder Napoleon-Veteranen beim Vereinsfest: „Aber nichts gleicht dem Entzücken, wenn sich unsren heitren Blicken stellt das Bild des Kaisers dar, der zu Sieg und Ruhm uns führte, Frankreichs Thron so herrlich zierte, uns – ein treuer Vater war!“

Die preußischen Beamten in Krefeld werden nicht begeistert gewesen sein von diesen frankophilen Tönen, in die sich auch immer der Protest mischte gegen die restaurative Politik der neuen Machthaber. Denn eine Liebesheirat war es nicht, als die Rheinlande (von Kleve bis Koblenz) durch den Wiener Kongress 1815 Preußen zugeschlagen wurden. Es gab viele Vorbehalte: Preußen war lutherisch-protestantisch, die Mehrheit im Rheinland – auch in Krefeld - war katholisch. Und Preußen war arm. Legendär wurde der Spruch des Kölner Bankiers Abraham Schaaf-hausen, als er 1815 erfuhr, dass das Rheinland Preußen zugeschlagen wurde: „Jesses, Maria, Josef. Do hierode mir ävver in en ärm Famillisch.“ Hinzuzufügen bleibt noch, dass die national-deutschen emanzipatorischen Ideen, die sich in Preußen im Kampf gegen Napoleon entwickelt hatten, in Krefeld auf wenig Echo trafen. Anders als in Köln gab es hier kaum intellektuelle Zirkel, und auch das Pressewesen war nicht weit entwickelt.

Krefeld hatte in der Franzosenzeit einen Modernitätsschub erfahren: mit Gewerbefreiheit, Freizügigkeit und der Funktion als Hauptstadt eines Arrondissements. Die vorher herrschende Gruppe der Patrizier (Seidenbarone) hatte sich gewandelt in eine moderne Elite, die auch Neulinge akzeptierte.

Neben die Seiden- und Samt-industrie war die Herstellung und Verarbeitung von Baumwollgarn getreten. Die Stadt benötigte auch neuen Raum: 1819 wurde von der preußischen Regierung der Plan des Düsseldorfer Architekten Adolph von Vagedes genehmigt. Die Idee – Herstellung eines Rechtecks aus vier Boulevards, den Wällen – wurde in den folgenden Jahrzehnten umgesetzt und bestimmt bis heute das Stadtbild. Großstadt bedeutete auch, dass sich die Stadtgesellschaft differenzierte. Die Unterschicht – Webergesellen und Weber mit nur einem Webstuhl, Handwerkergesellen, Dienstboten und Tagelöhner mit Familien – umfasste rund 76 Prozent, den Mittelstand machten 20 Prozent aus (selbstständige Handwerker, Weber mit mehreren Stühlen), und nur 2,9 Prozent gehörten zur Oberschicht.

Missernten und Teuerungskrisen stellten für die Unterschicht existenzielle Bedrohungen dar. Die Missernten 1816/17 führten dazu, dass viele Menschen in Krefeld sich von Kartoffelschalen und Brennnesseln ernähren mussten. Verschlimmert wurde die Situation dadurch, dass die kirchliche Armenfürsorge in der Franzosenzeit durch städtische Institutionen ersetzte worden war, die der Situation 1817 nicht Herr wurden. Noch schlimmer kam es 1828. Hier zeigte sich ein erstes Mal auch das Bewusstsein der Krefelder Weber, eine Gruppe mit gleichen Interessen zu sein.

Hintergrund: Die Krefelder Seidenindustrie befand sich in einer Konkurrenzsituation mit Seidenwebereien in Zürich und in Lyon. Hier waren die Produktionsbedingungen aufgrund geringerer Löhne besser. Die Inhaber der 14 größten Krefelder Unternehmen beschlossen 1828, mit einem Federstrich die Löhne ihrer Weber – die Preise, die sie den Hauswebern für fertige Stücke zahlten – um 15 Prozent zu kürzen. Die Reaktion der Weber: zunächst anonyme Plakate, dann eine friedliche Protestversammlung. Als das alles nichts bewirkte und die reduzierten Löhne ausgezahlt wurden, kam es zum Aufstand.

In der Nacht vom 4. auf den 5. November zogen 2000 Protestler vor die Häuser der Unternehmer und warfen in 17 Häusern  die Fenster-scheiben ein. Demoliert wurde das Haus von Schultz, dem Geschäfts-führer von Rigal und Heydweiler. Die Obrigkeit reagierte schnell: Am 5. Oktober trafen 50 Mann preußische Kavallerie aus Düsseldorf in Krefeld ein und verstärkten die überforderte Krefelder Polizei. Weitere Proteste wurden teils gewaltsam unterbunden, 46 Demonstranten wurden verhaftet und in ein Düsseldorfer Gefängnis eskortiert. Drei von ihnen erhielten eine Zuchthausstrafe von vier und fünf Jahren.

Bemerkenswert ist, dass der „Niederrheinische Beobachter“ in Düsseldorf über den „ersten Arbeiter-aufstand in der deutschen Geschichte“ (Karl Marx) berichtete. Die Krefelder Presse verzichtete aufgrund der preußischen Zensurmaßnahmen auf eine Berichterstattung. Die Weber hatten verloren, hatten aber auch gemerkt, dass die Unternehmer, die Stadtregierung und der preußische Staat Hand in Hand arbeiteten.

Die Probleme verschärften sich. 1845 brach die Konjunktur für Seidenwaren zusammen, gleichzeitig stiegen infolge von Missernten die Lebensmittelpreise. Die Seidenunternehmer hielten an Positionen fest, die dem Manchester-liberalismus ähnelten. Als 1838 der Krefelder Bürgermeister Leysner bat, den in Manufakturen beschäftigten Kindern wenigstens den Besuch der Abendschule von 17 bis 19 Uhr von zu ermöglichen, lehnten fünf Unternehmer ab: Entweder arbeiteten die Kinder auch weiterhin bis 7 Uhr oder sie würden entlassen und „dem Armenvorstande zugewiesen“.