Gericht: 47-Jähriger steht seit Montag wegen Geiselnahme am Krefelder Hauptbahnhof vor Gericht.

Gericht : SEK brach Geisel bei Befreiung die Nase

Fast vier Stunden war die Rentnerin im September vergangenen Jahres am Hauptbahnhof in der Gewalt ihres Peinigers gewesen und mit einem Messer bedroht worden. Seit gestern sitzt der 47-Jährige auf der Anklagebank des Landgerichts.

Vor knapp einem Jahr wurde eine Rentnerin am Krefelder Hauptbahnhof als Geisel genommen und vier Stunden festgehalten. Seit gestern muss sich der mutmaßliche Täter vor dem Landgericht dafür verantworten. Dem Mann wird unter anderem Geiselnahme und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgeworfen.

Der bärtige, schlanke 47-Jährige kommt auf Krücken in den Gerichtssaal. Kurz unterhält er sich mit seinem Verteidiger, Pressevertreter stehen mit ihren Kameras im Raum. Nach Eintritt des Richters bittet der Angeklagte darum, das Wort ergreifen zu dürfen, muss damit aber bis nach Verlesung der Anklageschrift warten. Es ist nichts, was die Vorwürfe betrifft, das der Krefelder so dringend loswerden will, sondern Kritik am Pflichtverteidiger. Nach einer Pause scheinen die Unstimmigkeiten beseitigt. Der Verteidiger gibt an, sein Mandant wolle sich derzeit nicht äußern.

Ausführlich wird anschließend das Opfer angehört. Die 69-Jährige mit den kurzen, hellen Haaren redet leise. Sie berichtet von dem Tag, an dem sie vier Stunden gegen ihren Willen festgehalten wurde. Sie habe noch neun Minuten auf die Straßenbahn warten müssen und sich deshalb auf eine Bank gesetzt. Plötzlich sei ein Mann mit einem Messer gekommen und habe sie festgehalten. Er habe sie auf die Bank gedrückt und ihr die Klinge an den Hals gehalten. Zwar habe er immer wieder gesagt, sie müsse keine Angst haben, es werde ihr nichts geschehen, dennoch habe sie vor Panik kaum noch Luft bekommen. „Ich habe gedacht, ich sterbe jetzt”, berichtet die Krefelderin. So richtig habe sie den Beteuerungen des Täters nicht geglaubt, dass sie sich keine Sorgen um ihr Leben machen müsse. Er habe die Polizisten aufgefordert, ihn zu erschießen. Besonders geschockt sei sie von den Worten gewesen: „Wenn ihr mich nicht erschießt, dann stech’ ich die ab!” Vier Stunden sei sie an der Haltestelle festgehalten worden, zwischendurch habe der Mann sich Bier und Zigaretten von den Beamten bringen lassen.

Das 69-jährige Opfer wurde bei der Befreiung verletzt. Foto: Titz, Theo/Titz, Theo (titz)

Irgendwann war es den Mitgliedern des SEK gelungen, dem Angreifer in die Beine zu schießen. Er ging zu Boden und ließ das Messer fallen. Bei dem Einsatz sei sie von einem Beamten mit einem Holzstab verletzt worden und erlitt einen dreifachen Nasenbeinbruch, schildert die 69-Jährige weiter.

„Ich möchte Ihnen sagen, dass es mir von Herzen leid tut. Ich kann nachvollziehen, wie sehr Sie darunter leiden”, ergriff der Angeklagte das Wort. Auch seine Exfreundin sagte anschließend aus. Sie hatte damals kurz vor der Tat die Polizei verständigt, weil sie ein Messer von ihm fand und sich über mehrere Äußerungen des Mannes Gedanken gemacht habe. Er habe unter anderem gesagt, er plane einen Anschlag. Auch habe er sie in der Vergangenheit gefragt, was sie darüber denke, mit ihrem Auto in eine Menschenmenge zu fahren.

Der Täter wurde bei der Geiselbefreiung im September 2017 angeschossen, das Opfer erlitt einen mehrfachen Nasenbruch. Beide wurden noch am Tatort medizinisch versorgt. Foto: Strücken

Am Tattag saß der 47-Jährige am Hauptbahnhof, als er von Polizeibeamten angesprochen wurde. Laut Anklage wollte der vorbestrafte Krefelder sich durch die Geiselnahme seiner Festnahme entziehen. Er habe außerdem sein Messer in Richtung der Beamten gehalten und mit Pfefferspray gesprüht. Es steht aber auch ein weiteres mögliches Motiv für die Geiselnahme im Raum: der Richter versuchte die Frage zu klären, ob der 47-Jährige die Polizisten dazu provozieren wollte, ihn zu erschießen. Ein psychiatrischer Sachverständiger nimmt an der Verhandlung teil. Er wird noch gehört werden. Der Prozess wird am 17. September fortgesetzt.

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