Kunsthistorische Untersuchung in Krefeld: Friedrich der Große und seine Strümpfe

Kunsthistorische Untersuchung in Krefeld: Friedrich der Große und seine Strümpfe

In der neuesten Ausgabe des Krefelder Jahrbuchs "Die Heimat" widmet sich die Kunsthistorikerin Karin Thönnissen einer liebenswerten Anekdote der Krefelder Textilgeschichte: Friedrich der Große und seine Strümpfe.

Der Legende nach soll der als geizig geltende "Alte Fritz" einen Strumpf zur Reparatur nach Krefeld geschickt haben. Diese Geschichte wird in diversen Publikationen wohl seit jenen Tagen überliefert, zumal eben ein solch abgenutzter Strumpf des Monarchen tatsächlich existiert.

Die neuen Erkenntnisse von Thönnissen widerlegen und entzaubern keineswegs die Anekdote, sie untermauern aber einen anderen Aspekt: Denn der preußische Monarch war alles andere als sparsam. In seine Luxus-Beinkleider investierte er etliche Reichstaler.

Die allgemeine Meinung der preußischen Herrscher über die Bevölkerung am Niederrhein war nicht sehr hoch. Die kleine Herrlichkeit Krefeld und die Seidenproduktion genoss bei dem Monarchen Friedrich der Große allerdings eine Ausnahmeposition.

Zweimal weilte er in Krefeld. In wirtschaftlichen Fragen wandte er sich oft an die hiesigen Fabrikantenfamilien. Vor seinem Tod 1786 ließ Friedrich II. gegen die gewaltsame Rekrutierung von Soldaten festhalten: "Crefeld und die dasigen Manufacturen sehe ich als Kleinod an, von welchem die Werber wegbleiben müssen."

Während seiner Regierungszeit soll sich nun jene Strumpf-Geschichte zugetragen haben: Aus Berlin kam ein arg ramponiertes Beinkleid nach Krefeld, das dort für seine Majestät ausgebessert werden sollte. "Man schickte ihm mehrere neue Paar Strümpfe nach Berlin und erbat sich den Originalstrumpf als Bezahlung. Eine schöne Anekdote, die in Krefeld gern erzählt wird und die beim sprichwörtlichen Geiz des Königs durchaus zutreffen kann", berichtet Thönnissen.

Friedrich II. soll sich gar für die neuen Strümpfe mit einem Porzellanservice aus der Berliner Königlichen Porzellanmanufaktur (KPM) bedankt haben. "Schon damals galt ein KPM Service als Kostbarkeit und wurde nur an ausgesuchte und verdiente Persönlichkeiten verschenkt", so die Kunsthistorikerin.

Die Krefelder Überlieferung kannte bislang nur den einen "Strumpfauftrag". In den so genannten Schatullrechnungen Friedrichs des Großen entdeckte die Wissenschaftlerin Belege für Strumpf-Bestellungen aus Berlin bei Krefelder Seidenproduzenten.

  • Fotos : Bilder aus dem alten Krefeld

Im Zusammenhang mit dem 300. Geburtstag des Monarchen wurden diese historischen Quellen erstmals zur Gänze wissenschaftlich ediert und somit für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. "Den guten Kontakt zu den Krefelder Seidenfabrikanten nutzte er mehrmals, um bei der Familie von der Leyen Strümpfe und auch seidene Strümpfe zu bestellen.

Aus den Schatullrechnungen Friedrichs II. geht hervor, dass er vier Mal Strümpfe bezahlte. Bezeichnet werden sie als: Strümpfe (1768), Pelzstrümpfe (1766 und 1771) und seidene Pelzstrümpfe (1782)", schreibt Thönnissen. Von den vier Bezahlungen gehen drei an die Firma von der Leyen, bei der vierten Notiz heiß es lediglich "für S. Königl. M. Pelzstrümpfe".

"Die seidenen Pelzstrümpfe waren die teuersten Strümpfe. Hier spielt neben dem Material auch die Verarbeitung eine Rolle. Pelzstrümpfe sind Winterstrümpfe und haben auf der Innenseite eine Art Futter", erklärt Thönnissen. So kosteten beispielsweise die 1768 bezahlten "einfachen" Strümpfe 61,19 Reichstaler und 6 Kreutzer, die 1763 bezahlten Pelzstrümpfe 140,8 Reichstaler, die seidenen Pelzstrümpfe von 1782 waren vergleichbar günstig mit 92,17 Reichstalern.

Zum Vergleich der Kaufkraft in jener Zeit: Für einen Reichstaler konnte man in der Mitte des 18. Jahrhunderts zwölf Kilogramm Brot oder zwei Flaschen Champagner kaufen. Ob die Legende über den zu flickenden Strumpf trotz dieser neuen Erkenntnisse dennoch stimmt? Zumindest existiert ein solcher Strumpf aus dem Besitz der Krefelder Familie Franz Heinrich Heydweiller (1720-1795), die im 18. Jahrhundert eine erfolgreiche Karriere als Strumpfproduzenten machte.

"Friedrich II. muss dieser geschäftliche Aufstieg bekannt gewesen sein, es existiert ein Bericht an die Königliche Domänenkammer in Kleve, in dem auf den Erfolg des jungen Heydweillers hingewiesen wird", schreibt Thönnissen. "Die Strumpfbestellungen des Königs fallen in den Zeitraum 1766-1771, eine Zeit, in der die "Heydweiller'sche Seiden-Strumpf-Fabrique" blühte. Und so wird der Strumpf in den Besitz der Familie Heydweiller gelangt sein", so die Kunsthistorikerin.

Nachfahren der Seidenfabrikanten Heydweiller übergaben dem Weseler Preußen-Museum 1995 den Strumpf Friedrichs des Großen als Leihgabe. In der Dauerausstellung des Museums zur Geschichte Preußens wird er ständig gezeigt.

(RP)