Fridays for Future - In Krefeld demonstrieren mehr als 1000 Schüler

„Fridays for Future“: Krefelds Jugend geht fürs Klima auf die Straße

Erst die Schule schwänzen, dann die Welt retten: 1000 Schüler, aber auch Azubis, Lehrer und Eltern haben in der Innenstadt für die Umwelt demonstriert. Vor dem Rathaus gaben sie dem Oberbürgermeister seine Hausaufgaben. 

Luise und Sarah schwänzen für eine bessere Welt. Die 18-Jährigen sollten an diesem Freitagmorgen eigentlich in einem Klassenraum der Marienschule sitzen und für die Abiprüfungen pauken. Religion und Mathe stehen auf dem Plan. Aber heute, vor dem Hauptbahnhof, geht es für die beiden um mehr. „Wir haben nur eine Erde, und mir ist es wichtig, für sie zu kämpfen“, sagt Luise. Mit ihrer Freundin hat sie ein Plakat gebastelt, darauf fordern die Mädchen: Macht mehr Liebe und lasst unseren Planeten in Ruhe – nur in derberen Worten. „Wir müssen jetzt los“, sagt Sarah. Und dann setzt sich der Zug in Bewegung. Ein Meer aus Menschen zieht zum Rathaus. Sie alle wollen Oberbürgermeister Frank Meyer seine Hausaufgaben bringen.

In Krefeld haben gestern  mehr als 1000 Schüler, aber auch Azubis, Studenten, Eltern, Senioren und Lehrer gegen den Klimawandel demonstriert – trotz Temperaturen von zehn Grad und Nieselregen. Die bundesweiten „Fridays for Future“-Proteste haben haben jetzt auch Krefeld erreicht. Ihr Vorbild ist Klimaaktivistin Greta Thunberg – die Schülerin hatte mit Protesten vor dem schwedischen Parlament für Aufsehen gesorgt. Organisiert hat die Krefelder Ausgabe die 29 Jahre alte Björna Althoff. Innerhalb von nur zehn Tagen hat sie in den sozialen Netzwerken hunderte Leute mobilisiert. „Am Anfang waren wir rund 20 in einer Whatsapp-Gruppe und jetzt ist das daraus geworden“, sagt sie, nachdem sie per Megafon den Ablauf des Protestmarsches vorgegeben hat. Ein Schüler weist in einem Grußwort den Verdacht zurück, es gehe nur darum, die Schule zu schwänzen. Die Schüler des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums hätten freigehabt und seien dennoch zur Demonstration gekommen, sagt er.

So demonstrieren Schüler der Fridays-for-Future-Bewegung in NRW

1000 Menschen ziehen vom Bahnhof über den Ostwall, Marktstraße, den Westwall und Dionysiusstraße zum Arndt-Gymnasium und von dort über Stein- und St.-Anton-Straße schließlich zum Rathaus am Von-der Leyen-Platz. Immer wieder ruft die Masse: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Immer wieder bleiben Passanten stehen, lesen die Plakate. Klaus Braun, 83, steht am Westwall am Straßenrand, beobachtet die Menge. „Das ist doch kein Schulschwänzen“, sagt er. „So viel Unterricht, wie bei uns in NRW ausfällt, kann doch bei so einer guten Aktion davon keine Rede sein.“

Offenbar haben eine Reihe von Schulen Wege gesucht, Schülern die Teilnahme an der Demonstration zu ermöglichen, ohne dass das Fehlen in der Schule als unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht gewertet werden muss. So seien von einer Schule fünf Kinder je Klasse als Delegation entsandt worden, berichtet eine Krefelder Mutter bei Facebook. Viele Schulen hätten die Demonstration zur Schulveranstaltung erklärt, heißt es auch. Viele Schüler haben sich offenbar auch nach Unterrichtsschluss nach der vierten Stunde der Demonstration angeschlossen. „Auch wenn die Schüler die Schule schwänzen: ohne diesen Druck geht es nicht“, sagt Althoff.

Am Westwall hält die Demo kurz an. Ein Aktivist geht auf die Bühne, nimmt das Mikro. „Was wäre in der Geschichte passiert, wenn es nie Protest gegeben hätte?“, ruft er. „Wir wollen unseren Kindern eines Tages nicht erklären, warum wir zugesehen haben, wie unsere Erde kaputt geht.“ Unterdessen heben Raphael (26) und Alvin (24) am Rand ihre Plakate in die Luft und beweisen erneut, dass „Fridays for Futures“ längst mehr ist, als eine Schülerdemo. Beide sind längst fertig mit der Schule und arbeiten. „Ich finde das richtig, während der Schulzeit zu demonstrieren. Sonst bekommt man keine Aufmerksamkeit“, sagt Raphael. Auf sein Plakat hat er gekritzelt: „Die Erde braucht den Menschen nicht, aber der Mensch die Erde.“

Unter den Teilnehmern ist auch Michael Buüx, Religion- und Sportlehrer an der Maria-Montessori-Gesamtschule. Er ist mit einigen Schülern hier, etwa 60 bis 70, darunter Dritt- und Viertklässler. Gemeinsam mit einigen Eltern laufen sie den Weg zum Rathaus „Die Schulleitung hat explizit erlaubt, dass wir heute hier sind“, sagt er. Es sei gut, dass die Schüler beim Thema Klimaschutz Druck machen und sich um ihre Zukunft sorgen. Der Meinung ist auch Anneke Naomi-Häckel, 70. Die Seniorin war schon bei mehreren „Fridays for Future“-Demos in NRW dabei, und sowieso, sie ist protesterprobt: Schon 1968 ging sie gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner auf die Straße. „Ich finde das toll, dass sich die jungen Leute so einsetzen, meine Enkelin war auch schon in Münster mit dabei“, sagt sie.

Um 12 Uhr erreicht die Demo das Rathaus, viel früher als geplant. Immer mehr Menschen haben sich Althoff und den Schülern inzwischen angeschlossen, die Polizei kann nur schätzen, wie viele es mittlerweile sind. Fakt ist: Der Von-der-Leyen-Platz war lange nicht mehr so voll. Althoff fordert die Demonstranten auf, Songtexte rauszunehmen. Jetzt wird gesungen. „Deine Schuld“, ein Song der Ärzte. Darin heißt es im Refrain: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Die Menge grölt. Dann soll der Oberbürgermeister kommen. Die Schüler haben Frank Meyer Hausaufgaben mitgebracht, die sie ihm überreichen wollen, etwa für Mathe. Da soll der Politiker doch mal berechnen, wie viel CO2 er allein jeden Tag in die Umwelt pustet.

Doch offenbar gibt es ein Missverständnis. Meyer ist nicht da, die Schüler kamen zu früh, er steckt noch im Außentermin. Ursprünglich hatte er den Schülern versprochen, sie zu empfangen. Dann, um 13 Uhr, als viele Demonstranten schon weg sind, kommt er doch. „Ich finde es super, dass ihr euch für das Klima einsetzt, ihr könnt stolz auf euch sein“, sagt er und empfiehlt allen, sich auch politisch zu engagieren. Dann löst sich der Zug auf, ob es bald eine weitere Demo gibt, weiß Althoff noch nicht.

Um 15 Uhr deutet nichts mehr daraufhin, dass hier kürzlich noch 1000 Leute standen. Der Boden ist sauber. Kein Plastik, kein Dreck. Alles blitzblank.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So war die erste Fridays for Future Demo in Krefeld

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