„Farce“: Fachwelt kritisiert Umgang mit Stadthaus in Krefeld

Eiermann-Bau in Krefeld : „Farce“ - Kritik an Umgang mit Stadthaus

Die renommierte „Deutsche Bauzeitung“ spricht von einer „kultur- und finanzpolitischen Farce“ rund um den Eiermann-Bau. In dem Beitrag wird angezweifelt, dass Krefeld mit dem Neubau eines Rathauses Geld spart.

Krefeld sieht sich wegen des Umgangs mit dem Stadthaus von Egon Eiermann in der Fachwelt massiver Kritik ausgesetzt. Die renommierte „Deutsche Bauzeitung“ (db), Deutschlands älteste Fachzeitschrift für Architekten und Bauingenieure, hat in einem Beitrag unter der Überschrift „Stadthaus Krefeld von Egon Eiermann verrottet. Rechenkünstler am Werk“ von einer „kultur- und finanzpolitischen Farce“ rund um die Sanierung gesprochen. Im Kern geht es in dem Beitrag nicht nur darum, dass ein Denkmal dem Verfall preisgegeben wird, sondern auch darum, dass die Stadt mit ihrem Rückzug von dem Projekt nicht einmal, wie erhofft, Geld sparen werde. Der Stadtrat hatte November 2018 besiegelt, die Sanierungspläne aufzugeben, weil die Kosten zu diesem Zeitpunkt mit mindestens 80 Millionen Euro beziffert wurden, wobei die Politik befürchtete, dass die 100-Millionen-Euro-Grenze überschritten werden könnte.

In dem db-Beitrag wird bezweifelt, dass die Stadt mit einem Neubau Geld einspart. „Die Stadt kann nur hoffen, dass niemand auf die Idee kommt, nachzurechnen“, heißt es dazu bissig, „ein Neubau in der Innenstadt war angedacht, ein Entwurf liegt aber noch nicht vor. Die Kosten, die sich inzwischen summiert haben – Erstellung Sanierungskonzept, Ausschreibungen, Verzögerung des Baubeginns, Wegfall der Fördergelder, Anmietung von adäquaten Ersatzräumen auf bisher unbestimmte Zeit etc. – sind allerdings bereits jetzt enorm.“ Ergänzend darf man sagen, dass die Stadt jährlich rund 3,5 Millionen Euro an Mietkosten für Büroraum als Ersatz für das Stadthaus zahlt.

Gegen die Stadt wird der Vorwurf erhoben, den Bau über Jahre vernachlässigt zu haben und ihn nun dem Verfall preiszugeben. Damit ist laut db-Analyse auch ein Imageschaden verbunden. „Nicht beziffern lässt sich der Verlust, den sich Krefeld in Bezug auf sein baukulturelles Selbstverständnis zuschreiben lassen muss. Denn wer, wenn nicht die öffentliche Hand, ist als Vorbild dafür verantwortlich, wertvolles Kulturgut zu erhalten?“, heißt es, Nutzung und denkmalgerechte Instandsetzung hätten „von Geschichtsbewusstsein und einem tief verwurzelten baukulturellen Verständnis zeugen können“. Man könne nur hoffen, „dass sich ein privater Investor mit mehr Weitsicht findet“.

Ausführlich geht der Beitrag auf die Bedeutung der umstrittenen Original-Fenster ein, die ein Grund dafür waren, dass sich Stadt und das beim Landschaftsverband angesiedelte „Amt für Denkmalpflege im Rheinland“ nicht einigen konnten. Laut Expertise der Stadt waren die Fenster nicht so zu sanieren, dass sie modernen Arbeitsschutzbedingungen entsprochen hätten; die rheinischen Denkmalschützer hatten immer geltend gemacht, dass Untersuchungen und Probesanierungen der Stadt nicht fachgerecht dokumentiert worden seien. Offenbar war die Sanierung auch den für solche Projekte in Frage kommenden Unternehmen zu riskant. Bekanntlich hat sich an einer Vorausschreibung keine einzige Firma beteiligt.

Die Fenster im Stadthaus habe Eiermann selbst konzipiert und seien nur etwa 400-mal produziert worden, berichtet die db. Bei der Konstruktion seien „Rahmen, Beschläge, Schließmechanismen, ausstellbarer Sonnenschutz, Farbgebung und der Einbau mit flächenbündigem seitlichem Anschluss penibel durchdacht und auf die Gesamtwirkung kalkuliert worden“. An den Längsfassaden nähmen die Fenster ungefähr zwei Drittel der Fläche ein; die ehemals schwarzen Feinsteinzeugfliesen der Brüstungen „bilden einen dunklen Hintergrund, der die filigranen weißen Fensterelemente zusätzlich betont“.

Betont wird die Qualität des Gesamtentwurfs: Die Eleganz der Architektur sei trotz Spuren des Verfalls zu spüren, schwärmt die Autorin: „Die von der Straße zurückgesetzte Lage an einer Grünfläche erlaubt eine herrschaftliche Vorfahrt, die unter einem filigranen langgezogenen Vordach endet, von wo ein Steg zum Eingang führt. Im Kontrast zu dieser pompösen Geste steht das Ensemble selbst, das Eiermann zurückhaltend und reduziert gestaltete, dabei aber Wert auf jedes Detail legte“.

Die Hoffnung auf private Investoren ist nicht ganz unbegründet. Es gab Andeutungen von Krefelder Unternehmern, sich des Stadthauses anzunehmen; und zwar auch mit Blick auf die bundesweite Ausstrahlung eines solchen Engagements; ob bislang etwas daraus geworden ist, ist nicht bekannt.

Das Sanierungsproblem mit Eiermann-Bauten ist kein Krefelder Spezifikum. Für einen Komplex immerhin zeichnet sich eine Rettung ab: Das Gelände der ehemaligen IBM-Zentrale in Stuttgart-Vaihingen, die seit 2009 verlassen ist, soll von einer Schweizer Investoren-Gruppe für 960 Millionen Euro in ein neues Stadtquartier verwandelt werden – bei denkmalgerechtem Erhalt der Eiermann-Bauten.

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