„Everything beautiful – Für immer schön“ zeigt den Niedergang einer einst erfolgreichen Frau. Eine Paraderolle für Esther Keil am Theater Krefeld

Theater Krefeld : Die Tragödie einer Schönheitsberaterin

„Everything beautiful – Für immer schön“ zeigt den Niedergang einer einst erfolgreichen Frau – und das Scheitern in einer Scheinwelt der Selbstoptimierung. Eine Groteske mit tragischem Ende und eine Paraderolle für Esther Keil.

Eine Frau mit Gitarre singt John Denvers „Take me home country roads“. Mehr amerikanische Provinz geht kaum. Im Mittleren Westen der USA hat Noah Haidle sein Stück „Everything beautiful – Für immer schön“ angesiedelt. Der Dramatiker ist 1978 in Michigan geboren, dort wo Automobil- und Musikindustrien den amerikanischen Traum nährten und seit den Krisenjahren auch den Alptraum jener, die zwischen den Sprossen der Karriereleiter durchrutschen. Haidles Figur der  Kosmetikberaterin Cookie, die von Haustür zu Haustür tippelt, um ihre Produkte anzupreisen, hat das amerikanische Prinzip von den Haarspitzen bis zu den blutig gelaufenen Zehen verinnerlicht: „Man nimmt sich, was man will auf dieser Welt“, sagt sie und puscht sich zu unerschütterlichem Optimismus. „Showtime! Lächeln!“ ist ihr Mantra. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Vorbild für die Geschichte, die 2017 uraufgeführt wurde, war die amerikanische Geschäftsfrau Mary Kay Ash (1918 - 2001), die von der Handelsvertreterin den Sprung  zur Inhaberin ihres eigenen Kosmetikuniversums schaffte. In Christoph Roos’ Inszenierung, die jetzt im Theater Krefeld-Premiere hatte, ist der Traum vom Erfolg trotz des Denver-Songs kein rein amerikanischer. Cookie ist nicht das weibliche Pendant zu Willy Loman, dem Handlungsreisenden Arthur Millers. Sie ist die Verkörperung des schönen Scheins, der schreckliche  Abgründe kaschieren soll. Eine gebrochene Frau, die an den verzweifelten Versuchen, sich mit positiver Selbstmotivation zu retten, zerschmettert. Das Opfer von Leistungsdruck, Selbstausbeutung und einer Gesellschaft, in der ein Mensch ist, was er hat.  Cookie ist eine Paraderolle für Esther Keil.

Man mag diese schräge Type im magentafarbenen Business-Kostüm (Kostüme: Anne Koltermann) auf den ersten Blick. Es berührt, wie sie Bibelverse zitiert („Ein jegliches hat seine Zeit“), die sie sich als allzeit parate Lebensphilosophie auf die Absätze ihrer Schuhe geschrieben hat. Eine schräge Ebene, die immer steiler und unbezwingbarer wird, hat Bühnenbildner Thomas Rump mit zwei Dutzend Haustüren samt Klingelknöpfen bestückt. Kaum eine wird der Vertretreterin geöffnet, die Abfuhren häufen sich, die Verzweiflung ebenfalls. Esther Keil hat dann für einen Moment den leeren Blick, wenn sie die Pumps auszieht und literweise Blut in den Gully kippt. Dann setzt sie das unermüdliche Lächeln auf, startet ihr Showtime-Programm, greift nach dem Rollkoffer und rennt über die Bühne auf der Suche nach der nächsten Straße, die ein Versprechen sein könnte. „Keiner kommt und wischt dich auf“, sagt sie tapfer. „Lächle und dein Bewusstsein lächelt mit“, ist ihr Credo.

Doch ihre Behauptung „Jeden Morgen wache ich auf und frage das Universum: Welches wunderbare Abenteuer hältst du heute für mich bereit?“ wird schnell als Lebenslüge  enttarnt. Mit der jungen, herablassenden Konkurrentin Heather (Carolin Schupa) liefert sie sich ein gewalttätiges Ringen um die Verkaufsreviere. Und wenn in Rückblenden ihr Leben aufgeblättert wird, bekommt die Geschichte grotesken Drive: Da gibt’s den One-Night-Stand mit dem naiven Dan (Paul Steinbach), aus dem eine Tochter (Johanna Miller) hervorgeht, die von der alleinerziehenden Cookie auf das Leben vorbereitet wird, das nichts anderes ist als der Verkauf einer Illusion von immerwährender Schönheit. Die Tochter wird depressiv, drogenabhängig und bringt sich um. Weil sie diese Tatsache nicht wegreden kann, zieht Cookie mit der Leiche von Tür zu Tür in der Hoffnung auf ein Geschäft, mit dem sie eine schöne Beerdigung zahlen kann. Eine gruselige Szene.

Cookie ist am Ende blind, das Kostüm ist zerrissen, die Haare sind ausgefallen und die Füße bluten noch immer. Das ist schaurig – wie es Schicksale sein können, die von der rücksichtslosen Erfolgsgesellschaft geschreddert werden. Mit Verve, Kraft und berührender Zerbrechlichkeit spielt Esther Keil die Rolle, als sei sie für sie geschrieben worden. Das Lachen weicht schnell der Gänsehaut und endet in Beklommenheit. Für die komischen Momente sind die Kollegen zuständig, darunter auch Eva Spott als biestige Ex-Freundin und Michael Grosse als seltsamer Kunde.  Langer Beifall vom Premierenpublikum.

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