Krefeld: Erinnerungen an Anja Lundholm

Krefeld: Erinnerungen an Anja Lundholm

Mit einer Feierstunde hat das Ricarda-Huch-Gymnasium eine Ausstellung zu jüdischen Mädchen eröffnet, die zur Nazi-Zeit von der Schule vertrieben wurden und den Holocaust überlebten. Es waren die Enkel von zwei Schülerinnen zugegen - darunter der von Anja Lundholm.

Es ist immer wieder bewegend zu sehen, wie nah diese schreckliche Zeit ist: Bei einer Feierstunde im Ricarda-Huch-Gymnasium waren zwei Enkel von jüdischen Mädchen zugegen, die in der NS-Zeit von der Schule vertrieben worden waren. Zwei Generationen weiter also. Mehr nicht.

Einer der Enkel hat dann auch eine packende Geschichte über seine Großmutter erzählt, die eine bekannte Schriftstellerin war und heute in Vergessenheit zu geraten droht: Anja Lundholm, die als Helga Erdtmann Schülerin am heute nach Ricarda Huch benannten Krefelder Lyzeum war und ein außergewöhnliches Leben hatte. Als sie 2007 mit 89 Jahren starb, feierte der "Spiegel" ihre "mutigste, tapferste Art der Geschichtsschreibung" und befand: "Ihr Werk bleibt als Mandat und Mahnung."

Lundholms Enkel Nicolas Beyer lernte seine Großmutter erst als Erwachsener kennen - und dieses seltsame Detail ist wie ein Sprung mitten in ein Leben, das reich an Fürchterlichkeit und doch auch an Erfüllung war. Lundholm hatte zwei Kinder - eines wurde 1943 kurz vor ihrer Verhaftung durch die Gestapo geboren, das andere 1951. Beide Kinder wurden ihr weggenommen - das zweite Kind auf Betreiben ihres mittlerweile entnazifizierten Vaters.

Anja Lundholm wurde 1918 als Helga Erdtmann geboren. Sie war die Tochter eine Jüdin und eines Apothekers, der zum glühenden Nazi wurde - er hat, so heißt es, seine Ehefrau zunehmend drangsaliert, gehasst und am Ende in den Selbstmord getrieben. Die Tochter floh schließlich 1941 nach Rom, schloss sich dort einer Widerstandsgruppe an und wurde 1943 durch die Gestapo verhaftet. Das Angebot, Spitzel zu werden, lehnte sie ab. So kam sie ins KZ Ravensbrück. Ihr Enkel berichtet, er habe nie bei einem Menschen einen solchen Überlebenswillen gespürt wie bei seiner Großmutter - "das Lager macht hart", habe sie gesagt. Ingrid Schupetta, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle Villa Meerländer, bestätigt diesen Eindruck. Sie habe Lundholm als ältere Dame kennengelernt, berichtet sie auf Anfrage, und immer, wenn man ihr einen Stuhl angeboten habe, habe Lundholm geantwortet: "Ich habe Ravensbrück-Füße", sprich: ein Stehvermögen, das durch stundenlange Zähl-Appelle im KZ trainiert worden war.

Lundholm überlebte; sie konnte bei einem der Todesmärsche fliehen. Später in Brüssel lernte sie den Schweden Lundholm kennen, heiratete ihn und nahm die schwedische Staatsbürgerschaft an. Sie arbeitete als Dolmetscherin und Journalistin und veröffentlichte ihre ersten Bücher. Nach der Scheidung von Lundholm siedelte sie nach Frankfurt a.M. über, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Ende der 50er Jahre erkrankte sie an Multipler Sklerose; sie selbst führte die Erkrankung auf medizinische Versuche an ihr im KZ zurück - der "Spiegel" hat 2015 über Belege für grausame medizinische Experimente an den Gefangenen von Ravensbrück berichtet.

  • Karnevalsauftakt : Kerstin Abraham ist Dr. Humoris Causa

Lundholm hatte zunehmend Erfolg mit ihren autobiografischen Romanen über die Nazi-Zeit. "Das Höllentor" wurde ein Bestseller. Sie war auch in Krefeld, berichtet Schupetta. 2003 wurde Lundholm mit dem Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt geehrt.

Er habe, sagte ihr Enkel Nicolas Beyer, der vor 200 Gästen in der Aula des Ricarda-Huch-Gymnasium erfrischend unprätentiös aus dem Leben Anja Lundholms berichtete, eine "etwas andere Großmutter" gehabt. Sie sei aber nie von Bitternis erfüllt, sondern durchdrungen gewesen von dem Willen zu verstehen, warum Menschen in Hass verfallen - und von dem Wunsch, den nachfolgenden Generation von dem Hass und dem Morden in der NS-Zeit zu berichten, auf dass das nie wieder passieren möge.

Trotz all der Schrecklichkeiten habe seine Großmutter zum Ende ihres Lebens "den Sack zugemacht", sagte Beyer, und jeder im Saal wusste, was er meinte: Sie starb nicht als Gebrochene, sondern als jemand, der seinem Schicksal ein erfülltes Leben abgerungen hat und sich nie von Hass und Verzweiflung hat überwinden lassen. Sie habe, sagte Beyer, ein geschlossenes Lebenswerk hinterlassen.

Vor der Engel-Apotheke wurden im vergangenen Jahr - finanziert vom Ricarda-Huch-Gymnasium - Stolpersteine für Helga Erdtmann und ihre Mutter verlegt.

(RP)
Mehr von RP ONLINE