Krefeld: Erblindete findet in den Alltag zurück

Krefeld: Erblindete findet in den Alltag zurück

Nicole Johr ist vor einem Jahr plötzlich erblindet. Nach Monaten der Angst, Einsamkeit und Ungewissheit hat die junge Frau sich zurück in den Alltag gekämpft, arbeitet jetzt wieder und sagt von sicher selber: "Ich bin wieder da."

Zurück am Arbeitsplatz, zurück im Alltag, zurück im Leben: "Ich bin wieder da", sagt Nicole Johr und lacht gut gelaunt. Vor rund einem Jahr war die 37-Jährige innerhalb von zwei Wochen plötzlich erblindet. Nach Monaten der Angst, Einsamkeit und Ungewissheit, wie sie den Weg zurück in den Alltag schaffen soll, hat die junge Mutter jetzt wieder Tritt gefasst. Putzmunter wirkt sie, dass sie blind ist, merkt man ihr im Gespräch kaum an.

Entscheidend beigetragen hat die Berichterstattung unserer Redaktion, die eine deutschlandweite Welle der Hilfsbereitschaft auslöste, die bis heute nicht abgeebbt ist. "Erst vor ein paar Tagen bekam ich einen Anruf aus Süddeutschland mit der Frage, ob ich Interesse an blindentechnischer Ausrüstung aus einer Insolvenz habe", erzählt sie.

Viele Spenden, auch von Privatleuten, haben Nicole Johr erreicht. Das hat ihr Mut gemacht, Kraft geschenkt, sich nicht abwimmeln zu lassen im wahnwitzigen Behörden-Marathon um Hilfsmittel, die ihr eigentlich sowieso zustehen. "Ich habe anfangs schon Schwierigkeiten gehabt, die Hilfen anzunehmen", gibt sie unumwunden zu. "Bis jetzt haben mein Mann und ich immer alles allein geschafft, gearbeitet, uns ein gutes Leben aufgebaut und unserem Sohn einen guten Start ermöglicht."

Die Spenden haben ihr auch geholfen, den Alltag in totaler Finsternis besser bewältigen zu können. Seit wenigen Tagen beispielsweise hat sie einen neuen, sprechenden, Computer, der mit blindenspezifischer Software ausgerüstet ist. Den Kauf ermöglichten die Krefelder Krähen. "Wir sind ein Kabarett, das für karikative Zwecke spielt, die Eintrittsgelder werden gespendet", erklärt Karl-Willi Severens. Über 360.000 Euro haben die Krähen in den letzten 33 Jahren weitergereicht und so bei Einzelschicksalen geholfen, aber auch größere wohltätige Organisation in Krefeld unterstützt.

Aber auch kleine Dinge, zum Beispiel eine sprechende Küchenwaage, eröffnen Nicole Johr neue Perspektiven im Alltag. "Jetzt kann ich mal versuchen, einen Kuchen zu backen", sagt Nicole Johr. "Denn Zutaten abzuwiegen, war mir bis jetzt nicht möglich." Ein "sprechender Stift", mit dessen Hilfe magnetische Klebepunkte besprochen und abgehört werden können, hilft im Haus, zum Beispiel bei der Organisation der Zettel, dir ihr sechsjähriger Sohn aus der Schule mitbringt. Die Sprachassistentin "Alexa" macht es Johr möglich, zum Beispiel ihren Kalender zu verwalten. "Es ist gut für das Selbstwertgefühl, Dinge selber erledigen zu können", sagt die Hülserin.

Der entscheidende Schritt nach vorn war für Nicole Johr aber der Weg zurück an den Arbeitsplatz. Nachdem mit öffentlichem Druck eine Lösung für die absurde Situation gefunden wurde, dass ihr Arbeitgeber sie gern wiedereingliedern wollte, die Rentenkasse aber den Fahrdienst zur Firma nicht genehmigte, ist Nicole Johr nun wieder zurück im Job und arbeitet heute 30 Stunden pro Woche - so viel, wie vor ihrer Erblindung.

Regelmäßig kommt ein Trainer an den Arbeitsplatz im Callcenter Sitel in Fichtenhain, um Nicole Johr mit ihrem neuen, blindengerechten Arbeitsgerät vertraut zu machen. Johr arbeitet nun nicht mehr als Teamleiterin, sondern im Coachingbereich, hört in Gespräche hinein und hilft mit ihrer 17-jährigen Berufserfahrung Mitarbeitern, die Kommunikation mit Kunden zu verbessern. "Zu Beginn gab es auf beiden Seiten Unsicherheiten: Bei mir, weil es mir schwer fiel, Hilfe anzunehmen. Und bei den Kollegen, weil sie nicht so richtig wussten, wie sie mit mir umgehen sollten. Aber inzwischen ist alles ganz locker geworden und fühle ich mich ganz normal als Kollegin."

Nicht jeder in ihrem Umfeld habe Verständnis dafür gehabt, dass Nicole Johr mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen ist. "Ich erkläre immer, dass es mir nie um den Mitleidseffekt ging, weshalb ich auch meine Familie und meinen Sohn völlig rausgehalten habe, sondern darum, Behörden-Wahnsinn aufzudecken und was zu bewegen, dran zu bleiben. Man muss sehr stark sein. Wenn ich was gelernt habe, dann ist es Geduld."

Mit Geduld hat sie auch Erfolge bei der Krankenkasse erzielt. Die langersehnte Genehmigung für einen Blindenhund ist da, bis das Tier gefunden und ausgebildet ist, wird aber mindestens noch ein Jahr vergehen. "Dann bekomme ich demnächst eine Ohr-Cam, das ist eine Kamera, die Barcodes scannen, Texte und Gesichter erkennen kann", erklärt sie. Das Gerät wird auf eine Brille aufgesteckt, die Informationen werden über einen Knopf im Ohr per Sprachansage übermittelt.

"Manchmal ist aber einfach auch so, dass man diese ganzen elektronischen Stimmen nicht mehr hören kann", sagt sie und lacht. "Die Technik ist toll, aber man muss die Balance halten." Der Alltag sei bisweilen sehr anstrengend. "Der Kopf ist dann dicht, ich muss Geräusche, Gerüche und Eindrücke filtern, das geht alles nicht von heute auf morgen. Ich muss lernen, zu entschleunigen." Lernen will sie irgendwann auch die Blindenschrift Braille. "Aber eins nach dem anderen", sagt Johr.

Eine Diagnose und Erklärung, warum sie so plötzlich erblindet ist, hat Nicole Johr bis heute nicht bekommen. Das löst auch Ängste aus: "Die Frage, ob es das war oder noch was Schlimmeres nachkommen kann, stelle ich mir oft", sagt sie. Hoffnung auf eine Heilung hat sie eigentlich nicht. "Aber ich lasse meinen Mann trotzdem immer alles fotografieren, vor allem natürlich unseren Sohn. Denn man kann ja nie wissen..."

(RP)