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Krefeld: "Entartete Kunst": Liste mit Werken aus Kaiser-Wilhelm-Museum aufgetaucht

Krefeld : "Entartete Kunst": Liste mit Werken aus Kaiser-Wilhelm-Museum aufgetaucht

Für die Kunstgeschichte ist es eine Sensation – und für Krefeld könnten sich neue Spuren zu seit Jahrzehnten verschwundenen Kunstwerken ergeben: Die Liste der von den Nationalsozialisten als "entartete Kunst" konfiszierten Werke ist jetzt erstmals komplett zugänglich. Auch Kunsthändler Gurlitt hat Bilder aus Krefeld erworben.

Für die Kunstgeschichte ist es eine Sensation — und für Krefeld könnten sich neue Spuren zu seit Jahrzehnten verschwundenen Kunstwerken ergeben: Die Liste der von den Nationalsozialisten als "entartete Kunst" konfiszierten Werke ist jetzt erstmals komplett zugänglich. Auch Kunsthändler Gurlitt hat Bilder aus Krefeld erworben.

Das Londoner "Victoria and Albert Museum" besitzt die einzig bekannte komplette Liste der 1937 von den Nazis aus Museen als "entartet" konfiszierten Werke. Band 2 — mit Krefeld — galt als verschollen.

Werke von Kokoschka, Kollwitz, Campendonk...

In den zwei Bänden sind die mehr als 16.000 Kunstwerke aufgelistet, die überwiegend 1937 und 1939 beschlagnahmt wurden. Der erste Band enthält die Kunst aus den Städten Aachen bis Görlitz. Der zweite Band — Göttingen bis Zwickau — galt in der Öffentlichkeit als verschollen. Bisher galt: Die von Joseph Goebbels bevollmächtigte Kommission habe am 6. Juni 1937 aus dem Kaiser-Wilhelm-Museum (KWM) 80 Werke mitgenommen, laut der Liste sind es aber 98.

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Sie belegt, welch klangvolle Namen sich schon damals in der Krefelder Sammlung fanden: Lovis Corinth, Lyonel Feininger, Oskar Kokoschka, Käthe Kollwitz, Max Pechstein — und natürlich Campendonk, Nolde, Nauen, Mataré. Die Liste macht das Ausmaß des Verlustes deutlich, den das KWM hat hinnehmen müssen.

Hoffnung auf neue Spuren zu verschwundenen Werken

Die beiden Bände der sogenannten Fischer-Liste besitzt das "Victoria and Albert Museum" (V&A) in London seit 1996 — es ist die einzig bekannte komplette Ausgabe, und bis dahin ging man davon aus, dass der zweite Band verschollen sei. Das 482 Seiten starke Druckwerk ist eine Schenkung von Elfriede Fischer, Witwe des Kunsthändlers Harry Fischer. Wie, wann und warum die Liste in Fischers Besitz kam, ist ungeklärt. Ihre Bedeutung jedenfalls ist immens: Die Werke sind mit dem Nachnamen des Künstlers und dem Titel aufgeführt, und gelistet ist auch, wer sie zu welchen Preisen angeboten oder erstanden hat.

Jetzt ist die Liste freigeschaltet für die Öffentlichkeit: Beide Bände bietet das Victoria and Albert Museum auf seiner englischsprachigen Internetseite zum Herunterladen an (Direktlink zum Download von Band 1 und Band 2 als PDF-Dateien). Vermutlich werden sich nun neue Spuren zu verschwundenen Werken finden lassen. Bisher ist nur von Noldes "Kuhmelken", wie berichtet, bekannt, dass es nach Krefeld zurückkam.

Absurd niedrige Preise für konfiszierte Gemälde

Auch der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, dessen Sohn als Erbe der väterlichen Sammlung unlängst in die Schlagzeilen geraten war, taucht bei neun Veräußerungen von Arbeiten mit Krefelder Herkunft auf: bei Campendonks Ölbild "Pierrot" und der Druckgrafik "Junge mit Fischen", bei Corinths "Selbstbildnis", Emil Noldes "Sandgrube" und Matarés "Kühe in Dünen" sowie Arbeiten von weniger bekannten Künstlern wie Hofer, Kogan und Heckel.

Die Preise sind absurd niedrig: Der Campendonk-Druck ist mit 0,2 Schweizer Franken ausgezeichnet, das Nolde-Aquarell mit 15 Franken. Für Corinths Ölgemälde "Selbstbildnis im Pelz" gab es 325 Dollar, für eine Campendonk-Landschaft in Öl 10 Dollar. Noldes "Kuhmelken" erzielte den Spitzenpreis von 2000 Schweizer Franken.

Auch Künstler aus der Region auf der Liste

Auf der Liste finden sich auch zahlreiche Künstler aus der Region, unter anderem die Krefelder Beckerath, Wilhelm Ludger Brandenberg, Gruschka, (Benno oder Heinz Wilhelm Johannes) Hinkes, Fritz Huhnen, Walter Icks, Maria Kuhlen, Macke (vermutlich Helmuth), Hans Jakob Melchers, Otto Mueller, Anton Räderscheidt, Wilhelm Teuwen. Da nur die Nachnamen genannt sind, ist bei Namensgleichheit kunstdetektivischer Spürsinn gefragt.

Eines dieser Rätsel dreht sich um Rudolf Perpéet: Die Fischer-Liste führt nur das Aquarell "Kühe auf der Weide" an. Galerist Christian Fochem war gut befreundet mit dem Krefelder Maler (1904-1988). Aus dem Nachlass des Künstlers hat Fochem eine handgeschriebene Kladde, in der Perpéet über seine Bilder Buch führte. In den 1940er Jahren hat er eingetragen: "Nach dem Terrorangriff verlorene, verkaufte und verschleppte Bilder — aus dem Gedächtnis niedergeschrieben".

Dort taucht ein Aquarell mit dem Titel "Kuhweide bei Amsterdam" auf. Ob es deckungsgleich mit dem einzigen Aquarell von "Unbekannt" auf der Fischer-Liste ist, ist offen. Dort wird das quellenlose Werk als "Landschaft mit Kühen" beschrieben. Einige Seiten später hat Perpéet unter der Überschrift "N.S.D.A.P. Ortsgruppe Stadtgarten" eine Reihe von Tempera und Pastellen eingetragen mit dem Hinweis "von Besatzungsmacht mitgenommen".

(RP)