Ein Streitgespräch über den Regionalplan mit Heidi Matthias

Die Grünen in Krefeld : Ein Streitgespräch über den Regionalplan

Die Grünen wollen Flächen vor Bebauung bewahren – wir konfrontieren sie mit den Argumenten pro Siedlungsfläche.

Nach unserer Analyse zum Thema Regionalplan unter der Überschrift „Wie Krefeld Zukunftschancen verspielt“ hatten die Grünen Gesprächsbedarf. Aus der Begegnung von Grünen-Fraktionschefin Heidi Matthias und RP-Redakteur Jens Voß entwickelte sich ein munteres Streitgespräch, das wir hiermit dokumentieren.

Nach einer Prognose der Bezirksregierung werden in den kommenden 22 Jahren 160.000 neue Wohneinheiten in der Region gebraucht, die meisten davon im Raum Düsseldorf, Neuss, Krefeld, Mönchengladbach. 2012 sind die Experten noch von einem Bedarf von 110.000 Wohnheinheiten ausgegangen. Die Krefelder Grünen sind kategorisch dagegen, neue Siedlungsflächen in Krefeld auszuweisen. Man könnte auch sagen: Krefeld schläft tief und fest und will sich in seiner Ruhe nicht stören lassen.

Matthias Es gibt auch andere Berechnungen! Ich bin davon überzeugt, dass solche Prognosen in kürzeren Abständen erhoben werden müssen, um katastrophale Fehlsteuerungen zu vermeiden.

Na ja, diese Prognose ist auch nachgebessert worden. Demnach ist der Bedarf gestiegen. Der Trend ist also schon ziemlich klar.

Matthias Dennoch müssen wir Klimaschutz und die Entwicklung Krefelds zusammenbringen.

Das tun Sie aber nicht, denn Sie blenden die Entwicklung Krefelds aus, indem Sie kategorisch sagen, Sie wollen keine neuen Flächen, nicht mal potenziell, über das hinaus, was an Siedlungsflächen ausgewiesen ist. Laut Bezirksregierung braucht die Region aber darüber hinaus mehr Wohnraum.

Matthias Die Bezirksregierung besteht, verkürzt gesagt, zur Zeit aus CDU und FDP.

Sie meinen, die lügen.

Matthias Das will ich nicht sagen, aber für sie hat der Klimaschutz offensichtlich keine große Bedeutung.

Und für Sie hat der Klimaschutz eine so große Bedeutung, dass Sie sagen: Lass Krefeld lieber abschmieren, arm und noch ungünstiger in der Sozialstruktur werden, Hauptsache, alle Wiesen bleiben Wiesen.

Matthias Nein, wir sagen: Lasst uns ganz genau hinschauen. Wir brauchen vor allem Wohnungen für Ein- und Zweipersonen-Haushalte. Das ist die Wohnungsgröße, die auch Menschen aus Düsseldorf suchen; wir brauchen nicht noch mehr Einfamilienhäuser.

Das stimmt nicht. Der Investor der Fläche an der Ottostraße, die Sie als Baugebiet ja auch ablehnen, will ein Quartier mit Ein- bis Zwei- sowie Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen, Einfamilien- und Reihenhäusern entwickeln. Und er sagt: Alle Einheiten wären ruckzuck weg. Der Bedarf ist auf allen Ebenen da. Warum sind Sie gegen dieses Baugebiet?

Matthias Ich bin dagegen, weil es eine unserer Frischluftschneisen zerstört. Das geht nicht.

Dieses Baugebiet würde eine Frischluftschneise für Krefeld abschneiden? Überall sind auf einmal Frischluftschneisen. Glauben Sie eigentlich selber daran?

Matthias Natürlich! Es gibt dazu zwei Klimaanalysen. Die gesamtstädtische Klimaanalyse der Uni Essen aus dem Jahr 2003 und die Klimaanalyse der LANUV von 2018. Da steht das alles drin.

Dass dieses Baugebiet in einer Frischluftschneise liegt?

Matthias Dass nahezu alle Gebiete, die zurzeit in Rede stehen, Frischluftzufuhren darstellen. Wenn man diese sukzessive abschneidet, heißt das für die Innenstadt, dass man in einigen Jahren dort nicht mehr gerne lebt.

Was heißt denn „in einigen Jahren nicht mehr gerne lebt“. Man lebt doch schon jetzt nicht gern in der Innenstadt. Was dort doch fehlt, ist eine nennenswerte gutbürgerliche Klientel.

Matthias Glauben Sie im Ernst, es ändert sich etwas in der City, wenn man am Rande baut? Dann ziehen noch mehr aus der Innenstadt weg und man produziert noch mehr Leerstand in der Innenstadt.

Ich glaube nicht daran, dass man in der Innenstadt Leerstand produziert, wenn man an der Peripherie baut. Ich glaube allerdings daran, dass man, wenn man Neubürger mit Baugebieten an der Peripherie gewinnt, wenigstens die Chance hat, sie auch in die Innenstadt zu ziehen. Als Kunden zum Beispiel.

Matthias Wo ist da die Logik? Wir brauchen eine soziale Durchmischung in der Innenstadt, also auch „gutsituierte Neubürger“, die sich mitverantwortlich für ihre Umgebung fühlen.

Aber Frau Matthias, wie viele Jahre wollen Sie denn warten, bis die Innenstadt so schön ist, dass nennenswert viele Neubürger in die Innenstadt ziehen?

Matthias Deswegen fordern wir auch eine konzertiere Aktion: Die Stadt muss sichtbar als Investor auftreten. Bereits im letzten Jahr haben wir beantragt, einen Großteil des Zehn-Millionen-Euro-Budgets für „Strategische Flächenmanagement“ zum Ankauf von vernachlässigten Häusern in der Innenstadt auszugeben. So könnten wir lang schon marode Gebäude endlich sanieren oder abreißen und durch gute Architektur ersetzen.

Aber wie lange soll das dauern? Das dauert doch mindestens zehn, 15, 20 Jahre. Der Investor von der Ottostraße sagt, er kann morgen anfangen zu bauen.

Matthias Nein, kann er nicht.

Könnte er, wenn die Politik ihn ließe.

Matthias Kann er nicht, denn nach der Regionalplanänderung müsste zunächst der Flächennutzungsplan geändert werden. Danach wird ein Bebauungsplanverfahren aufgestellt; das alles dauert mindestens zwei bis vier Jahre. Ankauf und Sanierung von Immobilien in der Innenstadt geht viel schneller.

Wenn die Besitzer verkaufen. Krefeld ist ja offenbar geschlagen mit einem Anteil an Immobilienbesitzern, die weder investitions- noch verkaufswillig sind. Siehe Ziellenbachhaus.

Matthias Das ginge schon, die Stadt müsste zum Teil tiefer in die Taschen greifen und stärker insistieren und nicht warten, bis es irgendwann zur Zwangsversteigerung kommt. Wir brauchen auch ein Gegengewicht zu der Tendenz der privaten Investoren, am liebsten Wohnraum für gehobene Einkommensschichten zu schaffen. Nochmal: Wir brauchen mehr soziale Durchmischung in den Quartieren der Innenstadt.

Aber beim Regionalplan geht es nicht um sozial Schwache, sondern um normale bürgerliche Klientel. Die könnten sich ein Haus oder eine ordentliche Wohnung leisten. Warum wollen Sie den Markt nicht bedienen?

Matthias Wir wollen ihn doch bedienen.

Aber Sie wollen die Leute zwingen, in die Innenstadt zu ziehen, wenn Sie denn mal schön ist.

Matthias Blödsinn! Fakt ist: Wir haben bereits genug EFH-Bebauung im Bestand und in der Planung. Das würde auch den regionalen Bedarf für die nächsten Jahre und Jahrzehnte decken. Angesichts der Klimaproblematik müssen wir flächenschonend Wohnraum schaffen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Bebauungsgebiet Plankerheide in Fischeln. Dort soll Geschosswohnungsbau mit 500 Wohneinheiten entstehen. Das muss städtebaulich wegweisend und architektonisch exzellent werden; die Bewohner hätten die U76 vor der Tür, könnten auf einen eigenen PKW verzichten.

Das wäre an der Ottostraße ähnlich günstig. Dort soll eine Haltestelle für den regionalen Bahnverkehr gebaut werden.

Matthias Ja, aber bisher ist der Haltepunkt beim VRR nur angedacht, mehr nicht. Es gibt noch nicht mal eine Planung. Und die Bedingung für die Umwandlung in Wohnbauland an dieser Stelle ist die Haltestelle. Allein der Bau des Haltepunktes dauert jedoch mindestens fünf Jahre.

Und was machen Sie, wenn die Haltestelle dann da ist?

Matthias Das fänden wir wunderbar; wir begrüßen den Ausbau des ÖPNV.

Trotzdem soll da nicht gebaut werden. Dann haben Sie eine Haltestelle neben einer Wiese. Finden Sie das logisch?

Matthias Zum einen leben da schon viele Menschen in der Umgebung zum Beispiel in Schicksbaum und KR-West. Zum anderen soll diese Strecke als Verbindung der Tönisvorster an das Schienennetz sowieso gebaut werden.

Für mich stellt sich dann die Frage nach dem Ertrag für den Klimaschutz. Was erreicht man für das Klima, wenn man dieses Baugebiet mit regionaler Ausstrahlung verhindert? Welche Relevanz hat das für die Welt. Null, würde ich mal vermuten, aber für Krefeld gäbe es eine erhebliche Relevanz, wenn dort ein modernes Viertel mit regionaler Ausstrahlung entsteht.

Matthias Ich denke weiter, über meine eigene Lebenszeit hinaus. Krefeld bleibt nur dann lebenswert, wenn die Freiräume, die noch verbliebenen Lebensräume für Pflanzen und Tiere nicht zerstört werden. Was unsere Stadt attraktiv macht, sind auch unsere Naherholungsgebiete in unmittelbarer Nähe.

Die will ja auch keiner antasten. Und die Fläche an der Ottostraße ist doch kein Naherholungsgebiet. Sie tun so, als sollte morgen der Stadtwald abgebaggert werden.

Matthias Die Zerstörung der Natur geschieht doch meist in kleinen Schritten. Auch mit Salamitaktik kann am Ende alles vernichtet werden.

Aber man muss doch scharf unterscheiden zwischen schützenswerten Flächen und solchen, die nicht so schützenswert sind und mit denen man anderes Gutes erreichen kann.

Matthias Wir sind an einem Punkt, wo wir stets zugunsten unserer Umwelt entscheiden sollten. Ich erinnere an den einstimmigen Ratsbeschluss vom 4. Juli. Vor zwei Monaten haben wir den Klimanotfall (in anderen Städten Klimanotstand) ausgerufen. Gleichzeitig haben wir uns verpflichtet, alle künftigen Entscheidungen, die Auswirkungen auf Ökologie, Natur, CO2- und Ressourcenverbrauch haben, eingehend zu prüfen und gegebenenfalls klimagerechte Alternativen zu finden. NRW ist schon ein stark versiegeltes Land; es darf nicht so weitergehen mit dem Flächenverbrauch.

Heißt auch: Dass Leute faktisch ins Rheinland ziehen und die Mieten steigen und steigen, ist Ihnen völlig egal.

Matthias Sie ignorieren beharrlich, dass sich viele Hektar Flächen im Bebauungsverfahren befinden. Es wird demnächst wie verrückt gebaut.