Krefeld: Ein Spaziergang mit Hannelore Kraft

Krefeld : Ein Spaziergang mit Hannelore Kraft

Die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft glänzt mit Normalität im SPD-Graswurzelwahlkampf auf der Neusser Straße.

Irgendwann fragt Zülküf Saricakmak an ihrem prachtvollen Gemüsestand Hannelore Kraft, ob sie vielleicht ein bisschen essen möchte — und zeigt auf ihre 1-A-Gurken. Die Ministerpräsidentin lacht. Es ist einer der heiteren Momente bei einem eineinhalbstündigen Spaziergang über die Neusser Straße, bei dem die SPD-Politikerin ihren Ruf als Menschenfischerin unterstrich. Was immer man von ihrer landespolitischen Bilanz hält: Im Umgang mit normalen Leuten ist sie sympathisch, ungekünstelt und wach.

Die SPD setzt bewusst auf solchen Graswurzelwahlkampf. Frau Kraft soll "nicht von der Kanzel herab" auf einer Kundgebung zu den Menschen sprechen, sagt die Krefelder SPD-Geschäftsführerin Ruth Esser-Rehbein. Die SPD positioniert sich als Kümmererpartei. Ruth Esser-Rehbein ist überzeugt, dass diese Art Wahlkampf viele Menschen erreicht, auch wenn Frau Kraft auf ihrem Spaziergang durch Krefeld vielleicht von 200 Menschen gesehen wurde und nur mit 50 gesprochen hat. "Der Besuch ist überall Thema in den Geschäften und Cafés", resümiert Frau Esser-Rehbein am Schluss, als die Ministerpräsidentin wieder abfährt.

Fremden Menschen zu begegnen ist immer risikobehaftet. Das gilt für die Leibwächter, die ihre liebe Not haben, nah genug bei Frau Kraft zu bleiben; das gilt auch deshalb, weil sich ein solcher Besuch nicht restlos durchinszenieren lässt. Es geht nicht piekfein zu; zwischen den Anzügen der Krefelder SPD-Granden finden sich Schalke-Käppis, T-Shirts, Turnschuhe und Trainingsjacken; die Leute sind spontan und kümmern sich nicht um Zuständigkeiten. Doppelte Staatsbürgerschaft und lange Wartezeiten im Ausländeramt sind zwei zentrale Themen für die Migranten der Neusser Straße — Frau Kraft schaltet und wirbt für die Positionen der Bundes-SPD: für doppelte Staatsbürgerschaft und für mehr Geld vom Bund für die Kommunen. "Ohne den Bund werden wir die Finanzprobleme der Kommunen nicht in den Griff bekommen", sagt sie.

Ein Mann moniert, dass er seine Mutter nicht nach Deutschland holen dürfe — die Ministerpräsidentin redet ihm nicht nach dem Munde: "Wir können nicht jeden, der alt ist und keine Einkünfte hat, reinlassen", sagt sie bestimmt, "das geht nicht". Ein anderer Mann klagt über ein ähnliches Problem: Er sei Taxifahrer und dürfe seine Frau nicht nach Deutschland holen; stattdessen dürften aber "Tausende Salafisten und Taliban" nach Deutschland. Ein heikler Moment, weil der Vorwurf so seltsam ist — Frau Kraft greift den Mann nicht direkt an; erwidert, da müsse man jeden Einzelfall sehen und könne nicht aufrechnen. Es ist ihre Bestimmtheit im Ton, die die Lage klärt; es bleibt bei dem Gefühl, dass jeder gesagt hat, was er zu sagen hatte, und der Mann, der sich so sehr ins Unrecht gesetzt fühlt, redet sich nicht in Rage. Man braucht schon Instinkt und Takt, um einen solchen Dialog nicht eskalieren zu lassen.

Lothar Keitel, Aktivist des Niederrheinischen Umweltschutzvereins (NUV), ist zufällig auf der Neusser Straße, als er Frau Kraft sieht — und spricht sie auf marode Radwege in Krefeld an. Das Geld für die Ostwall-Sanierung hätte man besser in das Radwegenetz gesteckt, sagt er. Frau Kraft verzichtet darauf, billig einen Punkt zu machen. Auch wenn Krefeld einen CDU-Oberbürgermeister habe, müsse man der Ehrlichkeit halber sagen: Die Städte haben zu wenig Geld. In der Pflicht sieht sie dann nicht das Bundesland, das sie führt, sondern eben den Bund. Sie verkneift sich in dem Moment, was sich die Krefelder SPD fast nie verkneift: reflexhaft auf den CDU-Mann einzuprügeln. Kraft strahlt darin Normalität aus — auch ein Akzent: kein Dauerwahlkampfkrampf.

Als hinter einer Glasscheibe zwei alte Damen stehen, klopft Kraft, macht Zeichen, bis die Türe aufgeht — die Damen wissen kaum, wie ihnen geschieht, als sie die Prominente erkennen; ein kurzer Plausch; beide strahlen, und alle sind sich einig: Junge Leute wie der SPD-Kandidat Benedikt Winzen müssen zeigen, was sie so können. Auch das vergisst Kraft nicht: Immer mal wieder auf den Kandidaten hinzuweisen, der es hinkriegen soll in Berlin.

Kraft spricht einen jungen Mann an, der Blickkontakt aufgenommen hatte. Er sagt, sie und nicht Peer Steinbrück hätte eine Chance gegen Merkel gehabt — ein Erdbeben-Thema für die SPD. Die Gretchen-Frage ist ja längst zur Hannelörchen-Frage mutiert: Wie hältst du's mit Berlin? Wenn Steinbrück verliert und SPD-Chef Gabriel fällt — wer führt dann die deutsche Sozialdemokratie? Nicht wenige sehen für diesen Fall Hannelore Kraft in der Pflicht. Sie aber zögert keine Sekunde: "Ich bleibe hier", sagt sie fest, und Krefelds SPD-Fraktionschef im Rat, Ulrich Hahnen, sekundiert: "Wir lassen sie nicht weg." Aus NRW nämlich.

Wetten, dass darüber Sonntag, 18.01 Uhr, noch einmal gesprochen wird? Krafts Krefelder Spaziergang hat gezeigt, warum.

(RP)
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