Krefeld: "Ein Schalk – kein Hofnarr"

Krefeld : "Ein Schalk – kein Hofnarr"

Der Künstler Will Cassel wurde gestern mit dem Stadtsiegel ausgezeichnet. Geehrt wurde der Weltbürger für sein Engagement für Krefeld. "Ihm verdanken wir, dass die Dionysiuskirche wieder eine Spitze hat", sagte der OB.

Den Mann in Schwarz kennen alle. Wenn er von seinen New York Reisen zurückkehrte und aus seinem Heimatbahnhof Krefeld auf die Straße trat, hörte er ständig: "Guten Tag, Herr Cassel" – "Hallo, Will." Und das hat ihm Heimatgefühl gegeben, so ist der gebürtige Dortmunder mit den Kölner Vorfahren zu einem Krefelder geworden. Zu einem so ausgezeichneten, dass Will Cassel gestern das Stadtsiegel verliehen wurde.

Der Ratssaal platze schon vor dem Festakt aus allen Nähten – und viele Besucher hatten Casseltücher und -krawatten angelegt in den unverwechselbar lebendigen Farbkompositionen des Künstlers. "Manches nehmen wir als selbstverständlich, obwohl es außergewöhnlich ist, nur weil wir es seit eh und je kennen", sagte Oberbürgermeister Gregor Kathstede. Und der neue Stadtsiegelträger sei ein Aushägeschild par excellence für die Seidenstadt: "Sein Bekanntheitsgrad liegt bei gefühlten 120 Prozent, seine Beliebtheit mindestens doppelt so hoch."

Dabei wurde der 83-Jährige gestern nicht geehrt, weil er in den 1960er Jahren einer der ersten Vertreter der neuen Kunstbewegung Fluxus war, auch nicht, weil er schon 1977 mit dem Mirò-Preis in Barcelona ausgezeichnet wurde, und nicht, weil er in New York und Japan, Jerusalem und Finnland seine Kunst in Malerei, Zeichnung, Objekt und Performance zeigte und so schon Botschafter für Krefeld war. Das Stadtsiegel bekam er, weil Krefeld sein Universum ist, seit er im Grundschulalter hierher gekommen ist. "Er ist ein Sympathieträger von unschätzbarem Wert", sagte der OB.

Cassel hat an der Werkkunstschule studiert, hat die Welt hier und anderswo genau beobachtet und daraus sein künstlerisches Welttheater zusammengebaut. Die explodierenden Farben, das Thema der Vergänglichkeit und der Gartenzwerg, auf dessen Größe Cassel alle Weltthemen einschrumpft, sind seine Markenzeichen. "Einen Cassel erkennt man immer", sagte Dirk Soechting, der frühere Museumsdirektor von Schloss Burg. In einer sehr launigen Rede rühmte er die bis heute andauernde Produktivität des "Gesamtkunstwerks Will Cassel" im idyllischen Atelierhaus in Traar. "Er ist ein Schalk, kein Hofnarr", meinte Soechting: "Er darf alles sagen."

Und dass er sich einmischt, wissen die Krefelder. Als die Turmspitze der Dionysiuskirche durch einen Sturm zerstört wurde, war Cassel einer der ersten, die aktiv wurden. Das von ihm entworfene Seidentuch brachte eine Menge Spenden. "Ihm verdanken wir auch, dass die Spitze heute wieder oben ist", sagte Kathstede.

So viel Lob – "davon muss ich was aufheben für Tage, an denen ich nicht oben bin", sagt der Künstler gerührt. Er bedankte sich, bei denen, die ihm "den Preis verpasst haben", bei Künstlerkollege Caco, der ihn dafür vorgeschlagen hatte, bei seiner Frau Sigrun, mit der er als mittelloser Künstler auf einem unbeheizten Mansardenzimmer gelebt hatte ("heute geht es uns verdammt gut") und bei den Krefeldern: "Du kannst nur Weltbürger sein, wenn du Heimat und Wurzeln hast, beides haben die Krefelder mir gegeben."

Die Feierstunde umrahmten frisch ausgezeichnete Sieger des Wettbewerbs "Jugend musiziert": das Saxofon-Trio der Musikschule mit Olivia Nosseck, Justus Hünicke und Luca Winkmann.

(RP)
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