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Krefeld: Ein Krefelder aus New York

Krefeld : Ein Krefelder aus New York

Bei den Jüdischen Kulturtagen spielt Lutz Rath morgen Abend Rilke-Vertonungen von Viktor Ullmann. Kurz nach der Uraufführung ist der Komponist Ullmann in Auschwitz hingerichtet worden. Es ist nicht der einzige bewegende Moment für den Interpreten: Lutz Rath lebt seit Jahrzehnten in New York. Es ist das erste Konzert nach 37 Jahren in seiner alten Heimat.

Das Werk steht nur selten auf Lutz Raths Programm: "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke". Denn die Vertonung dieser kurzen Erzählung von Rainer Maria Rilke ist ein emotionales Schwergewicht. Die zwölf Stücke für Sprecher und Orchester oder Klavier hat der österreichisch-ungarische Musiker Viktor Ullmann 1944 komponiert - als Deportierter im Ghetto Theresienstadt. Am 28. September ist das Werk uraufgeführt worden. Am 16. Oktober wurde Ullmann ins KZ Auschwitz überführt, zwei Tage später starb er in der Gaskammer. "Die Aufführung ist immer sehr bewegend", sagt Rath. In New York, wo der gebürtige Krefelder seit 1984 lebt, hat ihn nach einem Konzert eine Frau angesprochen: "Sie hatte in Theresienstadt gesehen, wie Ullmann die Musik schrieb."

In den USA gibt es eine rege Aufführungskultur sogenannter verbotener Musik. In Deutschland taucht sie selten in Konzertprogrammen auf. "Der Umgang mit jener Zeit ist in Amerika ein anderer, die Auseinandersetzung wird sehr offen geführt", sagt Rath. "Es war mir schon immer ein Anliegen, das Stück mal in Deutschland zu machen." Die Jüdischen Kulturtage bieten einen vorzüglichen Rahmen: Morgen, 20 Uhr, wird er die "Weise" in der Jüdischen Gemeinde aufführen - gemeinsam mit Sara Derman (Klavier) und Simone Weber (Klarinette).

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Es wird ein emotionaler Auftritt für Rath - nicht nur wegen des Programms. Seit 1978 ist er nicht mehr in seiner Heimatstadt aufgetreten. Damals war der Cellist mit dem von ihm gegründeten International String Quartet hier. Und diesmal werden sicher viele alte Klassenkameraden im Publikum sitzen, die er längst aus den Augen verloren hat. Denn Rath ist auch zur Gold-Abitur-Feier eingeflogen: Vor 50 Jahren hat er das Abi am Arndt-Gymnasium gemacht. Den Freunden aus der Schulzeit, von denen er viele auch erstmals wieder sieht, wird er viel zu erzählen haben. Die meisten wissen vielleicht noch, dass Lutz Rath damals zum Medizinstudium nach München gegangen war. Der Krefelder jobbte dort in einer namhaften Galerie und spürte schnell, dass Kunst und Musik ihm näher waren als Anatomie und Krankheiten. Als Cellist war Janos Starker - schon damals als "King of Cellists" weltweit gefeiert - sein Vorbild. Also meldete Rath sich an, als der Meister eine Masterclass in Rotterdam gab. "Ich war damals bereits 22, aber ich fragte ihn, ob er mich als Student nehmen würde. Er sagte, er wolle das Experiment wagen. So bin ich ihm zu seinem Lehrstuhl an die Indiana University in Bloomington gefolgt." Amerika war für den jungen Krefelder ein Schlaraffenland der Musik. Er musste nur erst einmal den Kulturschock bewältigen. "In München habe ich in einer Mediziner-Kommune gewohnt. Abend saßen wir in der Küche und haben über uns und die Welt diskutiert", erzählt Rah. Für den politisch engagierten Deutschen war die Gleichgültigkeit der jungen Amerikaner den sozialen Bedingungen gegenüber unverständlich. "Es war die Höchstzeit des Vietnamkriegs. Aber die Musikstudenten waren nur auf ihr Studium fixiert." Rath zog die Konsequenz, ging zurück nach München an die Musikhochschule, war im Asta-Vorstand aktiv und machte sein Staatsexamen. Rath glaubt nicht an Fügung, nur an Zufall. Und der größte war es, als er Janos Starker nach einem Konzert in München auf der Straße traf. "Ich hatte ein paar Monate Bedenkzeit, dann bin ich ihm nach Amerika gefolgt", sagt Rath. Der Watergate-Skandal hatte das Land inzwischen verändert. "Jetzt gab es ein breites politisches Interesse."

Rath gewann Profil: Er erhielt eine Professur in Illinois, gründete 1974 das International String Quartet, das weltweit gefeiert wurde - vor allem in Japan und Südamerika. Als es künstlerische Differenzen gab, besuchte man eine Familientherapie. "Das ist in Amerika nicht ungewöhnlich". Doch die Trennung war unumgänglich. 1984 ging Rath solo nach New York. Dort ist er Direktor des Washington Square Music Festivals in New York, dirigiert das Festivalorchester oder spielt selbst. Auch als Synchronsprecher ist er gefragt. Grenzgänge liebt er, besonders in der Kunst. Dada und Byron, Zemlinsky und Ullmann - Hauptsache bewegend, am liebsten überraschend, gerne verstörend. "Ich weigere mich, Kunst zu erklären. Man muss sie empfinden. Und das ist eine ganz persönliche Sache", findet er. "Musik, die aus einer Krise kommt, hat eine tiefere Dimension."

(RP)