Krefeld: Ein Klingelschild für viele Schicksale

Krefeld : Ein Klingelschild für viele Schicksale

Trauer, Verzweiflung und Glück liegen eng beieinander in den Räumen von Donum Vitae. Die beiden Beraterinnen erleben die verschiedensten Schicksale - von einer 56-Jährigen, die schwanger wird, bis zu muslimischen Mädchen, die schreckliche Angst vor ihrer Familie haben. Teil 3 unserer Adventsreihe.

Am Ende des Gesprächs rührt einen die Vielfalt der Schicksale: "Wir haben hier auch schon weinende Männer sitzen gehabt", sagt Anne Benterbusch, die als Beraterin bei Donum Vitae arbeitet. Es gibt Frauen, die kein Kind wollen und gegen den Willen ihrer Männer abtreiben. Es gibt Frauen, die sich sehnlich ein Kind wünschen und sich aus rationalen Gründen dagegen entscheiden. Unter Tränen. Es gibt Frauen, die mit dem festen Willen zur Abtreibung kommen und das Kind schließlich austragen. Wenn Benterbusch und ihre Kollegin Marita Tautz erzählen, wird man still. Es geht hier oft um dramatische Lebensentscheidungen.

Anne Benterbusch (l.) und Marita Tautz sind als Diplompädagogen und Beraterinnen bei Donum Vitae tätig. Der Koffer dient zur Präsentation von Verhütungsmitteln. Sexualaufklärung gehört auch zu den Aufgabenfeldern von Donum Vitae. Foto: L. Strücken

Dramatisch war auch die Debatte um Donum Vitae (lateinisch für Geschenk des Lebens), die vor nun fast zwei Jahrzehnten das katholische Deutschland aufwühlte. Papst Johannes Paul II. hat 1999 entschieden, dass die katholischen Beratungsstellen aus der staatlichen Schwangerenberatung aussteigen müssen. Grund: Die Ausstellung der Beratungsscheine war rechtliche Voraussetzung für eine Abtreibung; für den Papst war das unvereinbar mit dem Einsatz der Kirche für die Würde des Lebens.

Es gab im katholischen Raum auch die andere Position: Die Kirche müsse sich dem ethischen Dilemma, das in der Ausgabe der Scheine steckt, stellen, um den Kontakt zu den Frauen in Entscheidungsnot nicht zu verlieren und helfen zu können. Das Machtwort aus Rom entschied die Debatte schließlich; die liberalen Katholiken in Deutschland waren enttäuscht. In dieser Situation wurde 1999 Donum Vitae aus den Reihen der Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gegründet, nachdem die katholischen Verbände sich nicht weiter an der staatlichen Schwangerschaftsberatung beteiligten. Der Krefelder Donum-Vitae-Verein wurde ein Jahr nach dem Wort aus Rom gegründet und verstand sich von Anfang an als christlich geprägt und inspiriert. Die beiden Beraterinnen Anne Benterbusch und Marita Tautz sind als ausgebildete Sozialpädagoginnen seit 25 Jahren in der Schwangerschaftskonfliktberatung tätig; Benterbusch hat Sozialpädagogik studiert, Tautz "Soziale Arbeit". Für Donum Vitae geht es um Hilfe und Empathie für Menschen in einer notvollen Entscheidungssituation: "Unser Ziel ist es, dass die Frau eine gute Entscheidung trifft, mit der sie leben kann", sagt Marita Tautz. Auch Angelika Kreuzberg, Vorsitzende des Krefelder Trägervereins von Donum Vitae, betont: "Der Gedanke christlicher Hilfe steht über allem, was wir hier tun."

Niemand wird überredet, ein Kind auszutragen; die Beratung ist "ergebnisoffen"; es gibt keine Vorhaltungen, keine Vorwürfe, keinen moralischen Druck. Diese Grundhaltung muss für manche Frauen wie eine Befreiung wirken. "Unter Umständen sind wir die ersten, die wertfrei über eine Schwangerschaft reden und die Frau nicht zu etwas drängen", sagt Tautz. Es gehe darum auszuloten, welche Entscheidung Bestand hat im Leben einer Frau - denn am Ende liegt die Entscheidung über ein Kind eben doch allein bei der Schwangeren. Zu den erfreulichen Trends gehört der Rückgang ungewollter Schwangerschaften bei Minderjährigen. Benterbusch und Tautz führen das auf die kontinuierliche Aufklärungsarbeit zurück, denn zu den Aufgaben von Donum Vitae gehören auch Schulbesuche. Früher hat es demnach bei Schülern ein paar entscheidende Grundirrtümer gegeben - zum Beispiel der Irrglaube, dass man "beim ersten Mal" nicht schwanger werden könne.

Neu ist die Zunahme von Beratungen bei ausländischen Frauen - mit je eigenen, kulturell geprägten Dramen. In konservativen muslimischen Familien wird eine voreheliche Schwangerschaft oft als persönliche und gesellschaftliche Katastrophe empfunden. "Die Frauen stehen dann unter erheblichem Druck; junge Frauen wollen die Schwangerschaft unbedingt vor ihrer Familie verbergen, weil sie Angst haben, verstoßen zu werden. Sogar Verlobte brechen eine Schwangerschaft ein halbes Jahr vor der Hochzeit ab, damit nicht sichtbar wird, dass sie vorehelich mit ihrem Mann zusammen waren", berichtet Tautz. Neu ist auch der Trend, dass Frauen über 40 die Beratung suchen. Frauen, die bei der Verhütung nachlässig werden, weil sie davon ausgehen, dass die Phase der Fruchtbarkeit vorbei ist. Die Familienplanung ist eigentlich abgeschlossen; plötzlich wirft die Schwangerschaft viele neue Fragen auf. "Die älteste Frau war bei ihrem Schwangerschaftsabbruch 56 Jahre alt", sagt Tautz.

Auch dies ist ein Trend: Einsamkeit. Früher bot die Familie noch selbstverständlicher als heute Rückhalt. "Die Einsamkeit nimmt zu; es gibt hier mehr Frauen, die ohne Freunde und Familie weitgehend auf sich gestellt sind", sagt Benterbusch. Erschreckend sei auch, wie bei Trennungen Elternteile plötzlich alleingelassen werden. Das kann auch bei langjährigen Partnerschaften passieren, wenn einer ein Kind will, der andere aber auf keinen Fall eines haben möchte.

Entscheidungen in einem Beratungsprozess fallen meist nicht abrupt, sondern in der Regel eher "prozesshaft", sagt Tautz, und oft wissen die Beraterinnen nicht, wie sich eine Frau schließlich endgültig entscheidet.

Es geht in den Gesprächen auch um finanzielle Dinge - um Informationen über Sozialleistungen, Arbeitsrecht, Kitas und Tagesmütter, um all das, was auch dazugehört, wenn man ein Kind hat. Und es geht um konkrete Hilfen - etwa um Zuwendungen aus der Bundesstiftung Mutter und Kind oder "Starter Kits" mit einer Neugeborenen-Erstausstattung für junge Mütter.

Zu den schönen Erfahrungen gehört der Dank derer, die beraten wurden. Oder zu sehen, wie Frauen, die zweifeln, ihren Nachwuchs bekommen. Besonders einprägsam war der Fall einer Mutter, die noch einmal schwanger wurde und zögerte, ob sie das Kind wirklich bekommen sollte - die Familienplanung war eigentlich abgeschlossen, die Familie war nicht auf Rosen gebettet, alles würde schwierig werden. Dann hörte sie erst, dass sie Zwillinge bekommen würde, und eine Woche später, dass es Drillinge seien.

Eine Abtreibung kam für sie nicht mehr in Frage.

(RP)